Antarktis: Riesiger Eisberg abgebrochen

Vom Larsen-C-Schelfeis in der Antarktis ist ein riesiger Eisberg abgebrochen. Das verbleibende Eis steht nun dermaßen unter Spannung, dass die gesamte Eisplatte zerfallen könnte.

Von Sandra Kirchner und Friederike Meier

Seit Monaten erwarteten Forscher das Ereignis: den Abbruch eines gigantischen Eisberges am Zipfel der Antarktischen Halbinsel. Ein US-amerikanischer Satellit dokumentierte nun das Wegbrechen eines fast 6.000 Quadratkilometer großen Eisbergs, während er Aufnahmen vom Südpol machte. Mit einem Schlag hat das Larsen-C-Schelfeis auf einmal mehr als zehn Prozent seiner Fläche verloren. Die nun im Meer treibenden Eismassen sind fast sieben Mal so groß wie Berlin. Bis der Gigant geschmolzen ist, könnten Jahre vergehen – sofern er nicht vorher zerbricht.

BildDer Riss hat sich in den vergangenen Wochen immer schneller durchs Eis gefressen. (Foto: NASA)

Das internationale Forschungsteam Midas hatte die Ereignisse in der Antarktis über die vergangenen Jahre via Satellit beobachtet. "Der Riss im Schelfeis hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter vorgearbeitet und gerade im letzten Jahr hat er einige große Sätze nach vorne gemacht", sagt die Gaziologin Daniela Jansen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, die die Entwicklung von Larsen C bereits seit einigen Jahren beobachtet. Allein in der letzten Maiwoche war der Riss um 17 Kilometer gewachsen.

"Wir erwarten dieses Ereignis seit Monaten und waren überrascht, wie lange es gedauert hat, bis der Riss die letzten paar Kilometer Eis durchbrochen hat", sagt Adrian Luckman von der walisischen Universität Swansea, der das Midas-Projekt leitet.

Schelfeis hat eine wichtige Funktion: Wie ein Sicherheitsring umgibt es die Antarktis und verhindert so, dass die Gletscher schnell auslaufen. Die Eisschelfe sind bis zu mehreren hundert Metern dick und ragen mancherorts haushoch aus dem Meer. "Sie entstehen dadurch, dass Eis durch die Auslassgletscher vom Inland in den Ozean fließt", sagt Jansen. Dabei brechen Eisberge immer wieder am Rand der Platte ab und neues Eis wächst nach.

Schelfeis wird instabil

"Auch wenn das ein natürliches Ereignis ist und wir keine Verbindung zum Klimawandel sehen, macht es das Schelfeis sehr instabil", sagt Martin O'Leary, ein Glaziologe im Midas-Projekt. Andere halten es dennoch für wahrscheinlich, dass der Klimawandel dafür gesorgt hat, dass der Riss im Schelfeis schneller wächst: Durch die Erwärmung können Schmelzwasserseen auf dem Eis entstehen, die das Eis instabil machen. Die Lufttemperatur auf der Antarktischen Halbinsel hat sich in den vergangenen 50 Jahren um bis zu zwei Grad erhöht.

In jedem Fall ist der Verlust der Eiskante dramatisch: Laut den Wissenschaftlern von Midas könnte das Schelfeis nun entweder langsam wieder wachsen oder weiter Eis verlieren und kollabieren. Letzteres war schon 2002 der Fall, als es beim benachbarten Larsen-B-Schelfeis zu einem massiven Eisverlust kam. "Unsere Modelle sagen, dass der Eisschelf instabiler wird, aber bis er endgültig zusammenbricht, dauert es noch Jahre oder Jahrzehnte", sagt Wissenschaftler Adrian Luckman.

Vor dem Abbruch hatte der Riss unvorstellbare Ausmaße. (Video: British Artic Survey/​Youtube)

Aber während der neue Eisberg erstmal keine Folgen für den Meeresspiegelanstieg hat – auch das Schelfeis schwimmt ja auf dem Meer – könnte ein Kollaps des ganzen Larsen-C-Eisschelfs dafür sorgen, dass der Meeresspiegel steigt: Dann können nämlich die Gletscher aus dem Inland ungehindert ins Meer abfließen.

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