"Entscheidungen auf Klimafakten gründen"

Ein breites Bündnis von Klimawissenschaftlern fasst am Vorabend des G20-Gipfels den Stand der Forschung rund um die Erderwärmung zusammen. Der Klimawandel ist unbezweifelbar menschengemacht, betonen sie. Steigende Meeresspiegel werden die Küstenmetropolen in allen G20-Staaten vor erhebliche Probleme stellen. 

Von Toralf Staud

Am Vorabend des G20-Gipfels haben deutsche Klimaexperten eine Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes zum Klimawandel vorgelegt. "Irreversible Änderungen globaler und lokaler Klimaprozesse sind heute schon in allen Regionen der Welt zu beobachten", erklärte der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD), Paul Becker, am heutigen Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Hamburg. "Um die Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels auf unsere Gesellschaften zu begrenzen, sind gemeinsame Maßnahmen aller Staaten auf globaler Ebene zum Schutz des Klimas unumgänglich."
BildKlarer Trend (Grafik vergrößern): 14-tägige Hitzeperioden mit einem mittleren Tagesmaximum der Lufttemperatur von mindestens 30 Grad Celsius in fünf deutschen Städten zwischen 1950 und 2015. (Grafik: DWD)

Das neunseitige Dokument fasst einige der sichersten Erkenntnisse der Klimaforschung bündig zusammen: Die Erdatmosphäre hat sich seit Beginn der Industrialisierung deutlich erhitzt, der Aufwärtstrend ist seit Jahrzehnten ungebrochen, die Häufung von Rekordjahren in den vergangenen zwei Jahrzehnten ohne Beispiel. Die Meeresspiegel steigen, die Ozeane versauern. Das Eis in Gebirgsgletschern, auf Grönland und rund um den Nordpol schwindet drastisch.

In Deutschland haben sich die Temperaturen sogar schon stärker erhöht als im weltweiten Durchschnitt. Hierzulande sind heiße Tage bereits deutlich häufiger geworden – samt erheblicher Risiken für die Gesundheit, besonders von älteren Menschen. Die Folgen des Klimawandels seien schon in vielen Sektoren der Gesellschaft zu spüren, so Becker, etwa in der Landwirtschaft.

Breites Bündnis aus Wissenschaft, Kommunikation, Wirtschaft und Behörden

Klimafakten wie diese müssten die Grundlage politischer Entscheidungen zum Klimaschutz sein, hieß es. Die Zusammenfassung wird von neun verschiedenen Organisationen getragen, darunter Wissenschaftsverbände wie das Deutsche Klima-Konsortium (DKK) oder die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG), Forschungsinstitutionen wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) oder die deutsche IPCC-Koordinierungsstelle sowie Spezialisten der Klimakommunikation wie das Portal klimafakten.de, der internationale Verband von Wettermoderatoren IABM oder das Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation (IWK). Außerdem gehören das Versicherungsunternehmen Münchener Rück und die Hamburger Umweltbehörde zu den Initiatoren.

Mojib Latif vom Ozeanforschungszentrum Geomar in Kiel wandte sich während der Pressekonferenz gegen Versuche, Grunderkenntnisse der Forschung in Zweifel zu ziehen. "Der Klimawandel ist eine Tatsache und der Mensch die Hauptursache. Ohne die menschliche Aktivität, insbesondere die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, lassen sich die beobachteten Veränderungen im Klimasystem nicht erklären", betonte Latif, der zugleich Erster Vorsitzender des DKK ist, des Dachverbandes der deutschen Klimaforschungseinrichtungen.

Latif wies den populären Mythos zurück, die gegenwärtige Erderwärmung sei Teil "normaler Schwankungen" im Klimasystem: "Der natürliche Wechsel von Kalt- und Warmzeiten erfolgt über Jahrzehntausende. Die derzeit beobachtete schnelle Erwärmung in nur etwa 150 Jahren ist hingegen eine völlig neue Entwicklung. Der Vergleich mit früheren Warmzeiten ist somit unzulässig."

Anstieg der Meere bedroht Küstenmetropolen in allen G20-Staaten

Besonders wiesen die Experten auf den Anstieg der Ozeane hin – von dieser Folge des Klimawandels seien schon heute alle Industrie- und Schwellenländer der G20-Gruppe betroffen, weil sie sämtlich über Meeresküsten verfügen. Steigende Meeresspiegel würden in den kommenden Jahrzehnten zahlreiche G20-Küstenstädte vor große Herausforderungen stellen. Zum Beispiel sei damit zu rechnen, "dass Überflutungen häufiger werden – und dass sie stärker ausfallen".

Seit dem letzten IPCC-Sachstandsbericht von 2014 habe die Forschung deutliche Fortschritte gemacht, hieß es. So wisse man inzwischen, dass Teile der Antarktis offenbar anfälliger für die Erderwärmung sind als bisher gedacht – der reale Anstieg der Meere könnte daher schon bis Ende des Jahrhunderts die IPCC-Prognosen deutlich übersteigen.

Infolge des Klimawandels steigt das Flutrisiko für hunderte Millionen von Menschen, für Infrastrukturen wie Häfen und Küstenstraßen drohen Schäden in Billionenhöhe. Durch schnellen und ehrgeizigen Klimaschutz könnten die Risiken jedoch noch deutlich vermindert werden.

BildDie CO2-Emissionen der Gegenwart verändern auf lange Sicht die Geografie vieler Länder – weite Landstriche, auf denen heute noch Megastädte stehen, dürften dann im Meer versinken (lila markierte Flächen: Grafik vergrößern). (Grafik: Clark et al. 2016)

Inge Niedek, die Vorsitzende der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, wies auf den Wert unabhängiger und von Politik unbeeinflusster Forschung hin: "Wissenschaft ist der Schlüssel zur Vergangenheit, das Fundament für die Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft, und sie kennt keine Grenzen. Wir brauchen die Wissenschaft, um Erkenntnisse aus der Vergangenheit zu gewinnen, zu verstehen, um daraus zu lernen. Das ermöglicht es uns, hoffentlich die richtigen Schlüsse für die Zukunft zum Wohle zukünftiger Generationen zu ziehen."

Diesen Beitrag veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von klimafakten.de

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