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"Tödliche Hitzewellen" bald Normalfall

An Tage mit über 37 Grad Celsius, wie sie derzeit in manchen deutschen Städten herrschen, sollten wir uns schon mal gewöhnen. Selbst mit drastischem Klimaschutz dürfte laut einer Studie die Hälfte der Weltbevölkerung im Jahr 2100 regelmäßig lebensbedrohlichen Hitzewellen ausgesetzt sein.

Von Benjamin von Brackel

In den nächsten Tagen kommen die Mannheimer an ihre physiologischen Grenzen. Für Donnerstag sind in der Stadt im nördlichen Oberrheingebiet Temperaturen bis zu 39 Grad Celsius angemeldet. Besonders Kinder und alte Menschen sollten sich zumindest in der Mittagszeit nicht draußen aufhalten. Ihre Körper können sich nicht mehr anpassen an die Hitze.

BildAbkühlung gefällig? In vielen Regionen der Erde sind sommerliche Temperaturen nichts Angenehmes mehr, sondern eine Frage des Überlebens. (Foto: Bernal Saborio/​Wikimedia Commons)

An Hitzewellen wie diese sollten wir uns schon mal gewöhnen. Der Klimawandel macht sie immer häufiger. Im Jahr 2100 könnten drei Viertel der gesamten Erdbevölkerung an mindestens 20 Tagen im Jahr lebensbedrohlichen Hitzewellen ausgesetzt sein. Zumindest dann, wenn die Welt wie bisher fossile Rohstoffe verfeuert. Zu dem Ergebnis kommen Forscher um den Geografen Camilo Mora von der Universität von Hawaii in einer aktuellen Studie im Fachblatt Nature Climate Change.

Noch beunruhigender ist eine andere Zahl: Selbst wenn die Weltgemeinschaft sich zu einem wirksamen Klimaschutz durchringen würde, wäre immer noch die Hälfte aller Menschen bis zum Ende des Jahrhunderts regelmäßig Hitzewellen ausgesetzt, die lebensbedrohlich sind.

"Uns gehen die Optionen für die Zukunft aus", sagt Camilo Mora. "Was Hitzewellen angeht, bewegen sich unsere Aussichten zwischen schlecht und furchtbar." Viele Menschen auf der Welt würden bereits den "ultimativen Preis" für die Hitzewellen zahlen. "Während Modelle nahelegen, dass sich das wahrscheinlich fortsetzt, kann es noch viel schlimmer werden, wenn die Emissionen nicht deutlich gesenkt werden", erklärt der Forscher.

Die Gruppe um Mora hat über 30.000 Studien ausgewertet und ist dabei auf mehr als 1.900 Orte in der Welt gestoßen, wo seit 1980 Menschen durch ungewöhnlich hohe Temperaturen gestorben sind. Die Forscher sortierten die Daten und errechneten daraus 783 Hitzewellen in 164 Städten und 36 Ländern. Sie analysierten die jeweiligen Klimabedingungen und ließen einfließen, ab wann die Temperaturen den menschlichen Körper zum Kollabieren bringen. Je nach Luftfeuchtigkeit kann das schon ab 37 Grad Celsius sein.

Derzeit seien etwa 30 Prozent der Weltbevölkerung jedes Jahr solchen "tödlichen Bedingungen" ausgesetzt. "Diese Schwelle zu finden, ab der Klimabedingungen tödlich werden, ist wissenschaftlich wichtig, aber auch beängstigend", sagt Ko-Autorin Farrah Powell. "Das Unheimliche daran ist, wie verbreitet diese Bedingungen schon heute sind."

New York wird im Sommer fast unbewohnbar

Am stärksten betroffen sind – was zu erwarten war – die Tropen, in denen es schon heute rund ums Jahr heiß ist und eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Den Studienautoren zufolge reichen schon kleine Veränderungen, damit "warme" Bedingungen in "tödliche" Bedingungen umschlagen.

Überraschender ist das Ergebnis, dass viele Städte in Industrieländern große Probleme bekommen. Darunter New York, Washington, Chicago, London, Peking und Tokio. Auch Europa ist nicht ausgenommen: Schon die Hitzewelle 2003 brachte etwa 70.000 Menschen um, die Hitzewelle in Moskau 2010 etwa 10.000 Menschen.

Zwar würden etwa die Berliner noch vergleichsweise gut mit der Hitze zurechtkommen, weil es viele grüne Rückzugsmöglichkeiten gebe, sagt Oliver Opatz, Anästhesist und Notfallmediziner vom Zentrum für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Berliner Charité. Allerdings stellt auch er fest, dass durch häufigere Hitzewellen in Deutschland auch mehr Menschen zu ihm ins Krankenhaus kommen. "Den Trend bekommen wir hier durchaus mit."

Der menschliche Körper erlaubt nur leichte Abweichungen von seiner Kerntemperatur von 37 Grad Celsius. Übersteigt die Umgebungstemperatur diese Schwelle, kann er kaum noch gegenregulieren. Überschüssige Wärme kann er nicht mehr einfach abstrahlen. Deshalb drückt er Schweiß durch die Poren auf die Haut, damit das Wasser verdunstet und dabei kühlend wirkt. "Das Limit ist, wenn die Luftfeuchtigkeit so hoch ist, dass die Luft keine Flüssigkeit vom Körper mehr aufnehmen kann", sagt Opatz. Mit anderen Worten: Man wird klitschnass – nur, es hilft nichts mehr.

"Nach 20 Minuten ist Schluss"

Außerdem versucht er, möglichst viel Blut aus dem Zentrum in die Peripherie zu pumpen– die Gefäße erweitern sich, der Herzschlag schnellt hoch. Das funktioniert für kurze Zeit, aber wie in einer Sauna oder im Dampfbad macht der Kreislauf nach etwa 20 Minuten nicht mehr mit. "Das Herz kann Organe wie das Gehirn nicht mehr richtig versorgen, ein Schock tritt ein, im Extremfall ein Herzstillstand", sagt Opatz.

Das Neue an der Studie aus Hawaii ist, dass sie erstmals zeigt, wie normal tödliche Hitzewellen schon heute auf der Welt sind. Auf der Grundlage der aktuellen Daten entwickelten die Forscher auch eine Prognose für die Zukunft. New York zum Beispiel wird demzufolge im Jahr 2100 rund 50 Tage haben, an denen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit die "tödliche Schwelle" überschreiten.

Die Stadt an der Ostküste der USA, glaubt auch der Charité-Arzt, wird es besonders treffen. Denn schon heute ist es dort im Sommer sehr heiß – New York liegt auf gleicher Höhe wie Rom–, während die Luft sehr feucht ist. Außerdem kühlen die Stadtbewohner ihre Apartments oft mit Klimaanlagen auf 18 Grad herunter. Wenn sie dann auf die Straße gehen, falle der Schock für den Körper umso heftiger aus, so Opatz. "Grüne Inseln" als Rückzugsmöglichkeit würden indes oft fehlen.

Die Studie lässt sich somit auch als Signal an die aktuelle US-Regierung lesen. "Klimawandel hat die Menschheit auf einen Weg geführt, der immer gefährlicher wird und immer schwerer zu verlassen ist, wenn die Treibhausgas-Emissionen nicht viel ernster genommen werden", sagt Camilo Mora. "Aktionen wie der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen sind Schritte in die falsche Richtung, die die Lösung eines Problems verzögern, bei dem es einfach keine Zeit mehr zu verlieren gibt."

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