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Der Stechlinsee erwärmt sich doch

Ob Seen und Flüsse in Deutschland sich durch den Klimawandel erwärmen, ist noch nicht klar, sagt die Bundesregierung. Wissenschaftler widersprechen: Der Stechlinsee, den die Regierung als Beispiel nennt, erwärme sich sehr wohl. Die Daten, die die Regierung nutzt, seien nicht repräsentativ.

Von Friederike Meier

Das Wasser des Großen Stechlinsees im nördlichen Brandenburg ist so klar, dass man stellenweise bis zu zehn Meter in die Tiefe schauen kann. Der Stechlin gilt als einer der saubersten Seen Norddeutschlands und ist an seiner tiefsten Stelle 70 Meter tief. Hier, im "Seelabor" des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), erforschen Wissenschaftler, wie sich der Klimawandel auf den See auswirkt.

BildWenn das Wasser in Seen wärmer wird, können leichter sauerstofffreie Zonen entstehen. (Foto: P. Taus/Flickr)

Wenn es nach der Bundesregierung geht, ist bisher nicht klar, ob der Klimawandel auch dafür sorgt, dass sich Seen und Flüsse erwärmen. Das schreibt die Regierung in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag. Das Ministerium beruft sich auf einen Monitoringbericht des Umweltbundesamts aus dem Jahr 2015, in dem Messdaten aus dem Bodensee, dem Waginger See in Oberbayern und dem Stechlinsee in Brandenburg zusammenfasst sind. Bei keinem der Seen sei "auf der Grundlage der Zeitreihen ein signifikanter Trend zu höheren Wassertemperaturen erkennbar", heißt es dort. 

Forscher: Der See hat sich erwärmt

Die Wissenschaftler des IGB, von denen das Umweltbundesamt die Daten zum Stechlin bekommen hat, sehen das anders: "Die Abbildung im Bericht der Bundesregierung zeigt nur die zwei wärmsten Monate im Jahr", erklärt Tom Shatwell vom IGB auf Nachfrage von klimaretter.info. Das sei nicht repräsentativ. "In unserer Veröffentlichung sind die Jahresmittelwerte über einen längeren Zeitraum abgebildet", so Shatwell.

"Eine vollständige statistische Analyse zeigt, dass die Temperatur an der Oberfläche des Stechlinsees seit den 1960er Jahren signifikant um etwa 1,8 bis zwei Grad Celsius angestiegen ist", ergänzt Georgiy Kirillin, ebenfalls Forscher am IGB und Erstautor der Studie. Den Effekt des Atomkraftwerks Rheinsberg, das von 1966 bis 1990 sein gebrauchtes Kühlwasser in den See geleitet hat, haben die Forscher herausgerechnet.

Wasser erwärmt sich auch im Winter

Um die ökologischen Folgen abzuschätzen, ist es zudem nicht sinnvoll, nur die zwei wärmsten Monate anzuschauen: Denn dass – im Fall des Stechlinsees – die Temperaturen im Winter und Frühjahr auch eine wichtige Rolle spielen, stellt Shatwell klar: "Die stärkste Erwärmung der Lufttemperatur war bisher im Frühling. Das beeinflusst auch die Temperatur im See. Eine Erwärmung im Frühjahr kann Folgen im Spätsommer haben."

Das Bundesumweltministerium antwortet auf Nachfrage von klimaretter.info, dass die Abbildung dennoch repräsentativ sei. Sie zeige die Spitzenbelastung durch hohe Temperaturen im Gewässer. "Für diese Aussage ist die Abbildung repräsentativ." Ein Vergleich dieser Abbildung mit einer Darstellung der Jahresmitteltemperaturen dürfe nicht vorgenommen werden, da die Aussage der Jahresmitteltemperaturen eine andere sei.

"Der Unterschied liegt also in der Betrachtung der zwei wärmsten Monate mit dem Jahresmittelwert", heißt es in der Stellungnahme weiter. Beim Mitteln könnten, so das Ministerium, natürlich Aussagen verloren gehen. Außerdem solle nicht allein die Wassertemperatur betrachtet werden, wenn es um die Klimafolgen von sehen geht, sondern zusätzlich die Informationen, wann die Algenblüte im Frühjahr beginnt und wie lang die Stagnationsperiode dauert. Warum es allerdings die Spitzentemperatur und nicht die Jahresmitteltemperatur für seinen Bericht verwendet, schreibt das Ministerium nicht.

"Die Bundesregierung darf wissenschaftliche Erkenntnisse nicht verschweigen, nur weil sie unangenehme Wahrheiten aussprechen", kritisierte Annalena Baerbock, klimapolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, im Zusammenhang mit der Antwort auf die Kleine Anfrage. Den Einfluss der Klimakrise auf die heimischen Gewässer habe die Regierung nicht auf dem Schirm.

Je wärmer, desto weniger Sauerstoff

In Bezug auf Flüsse und Seen allgemein schreibt die Bundesregierung in der Antwort auf die Grüne Anfrage, dass der Einflussfaktor "Klimawandel" nicht von anderen Faktoren wie der Nähr- und Schadstoffbelastung getrennt werden könne. Allerdings sei über die Hälfte der Seen und Flüsse in Deutschland in einem unbefriedigenden oder schlechten ökologischen Zustand.

Für den gut erforschten Stechlinsee scheint die Sache klarer zu sein: "Im Stechlinsee werden durch den zunehmenden Sauerstoffmangel im Tiefenwasser auch mehr Nährstoffe freigesetzt, was zu einer Eutrophierung beitragen kann", erläutert Shadwell. Er sieht einen Zusammenhang zwischen dem ökologischen Zustand und dem Klimawandel im Stechlin: "Es gibt Hinweise darauf, dass eine Erwärmung des Wassers im Winter und Frühjahr dazu beiträgt, dass im Herbst im Tiefenwasser weniger Sauerstoff gelöst ist."

Im Extremfall kann das Wasser in der Tiefe im Sommer komplett sauerstofffrei werden. Fische und wirbellose Tiere verlieren dadurch ihren Lebensraum.

BildDie Forscher vom IGB sind sich sicher, dass er wärmer ist als vor 50 Jahren: Der Große Stechlin im Norden Brandenburgs. (Foto: Oktaeder sen./​Wikimedia Commons)

Um trotz des Klimawandels den Ansprüchen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie zu genügen, reiche es, die Bewirtschaftungspläne zu ändern, so die Bundesregierung. So gebe es für die Elbe einen solchen Plan, der niedrigere Wasserstände aufgrund des Klimawandels einbeziehe. Außerdem könne man Bäume an den Ufern anpflanzen, um die Gewässer zu beschatten.

Eigentlich sieht die Wasserrahmenrichtlinie vor, dass bis zum Jahr 2015 alle Gewässer in einem "guten" Zustand sein müssen. Dieses Ziel hat Deutschland nach Daten des Umweltbundesamts verfehlt.

Dieser Beitrag wurde am 28.06. um 18:48 um die Stellungnahme des Bundesumweltministeriums ergänzt.

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