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Das "CO₂-Gesetz" ist noch erfüllbar

Noch lässt sich das Klima retten. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch äußerst anspruchsvoll. Eine "selbsterfüllende Prophezeiung" soll nun dafür sorgen, dass dies dennoch gelingt: Das "CO2-Gesetz" von Johan Rockström.

Aus Chiang Mai (Thailand) Christian Mihatsch

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist mittlerweile so hoch wie vor drei Millionen Jahren während des Pliozäns. Damals war das Klima zwei bis drei Grad wärmer und der Meeresspiegel 25 Meter höher. Um das Ziel des Paris-Abkommens zu erreichen und die Klimaerwärmung auf "deutlich unter zwei Grad" zu begrenzen, müssen die CO2-Emissionen folglich sehr schnell sinken. Wie schnell, zeigt eine Studie von Johan Rockström, die im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht wurde (klimaretter.info berichtete).

BildFür das Paris-Ziel müssen die CO2-Emisssionen rapide sinken. (Bild: Shankar Narayan/​Wikimedia Commons)

In den Jahren 2020 bis 2030 müssen die globalen CO2-Emissionen demnach halbiert werden und im folgenden Jahrzehnt erneut und dann nochmal. Im Jahr 2050 lägen die Treibhausgasemissionen der Menschheit so bei fünf Milliarden Tonnen pro Jahr.

Dieser Rest muss dann kompensiert werden, indem man der Atmosphäre fünf Milliarden Tonnen CO2 entzieht. Das ist knapp doppelt so viel, wie jährlich durch Wälder und Böden gebunden wird. "Wir wollten zeigen, was es bedeutet, das Paris-Ziel einzuhalten", sagte Rockström dem US-Webmagazin Vox.

Bei seinem Plan hat sich der schwedische Erdsystemforscher am "Mooreschen Gesetz" aus der Computerindustrie orientiert. Dieses besagt, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Computerchip alle zwei Jahre verdoppelt. Über vierzig Jahre lang hatte diese Voraussage Bestand, nicht zuletzt weil sich die Chipentwickler daran orientiert haben.

Mehrere Revolutionen auf einmal

Eine ähnliche Wirkung erhofft sich Rockström von seinem "CO2-Gesetz": "Man könnte sich vorstellen, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung wird: Länder beginnen die Zwischenziele ernst zu nehmen und fangen dann an, die nötigen Innovationen zu entwickeln, damit die Prophezeiung wahr wird."

Dabei ist Rockström klar, wie schwierig die Einhaltung seines "CO2-Gesetzes" wird: "Es geht um eine schnelle Verminderung der CO2-Emissionen, plus eine Revolution bei der Nahrungsmittelproduktion, plus eine Nachhaltigkeitsrevolution, plus einen massiven Ausbau der Techniken für die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre."

Was das Paris-Abkommen bedeutet, fragen sich aber nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die Wirtschaft. Der größte Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, der Öl- und Gaskonzern Shell, der Minenbetreiber BHP Billiton, die deutsche RWE-Tochter Innogy und einige andere Konzerne haben soeben eine Studie mit der gleichen Fragestellung veröffentlicht.

Entwickungsländer elektrifizieren und dekarbonisieren

Darin betonen die Konzerne, dass der Energieverbrauch in Ländern mit Energiearmut deutlich steigen muss, während die Emissionen weltweit schnell fallen. Diese doppelte Zielsetzung halten sie aber für "technisch und wirtschaftlich" machbar. Pro Jahr seien zusätzliche Investitionen von 300 bis 600 Milliarden US-Dollar erforderlich. Vor dem Hintergrund von jährlichen Investitionen in Höhe von 20.000 Milliarden (20 Billionen) Dollar würden die zusätzlichen Investitionen aber "keine größere volkswirtschaftliche Herausforderung" darstellen.

Außerdem fordern die Konzerne eine CO2-Steuer von 50 US-Dollar in den 20er Jahren sowie von 100 Dollar in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts. Die Steuer soll die Energieeffizienz steigern und "verhindern, dass fallende Preise für fossile Kraftstoffe die Geschwindigkeit der Energiewende beeinträchtigen".

Photovoltaik ist entscheidend

Für die Einhaltung des "CO2-Gesetzes" sind Solarzellen eine Schlüsseltechnologie. In einer neuen Studie in Science erörtern Nancy Haegel, Eicke Weber und andere, wie schnell sich die Kapazität der weltweit installierten Photovoltaikanlagen steigern lässt. Vorletztes Jahr waren 227.000 Megawatt am Netz. Die Solarindustrie geht davon aus, dass im Jahr 2030 Solaranlagen mit einer Nennleistung von drei Millionen Megawatt Strom liefern werden.

Die Studie zeigt aber, dass auch zehn Millionen Megawatt möglich sind. Damit ließe sich so viel Strom produzieren wie mit 2.500 Atomkraftwerken und so fast die Hälfte des globalen Bedarfs decken. Erforderlich dafür ist eine jährliche Wachstumsrate der Neuinstallationen von 29 Prozent. Das entspricht der Wachstumsrate in den Jahren 2000 bis 2015.

"Der Hauptmotor für den Solarzubau ist mittlerweile die Wirtschaftlichkeit", sagt Eicke Weber. "Mit jeder Verdopplung der jemals installierten Kapazität sinken die Kosten um 20 Prozent." Die Kosten für Solarzellen folgen damit einer ähnlichen Logik wie die Transistoren im "Mooreschen Gesetz".

Einige Vorreiterstaaten genügen

Dass die Rettung des Klimas "technisch und wirtschaftlich machbar" ist, bedeutet allerdings nicht, dass sie auch politisch durchsetzbar ist. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat zudem gezeigt, dass es immer wieder Rückschläge geben wird. Zum Glück ist es aber gar nicht erforderlich, dass sich alle Länder ab sofort am "CO2-Gesetz" orientieren. Das zeigt eine neue Studie von Klima- und Energieforschern aus Europa und Kalifornien mit dem Titel: "Es braucht nur wenige Akteure, um den Ball ins Rollen zu bringen".

Als Beispiel dient den Autoren der Erfolg der erneuerbaren Energien: "Unterstützungsmechanismen in wenigen Vorreiterländern (Dänemark, Deutschland und Spanien) und US-Bundesstaaten (Kalifornien und Texas) haben Forschung und Entwicklung sowie die Nachfrage angetrieben." Bei Elektrofahrzeugen sehen sie nun eine ähnliche Koalition am Werk: "Norwegen, die Niederlande, Kalifornien und zuletzt China haben Märkte für Elektroautos geschaffen und dazu beigetragen, dass im Jahr 2016 knapp eine Million Elektroautos verkauft wurden."

Die Forscher kommen daher zum Schluss: "Einzelne Länder, die parallel handeln, haben Dynamiken ausgelöst, die globale Märkte verändern."

BildDer westliche Lebensstil verursacht zu viele Emissionen. (Foto: 561/​Flickr)

Die Rettung des Klimas ist also technisch, wirtschaftlich und selbst politisch machbar. Dazu müssen aber alle Beteiligten in Politik und Wirtschaft wissen, welche Schlagzahl von ihnen erwartet wird. Sie brauchen einen Taktgeber – das "CO2-Gesetz", das da lautet: Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null.

[Erklärung]  
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