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Klimawandel stiehlt Fluss

In Kanada hat der Klimawandel erstmals einen ganzen Fluss praktisch verschwinden lassen. Er ist anderswo wieder aufgetaucht. Statt ins Beringmeer fließt er jetzt in den Pazifik. Forscher sprechen von "Fluss-Piraterie".

Von Benjamin von Brackel

Dan Shugar war einer der ersten, die den Diebstahl bemerkten. Der Geomorphologe von der Universität von Washington in Tacoma fuhr mit seinen Kollegen im August 2016 in den Kluane-Nationalpark im Nordwesten Kanadas an der Grenze zu Alaska, um seine Erkundungsarbeiten am Slims River wieder aufzunehmen.

BildLuftaufnahme von der Eisschlucht, durch die Wasser vom Slims River zum Kaskawulsh River fließt. (Foto: Dan Shugar/​UW Tacoma)

Der Fluss speist sich aus dem Schmelzwasser des Kaskawulsh, eines der größten Gletscher Kanadas, und fließt nach Norden über den Kluanesee ins Beringmeer. Als die Forscher in der extrem abgeschiedenen Gegend ankamen, hörten sie von den Anwohnern, dass der sonst recht große Fluss ungewöhnlich wenig Wasser führe.

Die Gruppe um Shugar fuhr weiter zu ihrem Ziel. Die Forscher waren regelrecht schockiert – im Fluss war so wenig Wasser, dass er gar nicht mehr floss. Es war kaum noch möglich, über die alten Sedimente zum Fluss zu gelangen, ständig sanken die Wissenschaftler ein. Tag um Tag konnten sie praktisch zusehen, wie der Pegel sank und der Slims River immer schmaler wurde. "Es gab so gut wie keine Bewegung mehr", sagt Shugar. "Es war im Grunde ein langer, dünner See."

Eine "geologische Obduktion"

Ihre Feldstudie konnten sie vergessen. Da sie aber schon mal da waren und Zeit und Geld investiert hatten, beschlossen sie, dem Rätsel nachzugehen. Sie tüftelten an einem Plan für eine "geologische Obduktion". Mithilfe ihrer Kartierungs-Drohne und der GPS-Geräte fertigten sie ein Höhenbild der Gletscherzunge und der Flussquelle an. Das kombinierten sie mit Durchflussdaten am Gletscher und Satellitenaufnahmen der vergangenen Jahrzehnte. Das Puzzle nahm nun Form an und sie konnten das Sterben des Slims River rekonstruieren.

Für einen Fluss ist der Slims River noch ziemlich jung. Erst vor 300 Jahren entstand er im Laufe der sogenannten Kleinen Eiszeit; das hatte Shugars Kollege John Clague von der Simon-Fraser-Universität in Kanada vor einigen Jahren herausgefunden. Der Slims River floss ins Beringmeer nach Norden, während der kleinere Kaskawulsh River auf der anderen Gratseite in den Golf von Alaksa nach Süden hinabglitt. Jedenfalls bis zum vergangenen Jahr, als es zu einem plötzlichen Abfall des Pegels des Slims River zwischen dem 26. und 29. Mai kam, wie die Forschergruppe nun herausfand. Die Geschichte hat sich wieder umgekehrt.

Das Gletscherwasser fließt ab wie in einer Champagner-Pyramide

Die Ursache fanden die Forscher am Gletschersee. Die Luftaufnahmen zeigten, dass der See sein Bett verändert hatte und deshalb kaum noch den Slims River speiste. Sie entdeckten eine 30 Meter tiefe Schlucht, die sich nun durch das Gletscherende schnitt. Durch diese Spalte konnte das Schmelzwasser vom Gletschersee in einen weiteren See abfließen. "Als ob Champagner in Gläser strömt, die zur Pyramide aufgestapelt sind", sagt Shugar. Möglich wurde die Umleitung des Flusses erst aufgrund einer geologischen Besonderheit: Die Gletscherzunge sitzt direkt auf einem geologischen Scheitelpunkt. Der zweite See läuft nun über den bislang kleinen Kaskawulsh River in eine andere Richtung ab: zum Golf von Alaska.

Während sich der Kaskawulsh River nun zu einem starken Strom gemausert hat, schrumpft der Slims River regelrecht zusammen. Und das hat Folgen. Seine Ufer waren bislang beliebte Wanderrouten, nun müssen sich die Ausflügler neue suchen. Auch für die weißen Dickhornschafe bedeutet der Verlust des Flusses nichts Gutes: Sie können nun zum Grasen in Gebiete vordringen, die für die Jagd freigegeben sind. Und da der Kluane-See nun weniger Wasser vom Slims River erhält und sein Pegel sinkt (im Sommer 2016 auf einen Meter unter dem früheren Allzeittief), entfernen sich die Seeufer nach und nach von den zwei Dörfchen und ihren Bewohnern.

Eine Frage hatten die Forscher aber immer noch nicht beantwortet: Was löste den Einschnitt in der Gletscherzunge aus? Die Gruppe um Shugar nahm Satellitenaufnahmen zu Hilfe, um den Rückgang des Gletschers zu messen. Aus den Ergebnissen schlossen die Wissenschaftler, dass "dieser Fall von Fluss-Piraterie eine Folge des postindustriellen Klimawandels ist", wie es in der nun erschienenen Studie heißt. Tauwetter habe das Gletschereis brüchig werden lassen, wodurch sich die Spalte habe bilden können, durch die das Gletscherwasser nun auf einmal Richtung Süden abfließt.

BildKaum noch Wasser: Messung des Pegelstands am Slims River Anfang September 2016. (Foto: Dan Shugar/​​UW Tacoma/​Flickr)

An sich ist es nichts Ungewöhnliches, dass sich Flüsse aufgrund veränderter Klimabedingungen neue Wege suchen. "Fluss-Piraterie wurde schon früher in der Umgebung von Gletschern festgestellt", schreiben die Forscher im Fachblatt Nature Geoscience. Aber bisher habe sich das im Laufe von Tausenden von Jahren abgespielt. Diesmal hat es nur vier Tage gedauert.

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