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Moose sollen den Feinstaub fressen

In Versuchsreihen haben sich Moose als gute Feinstaubfänger erwiesen. In mehreren deutschen Städten sind freistehende Anlagen im Einsatz oder es werden meterlange Mooswände aufgestellt. Doch Kritiker bezweifeln, dass die Moose allein das Problem mit der Luftverschmutzung lösen können.

Von Sandra Kirchner

In das Graue Zackenmützenmoos setzen viele Stuttgarter ihre ganze Hoffnung. Die Landeshauptstadt Baden-Württembergs ist seit Jahren geplagt durch eine hohe Belastung mit Feinstaub und Stickoxiden. Am Neckartor, wo sich tagtäglich an die 70.000 Fahrzeuge vorbeischieben, werden die zulässigen Grenzwerte zu oft überschritten. An 59 Tagen rief die Stadt im vergangenen Jahr Feinstaub-Alarm aus.

BildIm Labor sind Moose durch einen enormen Heißhunger auf Feinstaub aufgefallen. (Foto: Schulze von Glaßer)

Zuvor hatte Stuttgart alles Mögliche unternommen: Eigens wurde eine Kehrmaschine angeschafft, die Chemikalie Kalzium-Magnesium-Azetat als Feinstaubkleber ausprobiert und versucht, die Stuttgarter zum freiwilligen Auto-Verzicht zu bewegen. Doch die Maßnahmen blieben ohne Wirkung, die Feinstaub-Konzentration sank dadurch nicht.

Viele Stuttgarter hoffen nun auf eine Mooswand, die in den vergangenen Wochen am Neckartor entlang der Cannstatter Straße errichtet wurde. Auf 100 Metern Länge soll das Graue Zackenmützenmoos der feinstaubgeplagten Stadt künftig Linderung verschaffen. Die Erwartungen sind hoch: In Laborversuchen haben sich die Feinstaub-Bindungskapazitäten der Moose, die neben Farnen und Flechten zu den ältesten lebenden Pflanzenarten auf der Erde zählen, als ausgesprochen gut herausgestellt. Demnach zeigen die Moose einen regelrechten Hunger auf das im Feinstaub enthaltene Ammoniumnitrat. Im Praxistest wurde die Absorptionsfähigkeit aber noch nicht belegt. 

Auch das Berliner Start-up Green City Solutions ist von der enormen Leistung der Moose überzeugt. Schon im Verlauf ihres Studiums haben sich die vier Gründer mit vertikaler Begrünung beschäftigt und eine freistehende Filteranlage entwickelt: Das Ergebnis ist eine rund vier Meter hohe und drei Meter breite Wand, die auf beiden Seiten mit Moos bewachsen und mit komplexer Technik ausgestattet ist. 

Solarbetriebene Sensoren messen die Feuchtigkeit und melden Nachfüllbedarf via E-Mail. "Wir wollten nicht den traditionellen Weg gehen, sondern Pflanzen innovativ und auch jenseits ihrer gängigen Verwendung einsetzen", sagt der Gartenbauingenieur Peter Sänger von Green City Solutions.

Für ihren Stadtbaum, den "City Tree", haben die vier Unternehmer verschiedene Moose getestet. Je nach Standort setzen sie unterschiedliche Arten ein. Denn nach der Lage und den Witterungsverhältnissen unterscheidet sich die Zusammensetzung der gesundheitsgefährdenden Partikel. "Feinstaub enthält viele verschiedene Stoffe und ist immer ein bisschen anders aufgebaut", sagt Sänger. "Aber Ammoniumverbindungen sind immer ein Bestandteil." Mit ihrer vergleichsweise großen Blattoberfläche würden Moose den Feinstaub aufnehmen und die Ammoniumverbindungen verstoffwechseln.

Moos- und Luftgüte-Experten bleiben skeptisch

Dass die Moose den Feinstaub tatsächlich gänzlich umwandeln, bezweifelt der Moos- und Flechten-Experte Wolfgang von Brackel. "Alles, was an Schad- oder Nährstoffen auf die Moosoberfläche trifft, nehmen die Pflanzen aufgrund einer fehlenden Außenhaut ungefiltert auf", sagt der Erlanger Biologe. Auch die im Feinstaub enthaltenen Schwermetalle nehmen die urtümlichen Pflanzen auf und lagern sie zwischen ihren Zellen ein. Irgendwann sei die Filterleistung erschöpft und die Moose müssten ausgetauscht werden, sagt von Brackel. Es sei denn, es gelingt, Moosarten zu finden oder züchten, die trotz des starken Schadstoffeintrags dauerhaft am Leben erhalten werden können.

Ob die Moose den Feinstaub tatsächlich verstoffwechseln, ihn einlagern oder ob er einfach nur auf der Oberfläche liegen bleibt, ist für Marcel Langner vom Umweltbundesamt zweitrangig. "Ich bin eher skeptisch, was die Wirkung der Mooswände angeht", sagt Langner, der bei der Behörde für Grundsatzfragen der Luftreinhaltung zuständig ist. Zu gering sei die Fläche der Mooswand, um eine nennenswerte Menge von Partikeln aus der Atmosphäre zu filtern. Zudem sei die Windgeschwindigkeit hierzulande nicht ausreichend, um genügend Feinstaub zu den Moosen zu transportieren. Dadurch sei die Reichweite der Filteranlagen äußert begrenzt.

"Effizienter ist es, die Aktivitäten zu vermeiden, die Feinstaub freisetzen", sagt Langner. Also lieber den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen statt das Auto oder dafür zu sorgen, dass Holzöfen die Grenzwerte einhalten, beziehungsweise auf das Heizen mit Holz ganz zu verzichten. Als Experte für Luftreinhaltung habe er bislang keine Zahlen gesehen, die die proklamierte Leistungsfähigkeit der Mooswand belegen.

Green City Solutions wirbt damit, dass ihre Anlage die gleiche Filterleistung aufweise wie 275 Robinien. Ein Vergleich, den Langner kritisiert, da Bäume weitere Funktionen erfüllen – sie regeln beispielsweise den Wasserhaushalt und bieten Lebensraum für andere Pflanzen und Tiere. Von derlei Skepsis wollen sich die "City Tree"-Entwickler nicht abbringen lassen. Der Technikbaum müsse nur weiter optimiert werden.

BildDie Reinigungsleistung einer Mooswand muss sich erst noch erweisen. (Foto: Karthikeyan Desingu/​Pixabay)

Stuttgart ist derweil voller Erwartungen. Bis zum Ende der vergangenen Woche wurde die noch kahle Wand vollständig mit Moosen bedeckt, nun soll das Graue Zackenmützenmoos die mit Schadstoffen belastete Luft reinigen. Ob die grüne Wand das erwartete Reinigungswunder vollbringt, muss sich dann erweisen. Falls nicht, will die baden-württembergische Landesregierung ab 2018 Fahrverbote für ältere Diesel-Pkw verhängen.

[Erklärung]  
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