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"Moore als Klimaschützer sind in Gefahr"

BildIn der Klimaschutzsprache gelten Moore als wichtige CO2-Senken – aber nicht nur deswegen ist die Nachricht alarmierend, dass europaweit drei Viertel der Moore gefährdet sind, wie die erste europaweite "Rote Liste der Lebensräume" klarstellt. Mitautor Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien sieht aber auch Lichtblicke beim Moorschutz.

klimaretter.info: Herr Essl, Sie waren Ko-Autor der ersten europaweiten "Roten Liste der Lebensräume", die jüngst erschienen ist. Es zeigte sich, dass die Moore am stärksten gefährdet sind. Wie groß ist das Risiko?

Franz Essl: Moore sind nicht nur ökologisch besonders wertvoll, sie haben auch eine wichtige Funktion im Klimasystem – als große Speicher für das Treibhausgas Kohlendioxid. Doch ausgerechnet sie sind in Europa am stärksten gefährdet von allen ökologischen Lebensräumen. Drei Viertel der Moore sind laut unserer Liste bedroht.

Dramatisch ist aber auch die Lage bei den artenreichen Wiesen sowie von Seen-, Fluss- und Küsten-Biotopen. Von diesen sind jeweils 50 Prozent durch Eingriffe des Menschen – wie Intensiv-Landwirtschaft oder Zerschneidung – gefährdet.

In Deutschland sind die Biotope noch stärker unter Druck als im Durchschnitt Europas. Nur in den Niederlanden ist es schlimmer. Warum?

Die Hauptgründe sind: Deutschland ist dicht besiedelt, die landwirtschaftliche Nutzung wurde in den letzten Jahrzehnten stark intensiviert, und rasant gewachsene Siedlungen und ein dichtes Verkehrsnetz durchziehen die Landschaften. Das alles zusammen führt dazu, dass die Lebensraumvielfalt in Deutschland stark bedroht ist.

Gibt es nicht auch Lichtblicke?

Ja, die gibt es. In den letzten 20 Jahren hat die Fläche geschützter Landschaften und Lebensräume in Deutschland massiv zugenommen – vor allem durch die Einführung des europäischen Schutzgebiets-Netzwerks Natura 2000, aber auch durch die Ausweisung neuer Nationalparks und Naturschutzgebiete. Zudem hat die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt anspruchsvolle Ziele festgeschrieben – unter anderem soll der Flächenanteil von ungenutzten, sich natürlich entwickelnden Wäldern auf fünf Prozent erhöht werden. Und viele der noch vorhandenen Moore werden durch Wiedervernässung und Renaturierung wirksam geschützt.

BildEin seltenes Beispiel für Wiedervernässung: Das Große Torfmoor bei Lübbecke/Hille in Ostwestfalen. (Foto: Corradox/​Wikimedia Commons)

Was ist nötig, um eine echte Trendwende einzuleiten?

Klar ist, dass der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen – also der Arten- und Lebensraum-Vielfalt – einen höheren politischen Stellenwert benötigt. Es mangelt nicht an Zielen und Absichtserklärungen, sondern an der Umsetzung des Vereinbarten. Das bedeutet konkret, dass etwa in der Agrarpolitik und in der Raumplanung der Schutz der Biodiversität ein wichtiges Ziel werden muss. Und generell ist die massive Unterfinanzierung des Naturschutzes zu beenden. Ich bin überzeugt: Die breite Bevölkerung würde dies mittragen, denn den meisten Menschen ist der Wert schöner, lebenswerter Landschaften intuitiv bewusst.

Interview: Joachim Wille

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