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Keine Erwärmungspause in Sicht

Nach drei Rekordjahren sagen Forscher für 2017 einen langsameren Anstieg der globalen Temperatur voraus. Ursache ist das Abklingen des Wetterphänomens El Niño. Ein Grund zur Entwarnung sei das aber nicht.

Von Susanne Götze und Benjamin von Brackel

In den vergangenen Jahren jagte in Sachen Erderwärmung ein Rekord den nächsten: Erst wurde 2014 zum wärmsten Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen gekürt, dann 2015, dann 2016. Bis zum August 2016 wurden laut der US-Wetter- und Ozeanografiebehörde 16 Rekord-Hitze-Monate in Folge gemessen – ein Novum. Jahrelang hatten Klimaleugner über eine angebliche "Erwärmungspause" spekuliert – doch nach 2014 wurden sie merklich ruhig. Die steigenden Messwerte sprachen ganz einfach für sich selbst.

BildKeine Entwarnung für sensible Ökosysteme: Auch wenn der Temperaturanstieg 2017 langsamer verläuft, der Klimawandel schreitet mit großen Schritten voran. (Foto: Jason Auch/​Wikimedia Commons)

Anfang dieser Woche gab der britische meteorologische Dienst Met Office für 2017 eine moderatere Prognose ab – mit einem neuen Rekordjahr sei nicht zu rechnen. Und schon lief die Meldung als dick gedruckte Schlagzeile auf den einschlägigen Webseiten der Klimaleugner.

Allerdings ist die neue Prognose alles andere als eine Klima-Entwarnung. Die britischen Meteorologen erwarten, dass in diesem Jahr die globale Durchschnittstemperatur etwa ein dreiviertel Grad Celsius über dem Durchschnittswert der Jahre 1961 bis 1990 liegen wird (14 Grad) und ein knappes halbes Grad über dem Durchschnittswert der Jahre 1981 bis 2010 (14,3 Grad). Für ihre Prognose konnten sie auf einen neuen Supercomputer zurückgreifen. "2017 wird weltweit sehr warm werden, aber es ist unwahrscheinlich, dass es 2015 und 2016 übertrifft."

El Niño ist abgeklungen

Der Grund für das temporäre Abbremsen in der Erwärmung liegt den Wissenschaftlern zufolge daran, dass das Wetterphänomen El Niño im vergangenen Herbst endgültig abgeklungen ist. Diese Strömungsumkehrung im ozeanografisch-meteorologischen System des äquatorialen Pazifik tritt alle paar Jahre auf und sorgt für Wetterextreme in vielen Teilen der Welt – und auch für einen Extraschub bei der Erderwärmung.

Allerdings hat dieser Effekt laut den Forschern nur einen geringen Anteil am globalen Temperaturanstieg. "Das Wetterphänomen El Niño ist nur für rund 0,2 Grad des Temperaturanstiegs verantwortlich, wenn man als Referenzperiode die Temperaturentwicklung von 1961 bis 1990 nimmt", erklärte Klimaforscher Chris Folland vom Met Office. "Die menschengemachten CO2-Emissionen bleiben die Hauptursache für den weltweiten Anstieg der Temperaturen."

Mit einer Pause in der globalen Erwärmung ist also nicht zu rechnen. Klimaforschern zufolge hatte es diese auch zu Beginn der 2000er Jahre nicht gegeben. Damals hatten Klimaskeptiker behauptet, dass die globale Mitteltemperatur seit zehn oder sogar 15 Jahren nicht mehr angestiegen sei.

Ohne die Ozeane wäre es 36 Grad wärmer

Den Grund für den relativ moderaten Temperaturanstieg fanden die Forscher in den Tiefen des größten CO2- und Wärmespeichers der Erde: der Ozeane. Das Grantham Institute in London errechnete schon 2015 in einer Studie, dass sich die Erde ohne die Ozeane bereits um 36 Grad statt bisher um etwas über ein Grad erwärmt hätte. Zwischen 1971 und 2010 absorbierten die Weltmeere rund 90 Prozent der zusätzlichen Wärmeenergie, die der Mensch vor allem durch die Nutzung fossiler Energien verursacht hat. Die Ozeane verhinderten so einen dramatischen Anstieg der globalen Temperatur.

Doch die Wärme "verschwindet" auch im Meer nicht so einfach: Forscher des globalen Ozean-Überwachungssystems GOOS gehen mittlerweile davon aus, dass sich die lange in Studien vernachlässigte Tiefsee stärker aufheizt als bisher angenommen. Ihre Messergebnisse stärken die These, dass der geringere Anstieg der globalen Oberflächentemperatur im vergangenen Jahrzehnt keineswegs eine "Erwärmungspause" gewesen ist. Der Temperaturanstieg in der Tiefsee könnte erklären, wo die Wärme "geblieben ist".

Da die Oberflächen der Kontinente sowie die Ozeane bis in eine Tiefe von 500 Metern kurzfristigen Wetterschwankungen und natürlichen Strömungen unterworfen seien, so die Forscher, sei der Temperaturanstieg schwieriger nachzuweisen. Rechne man jedoch die Tiefseeerwärmung und den Anstieg der Oberflächentemperatur zusammen, dann passen die Projektionen von CO2-Emissionen und Erwärmung wieder.

BildDer Erwärmungstrend seit 100 Jahren ist deutlich zu erkennen – auch wenn es von Jahr zu Jahr Schwankungen gibt. Der grüne Bereich markiert die Prognose für 2017. (Grafik: Met Office)

Doch der Temperaturanstieg in den Meeren hat eine doppelt verheerende Wirkung: Die Ozeane können auf lange Sicht immer weniger CO2 aufnehmen und die Ökosysteme geraten unter steigenden Druck. Wer behauptet, es sei Anfang der 2000er Jahre nichts passiert, muss also in die Tiefen des Ozeans schauen. Und wer beim Ausbleiben eines neuen Rekordjahres am Ende eines El-Niño-Zyklus gleich ein Anzeichen für eine Abkühlung sieht, sollte sich die Aussage des Statistikers Grant Foster zu Herzen nehmen: "Die globalen Temperaturdaten sind wie die meisten Daten eine Kombination aus Trend und Fluktuation. Der Trend, das ist der Klimawandel, die Fluktuation, das ist Rauschen. Fluktuationen steigen und fallen und steigen und fallen und steigen und fallen, aber sie gehen nie wirklich irgendwohin. Der Trend tut das schon."

[Erklärung]  
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