Klimawandel trifft Afrika am stärksten

Mosambik und Malawi leiden laut dem neuen Klimarisiko-Index am stärksten unter Extremwetterereignissen. Europa liegt in der Spitze bei den Hitzetoten, Südostasien bleibt langfristig gesehen am meisten betroffen: Schlechte Nachrichten vom Klimawandel drängen die Diplomaten beim UN-Gipfel in Marokko zur Eile.

Aus Marrakesch Benjamin von Brackel

Wer den Klimawandel für ein Phänomen der Zukunft hält, der sollte sich mit einem Ostafrikaner unterhalten. Am besten mit jemandem aus Mosambik: Ende 2014 litten die etwa 25 Millionen Einwohner des südostafrikanischen Staates unter einer Dürre – der für die Jahreszeit übliche Monsun wollte einfach nicht kommen. Erst im Dezember kam der Regen – und zwar über Wochen und so stark, dass Dörfer und Städte überflutet wurden und Hunderttausende ihre Häuser verlassen mussten. Im darauffolgenden Frühjahr schlug die nächste Dürre zu, die schlimmste seit den 1980er Jahren. Viele Mosambikaner mussten in der Not ihre Ziegen, Kühe oder Hühner verkaufen. Etwa jede dritte Familie hatte keine Gewissheit mehr, genug zu Essen zu bekommen.

BildMalawis Umweltamtschefin Taonga Mbale sowie Sönke Kreft und Christoph Bals von Germanwatch (von links) stellen beim Klimagipfel in Marrakesch den neuen Klimarisiko-Index vor. (Foto: Benjamin von Brackel)

Kein Land der Welt wurde im vergangenen Jahr stärker von Extremwetterereignissen getroffen als Mosambik. Das geht aus dem diesjährigen Klimarisiko-Index der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch hervor, der am Dienstag auf der UN-Klimakonferenz in Marrakesch vorgestellt wurde. Grundlage sind Sterbezahlen und der wirtschaftliche Schaden.

Dass der Klimagipfel gerade in Afrika tagt, ist mehr als passend: Der Kontinent wurde laut dem Bericht im Jahr 2015 am stärksten von Extremwetter gebeutelt. "Afrika ist besonders verwundbar, vor allem durch Dürren", sagt Hauptautor Sönke Kreft von Germanwatch.

Neben Mosambik traf es vor allem Malawi, das auf Rang drei landete. "Wir hatten verheerende Überflutungen", erzählt Taonga Mbale, die Leiterin der malawischen Umweltbehörde. Hunderttausende Menschen hätten ihr Obdach verloren, das Bruttoinlandsprodukt sei eingebrochen und Hunderte Millionen Dollar an Schäden seien entstanden. Aber auch Ghana und Madagaskar traf es hart – beide belegen zusammen den achten Rang. Die Afrikaner fordern nun von den Industrieländern mehr Hilfe – Gelder zur Anpassung an den Klimawandel, aber auch Technologietransfer.

"Auch Europa ist nicht gut vorbereitet"

Der Bericht nimmt auch die Extremwetterfolgen der vergangenen 20 Jahre unter die Lupe. Dabei fällt auf: Auf den Plätzen eins bis zehn des Index stehen nur Entwicklungsländer, mit Ausnahme von Thailand alles Länder mit niedrigem Einkommen. An der Spitze liegt nach wie vor Honduras, gefolgt von Myanmar und Haiti. Mit den Philippinen, Bangladesch, Pakistan und Vietnam ist Südostasien neben Afrika besonders betroffen.

Das heißt allerdings nicht, dass Industrieländer verschont bleiben, das zeigt etwa der Hurrikan "Katrina" in den USA. "Das Telefonbuch von New Orleans ist heute nur noch halb so dick", sagt Germanwatch-Politikchef Christoph Bals. Gerade die armen Menschen seien es, die unter den Folgen am meisten zu leiden haben.

Deutschland liegt mit den Überflutungen und Stürmen der vergangenen Jahre, aber auch mit den Folgen der Rekordsommer im Langzeittrend auf Platz 23, Frankreich gar auf Platz 18. Dem Nachbarn machte vor allem die starke Hitzewelle zu schaffen, die 3.300 vorzeitige Tote zur Folge hatte. Nur in Indien starben mehr Menschen vorzeitig durch Hitzewellen – das Extremwetterereignis, das weltweit am meisten Todesopfer fordert. "Wir sehen, dass Europa auf solche Hitzewellen noch überhaupt nicht gut vorbereitet ist", sagt Bals. In Zukunft werde es solche extrem heißen Sommer alle zwei bis drei Jahre geben.

Der Bezug zum Klimawandel lässt sich bei den Hitzewellen noch ganz gut ziehen, bei anderen Ereignissen wie Überflutungen ist das ungleich schwerer. "Einzelereignisse lassen sich in den seltensten Fällen direkt dem Klimawandel zuordnen", betont Bals. "Aber global kann man den Trend ganz stark ablesen."

BildZiegen sind für viele Ostafrikaner eine Überlebensgarantie. Sie verkaufen zu müssen bedeutet den Absturz in die absolute Armut. (Foto: Donatella Lorch/Flickr)

Weltweit sind laut dem Bericht 530.000 Menschen in den vergangenen 20 Jahren durch insgesamt 11.000 Extremwetterereignisse gestorben. Der wirtschaftliche Schaden summiert sich auf fast 3,3 Billionen US-Dollar.

"Für viele Menschen ist der Klimawandel etwas, das in der Zukunft passiert", sagt Sönke Kreft. "Aber er ist schon heute auf der ganzen Welt Wirklichkeit." Insofern lässt sich diese 30-seitige Bestandsaufnahme auch als Signal an die Verhandler in Marokko verstehen: Sie sollten sich nicht mehr viel Zeit lassen.


Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

 

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