"Soziale Innovationen aus der Nische holen"

BildZum Megaprojekt Energiewende gab es auch Mega-Forschung: 30 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium, 33 Forschungsverbünde, drei Jahre Dauer und eine zweitägige Schlusskonferenz Anfang Oktober in Berlin, alles koordiniert vom Öko-Institut und vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE). Was beim Schürfen an der "Umwelt- und gesellschaftsverträglichen Transformation des Energiesystems" herauskam, erläutern Rainer Grießhammer vom Öko-Institut und Matthias Bergmann vom ISOE im ersten Teil des Interviews.

BildGrießhammer (Foto oben), Gründer und Geschäftsführer des Freiburger Öko-Instituts, und Bergmann, Evaluationsexperte beim ISOE in Frankfurt am Main, stellten sich in Berlin gemeinsam den Fragen von klimaretter.info – für einen allein, sagten sie, sei es schlicht unmöglich, über alle Projekte den Überblick zu haben. Fertige Antworten sind von ihnen nicht zu erwarten, eher gilt: Jetzt kennen wir die weißen Flecken der Energiewende besser.

klimaretter.info: Herr Grießhammer, Herr Bergmann – 2013 startete das von Ihren Instituten betreute Forschungsprogramm zur Energiewende. Seitdem gab es zwei EEG-Reformen, ein Gesetz zum Strommarkt 2.0, eines zum Netzausbau und anderes mehr. Hinkt die Wissenschaft der politischen Dynamik nicht hoffnungslos hinterher?

Matthias Bergmann: Tatsächlich hatten es die Forscher mit einem "beweglichen Ziel" zu tun. Fragen, die sie sich anfangs gestellt hatten, waren mit der Zeit schlicht und ergreifend überholt. Einen politisch so volatilen Gegenstand zu erforschen war nicht einfach.

Rainer Grießhammer: Zu diesem ganz aktuellen Thema zu forschen war schon etwas Besonderes. Normalerweise führt man als Wissenschaftler seine Studien durch und hofft, dass die Politik darauf reagiert. Dass es diesmal umgekehrt kam, war wirklich eine Herausforderung für Wissenschaftler und Praktiker. Die in den Projekten gewonnenen Erkenntnisse beziehen sich überwiegend auf einen längeren Zeitraum. Wie sieht es in den nächsten Jahrzehnten mit der Gebäudesanierung oder mit dem Design des Strommarkts aus? Aus dieser Sicht ist das Bundesforschungsministerium mit den Ergebnissen des Programms sehr zufrieden.

Ist die Energiewende denn noch aufzuhalten oder droht gar ein "Rollback"?

Grießhammer: Im Strombereich ist die Energiewende sicher durch, der Atomausstieg wird nicht mehr "abgewickelt" werden. Erneuerbare Energien haben jetzt schon einen Anteil von einem Drittel beim Strom und bleiben auf dem Vormarsch – trotz des Abbremsens durch die EEG-Reform 2016. Und auch der Kohleausstieg deutet sich mit ersten, wenngleich noch zaghaften Schritten an.

Schwieriger ist es im Gebäudebereich und erst recht bei der Mobilität. Hier stehen die Ampeln eher noch auf Rot.

Bergmann: Schaut man sich aber das Gesamtsystem an – Strom, Wärme und Verkehr und ganz besonders die Elektromobilität – und listet auf, wo künftig jeweils Ökostrom eingesetzt werden soll, wird der eigentliche Selbstläufer erneuerbarer Strom wieder mit Fragezeichen versehen. Angesichts der enormen Mengen von Ökostrom, die man dann zusätzlich braucht, ist schon fraglich, ob das so einfach umgesetzt werden kann.

Die Strategie, vor allem mithilfe von Ökostrom alles klimaneutral zu gestalten, macht unter dem Schlagwort "Sektorkopplung" Karriere. Was sagt die Wissenschaft, wo dieser ganze Strom herkommen soll?

Grießhammer: Bis 2025 werden noch klassische Anwendungen den Einsatz des Stroms dominieren. Bis dahin wird auch Elektromobilität noch keine wesentliche Rolle spielen. Aber später stellt sich die große Frage, ob man in Deutschland für die Elektromobilität noch weitere erneuerbare Anlagen durchsetzen kann.

Sollten sich nicht ganz wunderbare Fortschritte einstellen, so beim Verkehrsverhalten oder bei den Wirkungsgraden der Photovoltaik, wird ein Teil der zusätzlich erforderlichen Stromerzeugung wahrscheinlich ins Ausland verlagert. Das wird ganz neue Debatten auslösen. Stichwort Nordafrika: Man könnte von dort direkt Strom holen oder dort strombasierte Kraftstoffe herstellen und dann per Tanker hierher schaffen lassen.

Massenhaft Ökostrom aus dem Ausland zu beziehen kann auch als neue Art Problemverlagerung verstanden werden. Wo bleibt denn die Effizienz? Gilt die Faustregel noch, dass Haushalte 40 bis 50 Prozent ihres Stroms einsparen könnten?

Grießhammer: Aber ja: Ein durchschnittlicher Haushalt könnte ohne Weiteres bis zu 50 Prozent einsparen. Das hat das Projekt zu den sogenannten Stromeffizienzklassen noch einmal eindringlich gezeigt. Die dazu veröffentlichte Broschüre müsste eigentlich jeder Stromrechnung beigelegt werden. Denn bislang werden die großen Einsparmöglichkeiten nicht realisiert, außer von den üblichen drei bis fünf Prozent der Haushalte, die bei ökologischen Themen immer Vorreiter und Pioniere sind. Die meisten Haushalte murren zwar über hohe Stromkosten, 70 Prozent von ihnen können aber gar nicht beziffern, was sie bezahlen, geschweige denn, was sie einsparen könnten.

BildBei der Energiewende geht es am Ende um nicht weniger als die Schaffung einer neuen globalen Infrastruktur. (Foto: Screenshot/Mobilo Habit/Joachim Sommer/Youtube; Porträtfoto Rainer Grießhammer: Patrick Seeger/Öko-Institut; Porträtfoto Matthias Bergmann: Ralf Brinkhoff/Birgit Mögenburg/Leuphana)

Bergmann: Dazu kommen noch die Rebound-Effekte. Man kauft sich ein neues, effizientes Gerät, zum Beispiel einen Kühlschrank, aber dann gleich einen größeren, weil der doch so schön sparsam ist.

Seine Stromrechnung kann der Verbraucher so oder so kaum nachvollziehen. Er hört jetzt, dass 2017 die EEG-Umlage und die Netzentgelte steigen und Strom teurer wird – dieser bleibt aber an der Börse unschlagbar billig. Und je billiger er dort wird, desto teurer könnte Haushaltsstrom werden. Wer soll das verstehen und daraus noch Sparanreize ziehen?

Grießhammer: Nun, das war sicher ein Fehler, die Höhe der EEG-Umlage auf die Differenz zum Börsenstrom zu beziehen. Noch ärgerlicher ist, dass die Versorger die Einsparungen durch den günstigen Börsenpreis nicht an die Verbraucher weitergeben. Bei großen und weitreichenden Veränderungen passieren leider auch Fehler. Das unterscheidet die Energiewende nicht von anderen Entwicklungen. Die Welt wird immer komplexer, ob es nun die Finanzmärkte, der Brexit oder die Flüchtlingsfrage sind. Die Zeit der einfachen Antworten ist schon lange vorbei.

Entscheidend für die Vermittlung der Energiewende sind aber nicht technische Details oder einzelne Kostensteigerungen, sondern attraktive Visionen, das Aufrechterhalten der Aufbruchstimmung und das Durchhaltevermögen der Politik.

Soziale Innovationen – zum Beispiel gemeinschaftliche Lösungen wie Mieterstrom – werden derzeit recht stiefmütterlich behandelt. Haben wir da eine Leerstelle in der Energiewende?

Bergmann: Tatsächlich gibt es bislang einen Fokus auf technologische Innovationen, und die waren ja bei der Photovoltaik und der Windenergie auch äußerst erfolgreich. Aber gerade bei der Mobilität und im Gebäudebereich brauchen wir zusätzlich soziale Innovationen.

Dazu wurden im Forschungsprogramm interessante Fallstudien zu Stadtquartieren, Energiegenossenschaften und Stadtwerken durchgeführt, so in den Projekten TransStadt, EnerTransRuhr, EnGeno und SW-Agent. Der nächste Schritt müsste sein, diese Ideen in die Breite zu führen. Das können aber Forschungsprojekte nur schwer leisten, weil ihre Laufzeiten zu kurz sind und Umsetzung in einem traditionellen Verständnis nicht die Aufgabe von Forschung ist.

Soziale Innovationen aus der Nische herauszubringen, sie auf ähnliche Strukturen zu übertragen und "hochzuskalieren", wie man heute sagt – das ist für mich eine der künftigen Aufgaben. Wissenschaft und Forschungsförderung müssen gemeinsam zur Einsicht kommen, dass Forschen mehr ist, als nur Wissen zu erzeugen. Forschung für die Gesellschaft heißt auch, das Wissen wirkungsvoll werden zu lassen und die Umsetzung zu begleiten.

Grießhammer: In den Projekten stecken viele innovative, praxisgerechte Empfehlungen – wie bei EnGeno zu Energiegenossenschaften, bei EnEEbler zu betrieblichen Energiegenossenschaften oder bei TransStadt zu ganzheitlichen Quartierskonzepten.

Quer durch alle Projekte zeigt sich, dass ihre Zukunft davon abhängt, welchen Rahmen der Staat setzt. Mehrere Gesetzesänderungen der letzten Jahre haben zum Beispiel die Bürgerenergiewende deutlich geschwächt. Damit sinkt voraussichtlich auch die Unterstützung für die Energiewende.

 
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gesprächs: "Bürgerbeteiligung ist kein Heilsversprechen"

Interview: Jörg Staude

BildDie Serie "Energiewende 2.0" beleuchtet in sechs Teilen den Weg zu der bis 2050 angestrebten Dekarbonisierung aller Bereiche.

[Erklärung]  
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