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Gewaltsamer Klimawandel

Erst die Dürre, später der Krieg: Eine neue Studie skandinavischer Forscher konkretisiert den Zusammenhang zwischen Klimawandel und wachsendem Gewaltpotenzial. Eine entscheidende Rolle spielt die ökonomische Abhängigkeit von landwirtschaftlichen Erträgen.

Aus Stockholm Reinhard WolffBild

Heizt der Klimawandel die Gefahr von Kriegen und Konflikten an? Forscher diskutieren einen solchen Zusammenhang seit Jahren und der Weltklimarat IPCC äußerte in seinem Klimabericht 2014 die Befürchtung, die Zunahme von Trockenheit und Dürreperioden könnte über Hungerkatastrophen zu Bürgerkriegen und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen beitragen.

BildKonfliktforscher sehen einen Zusammenhang zwischen dem Krieg in Syrien und den Folgen des Klimawandels. (Foto: VOA News/Wikimedia Commons)

Am Beispiel des Bürgerkriegs in Syrien hatten US-Forscher in einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie an diesem konkreten Fall Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel, einer extremen Dürre und der Destabilisierung von Staaten gefunden, die vermutlich mitauslösende Faktoren für Gewalt und Flüchtlingsströme waren.

Naturkatastrophen als zusätzliche Stressfaktoren

Die Ergebnisse dieser Fallstudie untermauern eine vor drei Monaten veröffentlichte Studie, die Schadensdaten von 18.000 Naturkatastrophen auswertete und einen Zusammenhang von Dürre und Konflikten in multi-ethnischen Ländern fand. Ihr Resultat fasste Ko-Autor Jonathan Donges vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung so zusammen: "Wir denken, dass ethnische Spaltungen eine gesellschaftliche Bruchlinie sein können, wenn zusätzliche Stressfaktoren wie eben Naturkatastrophen eintreten. Das könnte multi-ethnische Länder besonders anfällig für die Folgen solcher Desaster machen."

Die Autoren hatten unter anderem eine Datenbank der Universität Uppsala ausgewertet, in der bewaffnete Konflikte seit 1989 erfasst werden. Diese Daten sind nun auch Grundlage für eine in dieser Woche in der Wissenschaftspublikation PNAS veröffentliche Studie einer schwedisch-norwegischen Forschergruppe unter Federführung von Nina von Uexküll vom Institut für Friedens- und Konfliktforschung der Uni Uppsala. In ihr wird versucht, den Zusammenhang zwischen klimawandelbedingtem Wassermangel oder Dürre und der Wahrscheinlichkeit davon ausgelöster gewaltsamer Konflikte weiter zu verfeinern.

"Bisherige Studien haben zu wenig den gesellschaftlichen Zusammenhang reflektiert, vor dessen Hintergrund Dürre eine plausible Erklärung für ein gestiegenes Konfliktpotenzial darstellt", erläutert von Uexküll. Zusammen mit dem Osloer Friedensforschungsinstitut Prio habe ihr Institut deshalb ein Modell über die Kopplungen zwischen Klima und (In-)Stabilität in einer Gesellschaft unter den jeweils zugrunde liegenden sozial-ökonomischen Bedingungen der betroffenen Bevölkerung entwickelt.

Das Resultat: Nicht alle gesellschaftlichen Konflikte, die in ausgeprägten Dürreperioden ihren Ursprung haben, tragen auch quasi automatisch das Potenzial eines gewaltsamen Ausbruchs in sich.

Teufelskreis aus Umwelteinflüssen und Konflikten

Neben dem Vorhandensein ethnischer Spaltungen, der politischen Marginalisierung von ethnischen Gruppen und bereits bestehenden bewaffneten Konflikten spiele die ökonomische Abhängigkeit von landwirtschaftlichen Erträgen eine entscheidende Rolle. Die Gefahr gewaltsamer Konflikte in der Folge von Klimakatastrophen sei in den am wenigsten entwickelten Staaten und bei solchen Bevölkerungsgruppen am größten, deren Auskommen in hohem Maße auf landwirtschaftlicher Produktion beruht.

"Wo diese Risikofaktoren zusammentreffen, ist mit einer Wechselwirkung zwischen Natur und Gesellschaft zu rechnen, bei der schockartige Umweltentwicklungen und gewaltsame Konflikte zu einem Teufelskreis mit sich gegenseitig hochschaukelnden Abläufen führen können", so von Uexküll.

Warum eine solche Differenzierung und Konkretisierung wichtig ist? Die Klimaforschung ist sich einig, dass Dürren und andere extreme Wetterphänomene in der Zukunft aller Voraussicht nach zunehmen. "Darauf müssen wir uns vorbereiten und dazu gehört es, herauszufinden, welche Bedingungen Gesellschaften besonders anfällig gegen die Auswirkungen des Klimawandels machen", meint die Forscherin. Wenn solche "Hotspots" gefunden seien, könne man sich gezielt auf Regionen einstellen, in denen es bereits ein gefährliches Konfliktpotenzial gebe. Damit stiegen die Chancen, die Konfliktanfälligkeit dieser Gesellschaften gegen Klimakatastrophen zu verringern.

BildVor dem Krieg in Syrien gab es eine Dürre, auf die die Regierung keine Antwort fand. In der Folge entwickelte sich ein offener Konflikt. (Foto: VOA News/Wikimedia Commons)

Von Uexküll: "Unsere Studie deutet darauf hin, dass es – neben der Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel – besonders wichtig ist, bestehende Konflikte zu lösen und die systematische Marginalisierung von ethnischen Gruppen in den betroffenen Ländern zu beenden, zum Beispiel durch Unterstützung politischer Reformen."

[Erklärung]  
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