1,5 Grad "fast sicher" nicht zu schaffen

Zwei Gruppen von renommierten Klimaforschern haben berechnet, wie schnell sich die Welt erwärmen wird. Das Ergebnis: 2016 könnte bereits ein Plus von 1,25 Grad bringen. Und das 1,5-Grad-Ziel dürfte schon jetzt unerreichbar sein. Die Anstrengungen müssten verdoppelt werden.

Von Jörg Staude und Benjamin von Brackel

Ein Zifferblatt reicht, um die Erderwärmung zu erklären: Bis zur ersten Viertelstunde bewegt sich der Zeiger ganz gemächlich, auf halber Strecke nimmt er Fahrt auf. Und im letzten Quartal, auf dem Weg zur vollen Stunde, respektive den zwei Grad, fängt er zu rasen an. Da sind wir gerade.

BildOhne negative Emissionen wie durch die Kombination aus Biomasse und CCS, sagen Klimaforscher, sei selbst das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr zu schaffen. (Foto: Vattenfall)

Hatte sich die Welt im Jahr 2012 im Durchschnitt um 0,85 Grad seit Beginn der Industrialisierung erwärmt, wurde im vergangenen Jahr bereits die Ein-Grad-Marke geknackt. Dafür war neben dem Klimawandel auch der besonders heftige El Niño verantwortlich, ein starkes globales Wetterphänomen, das nur alle paar Jahr auftritt. Klimaforscher waren deshalb besonders gespannt, was nach Abklingen des Phänomens passieren würde. Das vorläufige Ergebnis dürfte keinem gefallen.

Zwölf renommierte Klimaexperten prognostizieren in einem Diskussionspapier, das diese Woche im Fachmagazin Earth System Dynamics Journal veröffentlicht wurde, schon für dieses Jahr einen globalen Temperaturanstieg von 1,25 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit. Unter den Autoren ist der frühere Nasa-Forscher James Hansen. In den vergangenen 45 Jahren, heißt es in dem Papier, habe sich der Planet pro Jahrzehnt um 0,18 Grad erwärmt. Die Erderwärmung habe inzwischen ein Niveau erreicht, das zuletzt vor 115.000 Jahren vorhanden war – am Ende einer Warmzeit mit sehr viel weniger Eis und einem sechs bis neun Meter höheren Meeresspiegel.

Indes kommt eine weitere Gruppe von internationalen Klimaforschern zu dem Ergebnis, dass sich das 1,5-Grad-Ziel gar nicht mehr halten lässt. Die Wissenschaftler um den ehemaligen Chef des Weltklimarats Robert Watson begründen das mit der Verzögerung des Temperaturanstiegs nach einem Anstieg der CO2-Konzentration. Die ganze Auswirkung des Treibhausgas-Effekts von 2016 würde erst im Jahr 2030 zu spüren sein.

"Wir brauchen eine Verdreifachung der Anstrengungen"

Der Report der Gruppe um Watson liest sich wie ein Fahrplan für die bevorstehende Erderwärmung. Demnach wären die 1,5 Grad schon Anfang der 2030er Jahre erreicht. Und die zwei Grad im Jahr 2050, sollte es bei den aktuellen Klimaversprechungen der Länder bleiben.

"Der Klimawandel passiert gerade jetzt und zwar viel schneller als erwartet", sagt Watson. "Auch wenn das Paris-Abkommen ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist, ist das, was wir brauchen, eine Verdopplung oder Verdreifachung der Anstrengungen." Das Papier benennt auch klar, warum die Situation heute so brenzlig ist: "Weil sich das kollektive Klimahandeln verzögert hat, bis das Paris-Abkommen angenommen wurde, sind heute viel härtere und teurere Optionen nötig, um die globale Durchschnittstemperatur unter zwei Grad zu halten", heißt es in dem Papier.

Bis heute hätten nur wenige Länder – vor allem in der EU – mit Maßnahmen begonnen, um ihre Treibhausgase auch wirklich zu senken. Deshalb seien die jährlichen Treibhausgas-Emissionen immer weiter gestiegen: Von 38 Gigatonnen CO2-Äquivalent 1990 auf derzeit 54 Gigatonnen. Dieser Mehrausstoß dürfte nun zu einer weiteren Erwärmung von 0,4 bis 0,5 Grad führen, schreiben die Wissenschaftler. "Das Ergebnis ist, dass das sehr ambitionierte Temperaturziel von 1,5 Grad im Paris-Abkommen fast sicher nicht mehr zu schaffen ist und die 1,5 Grad schon Anfang der 2030er Jahre erreicht werden könnten."

BildSelbst wenn die fossilen Emissionen schnell reduziert werden, muss CO2 aus der Atmosphäre wieder herausgeholt werden, damit die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt wird, meint die Forschergruppe um Hansen. (Foto: Nick Reimer)

Was also bleibt zu tun, um zumindest das Zwei-Grad-Ziel noch in Reichweite zu halten? In dem Punkt kommen die beiden Studien zum gleichen Ergebnis: Nötig seien sogenannte negative Emissionen, also das Herausfischen von CO2 aus der Atmosphäre etwa durch landwirtschaftliche und forstliche Maßnahmen. Bezahlen sollen das Unternehmen der Ölbranche – ähnlich wie die Tabakindustrie für die Gesundheitskosten des Zigarettenkonsums. Solche Technologien, etwa die Kombination aus Bioenergie und CCS, funktionieren allerdings bisher nur auf dem Blatt und gelten als hoch riskant.

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