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Das Meer wird sauer

Die Versauerung der Meere und Ozeane bedroht vor allem die kalkbildenden Meeresbewohner. Nun warnen deutsche Forscher aber, dass auch wichtige Fischarten wie der Dorsch durch den Klimawandel bedroht sind. Experten fordern neben dem Klimaschutz auch die Ausweitung von Meeresschutzgebieten.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Es ist ein neues Alarmsignal für die Fischerei – und damit auch für Welternährung. Die zunehmende Versauerung der Weltmeere bedroht längerfristig nicht nur Meeresbewohner wie Muscheln, Seesterne und Korallen, die eine Kalkschale bilden, sondern auch die Bestände kommerziell wichtiger Fischarten.

BildDurch die Versauerung der Meere sind die Korallenriffe vom Aussterben bedroht. (Foto: Alison Taylor/​UNCW Microscopy Facility/​Wikimedia Commons)

Diese Gefahr haben Wissenschaftler des deutschen Forschungsverbundes "Bioacid" jetzt erstmals für den Dorsch in der Ostsee und in der Barentssee in Tests nachgewiesen. Ein neues eindrückliches Beispiel dafür, wie die direkten und indirekten Eingriffe des Menschen – wie Klimawandel, Überfischung, Überdüngung und Schadstoffeinträge – das Ökosystem Meer unter Druck setzen.

Das Wasser in den Ozeanen wird nicht nur wärmer, weil es besonders in den oberen Wasserschichten einen Großteil der Hitze speichert, die der menschengemachte Treibhauseffekt erzeugt. Es wird auch immer saurer. Der Grund: Die Ozeane nehmen rund ein Drittel des CO2-Ausstoßes auf, der aus Schornsteinen, Auspuffrohren oder durch Brandrodung von Urwäldern zusätzlich in die Atmosphäre gelangt. Das CO2 wird im Wasser gelöst, dadurch sinkt der pH-Wert. Seit Beginn des industriellen Revolution sind die Meere bereits um 26 Prozent saurer geworden, bis zum Jahr 2100 erwartet der Weltklimarat IPCC, dass bis zu 105 Prozent hinzukommen.

Zuerst trifft es den Nachwuchs

Der Dorsch ist eine der kommerziell wichtigsten Fischarten im Nordatlantik. Die deutschen Forscher untersuchten, was passiert, wenn befruchtete Eier und Larven in Meerwasser bei heute üblichen sowie bei CO2-Konzentrationen gehalten werden, die voraussichtlich Ende des Jahrhunderts erreicht werden. Ergebnis: Die Sterblichkeitsrate des Fisch-Nachwuchses stieg deutlich an – mit gravierenden Konsequenzen, denn die Nachwuchsproduktion könnte dadurch laut "Bioacid" auf ein Viertel bis ein Zwölftel des bisherigen Werts sinken.

Die Meere und Ozeane sind der größte Lebensraum für Tiere und Pflanzen auf der Erde, sie bedecken rund 70 Prozent der Erdoberfläche. Aber auch für die Menschheit sind sie überaus wichtig: Fast 60 Prozent der über sieben Milliarden Menschen leben in küstennahen Regionen. In vielen Ländern sind Fische und andere Meerestiere ein wichtiger Proteinlieferant für die Ernährung. Eine Destabilisierung der marinen Nahrungskette hätte daher gravierende Folgen. Doch genau diese Entwicklung droht.

Von der Versauerung sind vor allem die kalkbildenden Meerestiere betroffen, weil das sauerere Wasser ihre Schutzhülle angreift. Damit fallen sie als Futter für andere Lebewesen aus. Laut aktuellen Prognosen könnten 2050 zum Beispiel praktisch alle tropischen Korallenriffe zerstört sein. Neben dem sinkenden pH-Wert spielen hier das sich erwärmende Meerwasser und teils auch Schadstoffe, die zum Beispiel über Flüsse eingeleitet werden, eine Rolle.

Fischfang reduzieren, Schutzzonen ausweiten

Fische sind gegen die Versauerung grundsätzlich zwar besser geschützt, sie können sinkende Werte in ihrem Blut ausgleichen. Allerdings zeigen die "Bioacid"-Studien, dass die Bestände trotzdem deutlich abnehmen können und die Fischerei darauf Rücksicht nehmen muss – durch reduzierte Fangquoten.

Einen sehr pessimistischen Ausblick hat jüngst die Weltnaturschutzunion IUCN gegeben. Erwärmung und Versauerung seien wahrscheinlich "die größte unerkannte Herausforderung unserer Generation", heißt es in einem IUCN-Report, an dem 80 Wissenschaftler aus zwölf Ländern mitgearbeitet haben. Die Erwärmung der Ozeane führe zu einer Verarmung der Ökosysteme, warnen die Forscher. Empfindliche Arten drohten auszusterben, während sich widerstandsfähigere auf der ganzen Welt ausbreiteten.

BildNicht nur Korallenriffe und Schalentiere sind durch die Versauerung der Meere bedroht – auch Fische wie der Dorsch. (Foto: Tino Strauss/Wikimedia Commons)

Die Experten fordern, der Bedrohung der Meere durch den Klimawandel mehr Beachtung zu schenken und Meeresschutzgebiete schneller als bisher auszuweiten – vor allem auch auf hoher See. Das könne helfen, die Ökosystem-Dienstleistungen der Ozeane zu stabilisieren. Es müsse schnell gehandelt werden.

[Erklärung]  
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