Klimawandel erhöht Risiko von Konflikten

Die globale Erwärmung ist nicht nur ein Umweltthema, betonen Klimaforscher, Sicherheitsexperten und Militärstrategen. Ausbleibende Niederschläge, Dürren und Hitzewellen können bestimmte Regionen destabilisieren, zum Ausbruch bewaffneter Konflikte beitragen und unzählige Menschen in die Flucht treiben. Wie groß die Gefahr ist, zeigt eine aktuelle Studie.

Von Verena Kern

Hitzewellen oder Dürren erhöhen das Risiko, dass es zu bewaffneten Konflikten kommt – besonders wenn Gesellschaften ethnisch zersplittert sind. Das ist das Ergebnis einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Das Papier ist gerade in dem Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences PNAS erschienen.

BildSyrien – hier eine Aufnahme von 2008 – erlebte zwischen 2006 und 2010 eine besonders schwere Dürre, verursacht durch steigende Temperaturen, nachlassende Niederschlagsmengen und eine verfehlte Politik. (Foto: 300td.org/Flickr)

"Klimabedingte Naturkatastrophen haben ein destabilisierendes Potenzial", erläutert Leitautor Carl-Friedrich Schleussner die Studienergebnisse. "Gerade in ethnisch zersplitterten Gesellschaften entfaltet es sich auf besonders tragische Art und Weise." Fast ein Viertel der Konflikte in solchen "gespaltenen" Ländern fallen demnach mit klimatischen Desastern – ausbleibende Niederschläge, Dürre, Extremhitze – zusammen.

Wie Schleussner betont, führen die Extreme nicht direkt zum Ausbruch von Konflikten. Doch sie stellen eine zusätzliche Belastung dar und erhöhen damit das Risiko für einen Ausbruch. Laut Studie ist diese zusätzliche Belastung besonders hoch einzuschätzen. Klimastress übt demnach einen größeren Einfluss auf das Konfliktrisiko aus als andere Faktoren wie die Konfliktgeschichte in den betroffenen Ländern und Regionen, Armut oder Ungleichheit.

Dass der Klimawandel vielerorts destabilisierend wirkt und zunehmend zu einem Sicherheitsrisiko wird, haben bereits zahlreiche Studien gezeigt. Eine US-Untersuchung aus dem vergangenen Jahr, ebenfalls in PNAS erschienen, benannte – am Beispiel Syriens – die Erderwärmung als Stressfaktor, der in Kombination mit anderen Faktoren zu einem Auslöser von Konflikten werden kann. "Der Klimawandel kann als Bedrohungsmultiplikator in der Syrienkrise verstanden werden", sagte Christiane Fröhlich, Friedensforscherin an der Universität Hamburg, damals gegenüber klimaretter.info.

Das US-Verteidigungsministerium hatte bereits 2014 gewarnt: Der Klimawandel könne die Häufigkeit, das Ausmaß und die Vielschichtigkeit künftiger Militäreinsätze erhöhen. Er verschärfe den Wettbewerb um Ressourcen und belaste dadurch weltweit Wirtschaft, Gesellschaft und Regierungen; mehr terroristische Aktivitäten seien zu erwarten, hieß es in dem Bericht. In einem weiteren Report kurz darauf stuften die Pentagon-Strategen die Erderwärmung als "Bedrohung für die nationale Sicherheit" ein.

"Klimaschutz ist auch Friedenspolitik"

Auch die Bundeswehr sieht in den Folgen des Klimawandels einen "wichtigen Auslöser" von Konflikten. Klimawandel und Desertifikation (Bodenverschlechterung) seien die beiden globalen Umweltprobleme, "welche die größten Auswirkungen auf die menschliche Sicherheit haben", hieß es in einem Papier vom Juni 2014.

Im Jahr zuvor zeigte ein in der Fachzeitschrift Science publizierter Überblick über 60 einzelne Studien, dass Abweichungen von normalen Niederschlägen und erhöhte Temperaturen systematisch die Gefahr von Konflikten erhöhen. Genau das ist künftig verstärkt zu erwarten, je mehr sich die Erde weiter aufheizt. In seinem jüngsten Sachstandsbericht prognostiziert der Weltklimarat IPCC, dass es bei steigenden globalen Temperaturen in bestimmten Regionen verstärkt zu Dürren und Missernten kommen wird. 

Die PIK-Studie stützt sich auf Daten der Münchener Rückversicherung. Der Konzern sammelt Schadensdaten zu Naturkatastrophen und warnt seit Langem, dass die Schäden mit fortschreitendem Klimawandel zunehmen werden. Die Versicherungs-Daten kombinierten die Forscher mit Datensätzen zu Konflikten, die aus der Sicherheitsforschung stammen, sowie einem gebräuchlichen Index für ethnische Zersplitterung.

"Ethnische Spaltungen könnten eine gesellschaftliche Bruchlinie sein, wenn zusätzlich Stressfaktoren eintreten", fasst Ko-Autor Jonathan Donges vom PIK zusammen. "Das könnte multi-ethnische Länder besonders anfällig für die Folgen solcher Desaster machen." Besonders gefährdet wären demnach Regionen in Nord- und Zentralafrika sowie in Zentralasien.

BildMunition für bewaffnete Konflikte: Indirekt gehören auch fossile Energien dazu. (Foto: Magnoid/Flickr)

"Der menschengemachte Klimawandel wird Hitzewellen und regionale Dürren verstärken", betont Ko-Autor und PIK-Chef Hans Joachim Schellnhuber. Folglich dürfte sich auch das Risiko bewaffneter Konflikte erhöhen – und damit noch mehr Menschen in die Flucht treiben. "Unsere Studie", sagt Schellnhuber, "ist ein weiterer Beleg für einen ganz besonderen Zusatzeffekt einer Klimastabilisierung – Frieden."

Klimastabilisierung

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