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1,5-Grad-Ziel gerät außer Reichweite

Die Ziele des Paris-Abkommens lassen sich nur mit einer raschen, starken CO2-Reduktion erreichen. Die abgegebenen Selbstverpflichtungen der Staaten reichen keinesfalls aus, ergibt eine Nature-Studie. Der Klimavertrag sieht nicht ohne Grund eine schrittweise Anhebung der Ziele vor – allerdings könnte das erst nach 2030 passieren, wenn es zu spät ist.

Von Benjamin von Brackel

Im Pariser Klimavertrag ist ein kluger Mechanismus eingebaut: Im Wissen, dass die bisherigen Klimapläne der Staaten ungenügend sind, sollen sie alle fünf Jahre überprüft und angespitzt werden. Und zwar so lange, bis das große Ziel erreicht ist: die Erderwärmung auf zwei Grad, am besten sogar auf 1,5 Grad, zu begrenzen. 

BildDass im Klimavertrag auch das 1,5-Grad-Ziel steht, war der große Erfolg von Paris. Was geschehen muss, um den Vertrag zu erfüllen, hat jetzt eine Studie untersucht. (Foto: Friederike Meier)

Im Jahr 2018 soll erstmals unter Führung des UN-Klimasekretariats eine Bestandsaufnahme gemacht werden, wo die Staaten der Erde mit ihren Zielen, den sogenannten NDCs, stehen. So lange braucht man allerdings nicht zu warten, denn Klimaanalysten haben nun in einer im Fachmagazin Nature veröffentlichten Studie genau diese Bestandsaufnahme vorgenommen. Das Ergebnis dürfte den Klimadiplomaten und vor allem den Bewohnern der kleinen Inselstaaten einen Schauer über den Rücken laufen lassen.

Laut der Studie ist schon heute das 1,5-Grad-Ziel kaum noch zu erreichen. "Das Fenster, um die Erwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit und ohne ein vorübergehendes Überschreiten dieser Grenze zu stoppen, scheint sich schon geschlossen zu haben", heißt es.

"Der Rahmen, der uns für das 1,5-Grad-Ziel zur Verfügung steht, ist sehr eng", sagt der Physiker und Ökonom Niklas Höhne vom New Climate Insitute in Köln, der an der Studie beteiligt war. Er geht davon aus, dass sich das Fenster für das Ziel mit den aktuellen Klimaplänen im Jahr 2025 schließen wird. Laut anderer Studien ist sogar schon 2020 Schluss.

Schon das Jahr 2015 war ein volles Grad wärmer als die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – also jene Zeit, die als "vorindustrielle Referenzperiode" in der Klimawissenschaft als Basis genommen wird. Die Meteorologen machen einerseits das Wetterphänomen El Niño für die neue Rekordmarke verantwortlich, andererseits die zunehmende Belastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen.

Januar, Februar, März und April des laufenden Jahres hatten sogar jeweils deutlich mehr als ein Grad über dem jeweiligen Referenzwert gelegen. Den Mai eingerechnet liegen die ersten fünf Monate um durchschnittlich 1,15 Grad über dem Referenzwert. Das Mittel der vergangenen zwölf Monate liegt bei fast einem Grad Abweichung, nämlich bei 0,99 Grad.

Auf dem 2,6-bis-3,1-Grad-Erwärmungs-Pfad

Übersteigt die Erderwärmung über einen längeren Zeitraum die 1,5 Grad, drohen viele der kleinen Inselstaaten unterzugehen. Auch das Korallensterben lässt sich dann wohl nicht mehr aufhalten.

Allerdings ist das 1,5-Grad-Ziel noch nicht unwiederbringlich verloren. "Theoretisch" sei die Erfüllung noch möglich, sagt Höhne. Dazu müsste die Welt aber ihren Treibhausgasausstoß rapide und radikal senken. Doch weil ein Überschreiten der Schwelle selbst dann noch sehr wahrscheinlich ist, müssten die Staaten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts massiv CO2 der Atmosphäre entziehen: bis zu 20 Milliarden Tonnen pro Jahr. Zum Vergleich: Heute stößt China etwa zehn Milliarden Tonnen pro Jahr aus. "Die Technologien dafür stehen zwar schon heute zur Verfügung, nicht aber in dem großen Maßstab, der nötig wäre", sagt Höhne.

Er hat zusammen mit seinen Kollegen für den Nature-Artikel berechnet, auf welchem Pfad die Staaten mit ihren derzeitigen Klimaplänen liegen. Das Ergebnis: Werden die nationalen Klimapläne eins zu eins erfüllt, steigen die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich um 2,6 bis 3,1 Grad. Die Analysten haben den Berechnungen allerdings zugrunde gelegt, dass die Klimapläne, die in der Regel nur bis 2030 reichen, danach auf dem gleichen Niveau weiterlaufen – vorgesehen ist jedoch, dass sie alle fünf Jahre verschärft werden.

Korrektur der Klimaziele erst zwölf Jahre später?

Unklarheit herrscht aber über eine Detailfrage, die am Ende entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel sein könnte: Gilt diese Verschärfung für die Klimapläne erst ab 2030 – also für eine zweite Periode von NDCs? Oder soll schon nach der Begutachtung 2018 damit begonnen werden, die bis 2030 geltenden Klimapläne anzuspitzen?

Den Auftrag im Paris-Abkommen könne man in beide Richtungen interpretieren, sagt Höhne. Sinnvoll wäre es natürlich, schon vor 2030 mit einer Anhebung der Ambitionen zu beginnen. "Dass das aber wirklich passiert, ist eher unwahrscheinlich", sagt der Klimaanalytiker. Er erinnert an die alten Klimaziele für 2020, die auch nicht weiter angehoben wurden. "Eher glaube ich, dass Länder ihre Klimaziele übererfüllen." Wie die EU, die ihr Ziel für 2020 dank günstiger Umstände schon jetzt erreicht hat – 23 Prozent Einsparung gegenüber 1990, drei Prozentpunkte mehr als versprochen –, aber die Latte nicht höher legen will.

Der Paris-Vertrag lässt also Spielraum für Interpretationen. "Das ist nicht festgelegt und wird offen gehalten", sagt der Klimaexperte Jan Burck von der Klimaschutzorganistaion Germanwatch über die "Vor-oder-nach-2030-Auslegung". Vor allem die Industriestaaten aber müssten schon vor 2020 ihre Ziele nachbessern, wie sie es versprochen hätten, fordert Burk. "Das wird der nächste Kampf sein."

BildWomöglich dem Untergang geweiht: Kiribati, Inselstaat im Pazifik. (Foto: Governement of Kiribati/Wikimedia Commons)

Ob die Klimapläne nun schon vor 2030 oder erst danach verschärft werden, ist von entscheidender Bedeutung, wie die Nature-Studie zeigt. Denn würde bis 2030 alles beim Alten bleiben, wäre das 1,5-Grad-Ziel schon deutlich außer Reichweite. Selbst das Zwei-Grad-Ziel ließe sich dann, so Höhne, kaum noch erfüllen. Jedenfalls nicht, ohne massiv CO2 aus der Atmosphäre zu holen und dabei auf wenig erprobte Risikotechnologien zu setzen.

[Erklärung]  
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