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Klimawandel verstärkt Klimaflucht

Weltweit fliehen immer mehr Menschen vor Naturkatastrophen und gewaltsamen Konflikten. Umstritten ist, inwiefern der Klimawandel eine Mitschuld an den "erzwungenen Wanderungen" und "geplanten Umsiedlungen" trägt. Klima- und Migrationsforscher stellten am heutigen Freitag in Berlin neue Erkenntnisse vor.

Aus Berlin Jörg Staude

Wie bedeutsam der Klimawandel für die weltweite Migration ist, lässt sich gegenwärtig nicht genau beziffern und fraglich ist auch, ob das jemals möglich sein. Es gibt einfach zu viele Beweggründe und Faktoren, die dazu führen, dass Menschen ihre Heimat dauerhaft verlassen. Die Größenordnungen und Trends, in denen Klimaveränderungen zu Fluchtgründen werden können, lassen sich aber schon bestimmen, erklärten Klima- und Migrationsforscher heute bei einem gemeinsamen Pressetermin in Berlin. 

BildImmer mehr Kleinbauern können von ihrer Ernte nicht mehr leben und fliehen in die Städte. (Foto: Ian Steele/UN Photo)

So verlassen von den 20 Millionen Menschen, die weltweit jedes Jahr innerhalb ihres Landes migrieren, die meisten aufgrund von Naturkatastrophen ihre Heimat, bestätigte Jacob Schewe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) eine gängige Erkenntnis. In dieser Zahl seien aber nicht solche Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche oder Erdbeben enthalten, sondern vor allem die, die Folgen der menschengemachten Klimaveränderung sind. Entscheidend seien hier die zunehmende Zahl oder Stärke von Hitzewellen, Dürren oder Extremniederschlägen.

Als "Faustformel" könne gelten, so Physiker Schewe, dass pro Grad Temperaturanstieg die Starkniederschläge um zehn Prozent zunehmen. Bei Wirbelstürmen steige, wie die Daten zeigten, nicht deren Zahl, sondern deren Intensität. Immer mehr Stürme gehörten den obersten Kategorien 4 und 5 an.

Regional stelle sich das sehr unterschiedlich dar, illustrierte Schewe die Schwierigkeit, bestimmten Klimawandelfolgen bestimmte Fluchtgründe zuzuordnen. So könnten im Nahen Osten oder im Mittelmeerraum durchaus Starkniederschläge und verstärkte Dürreperioden zugleich auftreten. Die Zeiträume zwischen den Niederschlägen verlängerten sich dann beispielsweise einfach. "Der Klimawandel verstärkt die Risikofaktoren, und das um so mehr, je wärmer es wird", versuchte Schewe den Zusammenhang auf den Punkt zu bringen.

"Geplante Umsiedlungen", erzwungene Wanderungen

Nach den Erkenntnissen von Susanne Melde vom Global Migration Data Analyse Centre (GMDAC) in Berlin verlassen gegenwärtig zweimal so viele Menschen ihre Region aus Gründen von Naturkatastrophen als wegen gewaltsamer Konflikte. Im vergangenen Jahr waren das 19,2 Millionen Menschen in 113 Ländern, die aufgrund von Naturgewalten Haus und Hof aufgeben mussten. Die Zahl ist mit der von Schewe aber nicht ganz kompatibel, weil vom GMDAC, einer Einrichtung der Internationalen Organisation für Migration IOM, eben auch Nicht-Menschengemachtes wie Vulkanausbrüche eingerechnet wird.

Die Wissenschaftlerin betonte allerdings mit Nachdruck, dass Umweltmigration heute schon Realität und nicht erst ein künftiges Szenario ist. Die erzwungene "Wanderung" nehme dabei, so die Beobachtung des GMDAC, durchaus ganz unterschiedliche Formen an. Menschen, die es sich leisten können, nehmen ihre Familie und das Wertvollste ihrer Habe, setzen sich ins Auto und fahren einfach woanders hin. So sei es, schilderte Melde, vielfach in New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina" geschehen, wo nur die Ärmsten zurückbleiben mussten.

Gerade für diese Bevölkerungsschicht, die keine Alternative hat, finden weltweit mehr und mehr sogenannte geplante Umsiedlungen statt. Bei dieser Art Anpassung an den Klimawandel muss aber, so Melde, auf die Lage der Ärmsten Rücksicht genommen werden. So habe Vietnam Fischer aus dem Mekong-Delta ins Landesinnere umgesiedelt. Der dann weitere Weg an die Küste kostete die Fischer aber so viel Einkommen, wie sie mit dem Fischfang überhaupt verdienten – also zogen sie wieder zurück in eine Gegend, in der, wie die Wissenschaftlerin schilderte, Strommasten im Wasser stehen und die Straßen zerbröseln.

Ein anderes Problem trifft die Familien, die in ihrer angestammten Heimat oftmals von der Landwirtschaft lebten. Für diese Lebensgrundlage finden sie aber, wenn sie wegziehen müssen und meist in den Städten landen, keinen Platz mehr. Neue Einkommensmöglichkeiten zu schaffen steht für Melde deswegen obenan, wenn es darum geht, die Folgen des Klimawandels gerade für Ärmere zu lindern.

Geplante Umsiedlungen sind für viele betroffene Länder schon heute ein unverzichtbares Anpassungsmittel. Praktiziert wird das unter anderem bereits in der Dominikanischen Repubik, in Papua-Neuguinea, Fidschi, Haiti, Äthiopien, in den Philippinen sowie in China. "Die Probleme werden sich selbst bei einem moderaten Klimawandel innerhalb der Zwei-Grad-Grenze verschärfen", warnte Hermann Lotze-Campen vom PIK. So werden sich durch den Klimawandel die Nahrungsmittelpreise bis 2050 um zehn bis 30 Prozent erhöhen. "Bei extremer Armut ist jede Erhöhung der Nahrungsmittelpreise bedenklich."

Warnung vor einfachen Erklärungsmustern

Nach Angaben der Weltbank, auf deren Angaben Lotze-Campen sich bezog, könnten bei schlechter globaler Wirtschaftsentwicklung bis 2030 etwa 100 Millionen Menschen neu in extreme Armut geraten – 45 Millionen von ihnen könnten durch Klimawandelfolgen in diese Lage kommen, besonders in Afrika südlich der Sahara und in Südasien.

Aus Sicht von Mariam Traore Chazalnoel von der IOM ist das Interesse an Umweltmigration zuletzt geradezu "explodiert", auch im Rahmen der laufenden Klimaverhandlungen in Bonn. Die Migrationsexpertin sprach sich aber gegen zu eindimensionale Betrachtungen aus. So sei der Syrien-Krieg keineswegs ein "Klimakrieg".

BildLänder wie Pakistan werden nach den Prognosen künftig besonders von Wetterextremen betroffen sein. Ein Großteil der Bevölkerung des Landes lebt direkt von natürlichen Ressourcen. (Foto: Amjad Jamal/UN Photo)

Damit die Menschen gar nicht erst ihre Heimat verlassen müssen, können zumindest Anpassungsmaßnahmen helfen, etwa hitzeresistentes Saatgut oder alternative Bewässerungsmethoden. Der Erderwärmung selbst ist jedoch nur durch langfristigen Klimaschutz beizukommen. Die Forscher waren sich in Berlin einig, dass vor allem solche Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln sind, die sich auch nachhaltig positiv auf die gesamte Klimabilanz auswirkten. Es gehe gewissermaßen darum, "Synergieeffekte" zu erzeugen, betonte Schewe auf Nachfrage von klimaretter.info. Die treten beispielsweise ein, wenn mit erneuerbaren Energien Klimaschutz betrieben und damit zugleich Einkommensmöglichkeiten für Teile der Bevölkerung erschlossen werden.

[Erklärung]  
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