Der Kühlschrank der Erde taut ab

Noch nie wurden im Winter so viele freie Wasserflächen in der Arktis beobachtet. Das wird wahrscheinlich dazu führen, dass sich das Meereis im Sommer noch weiter zurückzieht und die Erderwärmung noch stärker angetrieben wird.

Von Benjamin von Brackel

Das arktische Meereis ist ein faszinierendes Gebilde. Es ist keine statische Fläche, sondern pulsiert wie ein Organismus im Takt der Jahreszeiten. Im Sommer zieht sich das Eis nach Norden zurück, im Winter breitet es sich wieder aus. Allerdings gilt inzwischen für immer größere Gebiete der Arktis: Wo früher im Winter eine Eisdecke das Meer überzog, schwappen heute nur noch Wellen.

BildEine so geringe Meereisausdehnung wie in diesem Winter wurde noch nie gemessen. (Grafik: NSIDC/NASA Earth Observatory)

In diesem Winter hat sich das Meereis so schwach ausgedehnt wie nie seit Beginn der Messungen. Sogar im Negativ-Rekord-Jahr 2015 war die Fläche größer. Noch nie haben Satelliten zum Zeitpunkt der maximalen Ausdehnung so viele freie Wasserflächen festgestellt. Ungewöhnlich wenig Eis fand sich besonders in der Barentssee nördlich von Norwegen und in der Beringsee, einem Randmeer zwischen Alaska und Sibirien.

"Noch nie so einen warmen, verrückten Winter gesehen"

Wissenschaftler vom National Snow and Ice Data Centre und der Nasa haben vergangene Woche mitgeteilt, dass die Meereisbedeckung nur noch rund 14,52 Millionen Quadratkilometer erreicht hat. Im Jahr 2015 hatte das Eis mit 14,54 Millionen Quadratkilometern die bisher geringste Fläche seit Beginn der Messungen im Jahr 1979 erreicht. Damit dehnte sich das Meereis noch einmal 13.000 Quadratkilometer weniger aus als im Vorjahr – etwa die Fläche Schleswig-Holsteins.

Der Grund dafür ist nicht schwer zu finden: Die Lufttemperaturen über dem Arktischen Ozean waren im Dezember, Januar und Februar zwei bis sechs Grad höher als im Mittel. Die Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts auf Spitzbergen maß für Januar und Februar sogar Temperaturen, die sechs bis acht Grad über dem Durchschnitt lagen. Entsprechend gering war die Ausdehnung des Meereises in der Arktis: Sie lag um 1,12 Millionen Quadratkilometer unter dem Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 von 15,64 Millionen Quadratkilometern. "Ich habe noch nie so einen warmen, verrückten Winter in der Arktis gesehen", sagt Mark Serreze, Direktor des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) in Boulder im US-Bundesstaat Colorado. "Die Wärme war unerbittlich."

Eine große Rolle spielte dabei das Wetterphänomen El Niño. Es hat die ohnehin erwärmte Atmosphäre noch mehr aufgeheizt. Neben den warmen Luftströmen aus dem Süden hindert auch zuströmendes Wasser aus Pazifik und Atlantik das Eis zunehmend daran, sich auszubreiten. "Es ist wahrscheinlich, dass wir in Zukunft kleinere Wintermaxima sehen werden, denn zusätzlich zu einer wärmeren Atmosphäre haben sich auch die Ozeane erwärmt", sagt Meereis-Forscher Walt Meier vom Goddard Space Flight Center der Nasa. "Dieser wärmere Ozean hindert den Eisrand daran, sich wie bisher weiter nach Süden auszudehnen."

Schwaches Wintereis im Sommer angreifbarer

Die Wanderung des Meereises lässt sich mithilfe von Satelliten ermitteln. Die messen alle sechs Kilometer die elektromagnetische Strahlung, die von der Oberfläche reflektiert wird. Damit lässt sich auf die Eiskonzentration schließen. Wenn die den Wert von 15 Prozent überschreitet, werten das die Forscher als eisbedeckten Ozean.

Eine geringe Ausdehnung im Winter kann erhebliche Folgen haben: Etwa, dass sich das Eis im Sommer noch stärker als üblich zurückzieht. Zwar sind für das Minimum der Meereisbedeckung im September vor allem Bedingungen wie die Sommertemperatur und Sommerstürme entscheidend, welche die Eisschmelze beschleunigen können. Je brüchiger der Winter das Eis allerdings an seinem Ende zurücklässt, desto angreifbarer ist es im Sommer. Dann enden die lichtarmen Monate und die Sonne steht hoch am Himmel – und greift das Eis an. Auch Sommerstürme setzen dem Meereis zu. "Wenn es keine gute Grundsubstanz gibt, kann das System auch weniger aushalten", erklärt der Meereisphysiker Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven.

So war es etwa im Jahr 2012, als das Eis in der Laptewsee nördlich von Sibirien und in der Barentssee am Ende des Winters sehr dünn war – und Stürme im Sommer ihr Übriges taten. Die Folge war eine minimale arktische Meereisbedeckung im Sommer.

"Die Arktis ist in einer Krise"

Das arktische Meereis ist wichtig für die Stabilisierung der weltweiten Temperaturen. Denn eine helle, weiße Oberfläche reflektiert 85 Prozent der einfallenden Sonnenstrahlen. Wissenschaftler nennen die Polarregion nicht umsonst den "Kühlschrank der Erde". Schmilzt das Meereis dauerhaft weg, absorbiert das dunkle Meer nahezu die komplette einfallende Wärme. Die wird gespeichert und von einem Jahr zum anderen getragen. "Der langfristige Trend ist, dass immer mehr Energie in die Ozeane gelangt", erklärt Nicolaus.

Im Winter ist dieser Effekt in der Arktis nicht so stark, da sich die Sonne nur selten zeigt, aber er nimmt im Laufe des Jahres zu. Allerdings bedeutet weniger Eis im Winter auch, dass mehr Schnee, der normalerweise auf das Eis fällt und es im Sommer schützt, indem er die Sonnenstrahlen reflektiert, nun einfach ins Meer rieselt.

"Die Arktis ist in einer Krise", sagt NSIDC-Chefforscher Ted Scambos. "Von Jahr zu Jahr gleitet sie stärker in einen neuen Zustand, und es ist schwer zu erklären, wie das keine Auswirkung auf das Wetter auf der ganzen Nordhalbkugel haben soll."

Für den Menschen hat eine geringere Eisausdehnung im Winter aber auch ganz unmittelbare Folgen: Küstenstreifen, die bislang vom Eis stabilisiert wurden, brechen nunmehr einfach weg – etwa in Alaska oder an den nordrussischen Küsten. "Häuser stürzen ins Meer, Wind und Wellen holen sich das Land", sagt Nicolaus.

BildBrüchiges Meereis in der östlichen Beaufortsee, aufgenommen am 27. März 2015. (Foto: NASA/Operation Ice Bridge)

Das Eis dient allerdings auch als Jagdgrund. Schon verlieren die Inuit einige der Rampen, von denen aus sie jagen, aber auch Transportrouten. Dabei geht es nicht nur um die Eisbedeckung, sondern auch um die Qualität des Eises, das mancherorts brüchig und nicht mehr begehbar wird. Auf der Arktiseis-Konferenz Arctic Science Summit Week Mitte März im alaskischen Fairbanks klagten Indigene aus der Region, dass ihre Methoden zum Reisen und Jagen nicht mehr funktionieren, erzählt Nicolaus.

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