"Paris ist die wahrscheinlich letzte Chance"

Die Verhandlungen in Paris sind die wahrscheinlich letzte Chance, die nötigen CO2-Reduktionen auf den Weg zu bringen, sagt der US-Klimaforscher Michael Mann. Auch das Zwei-Grad-Ziel ist noch zu schaffen. Nichts zu tun ist für ihn keine Option. Denn bei der Erderwärmung ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass ein "dickes Ende" kommt.

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Michael Mann an der Hudson-Bay in Kanada. (Foto:
meteo.psu.edu)

Michael E. Mann ist Professor für Meteorologie und Direktor am Earth System Science Center der University of Pennsylvania. Er ist einer der bekanntesten Klimaforscher weltweit, hat mehr als 180 Fachaufsätze publiziert, wohl am bekanntesten ist die von ihm 1998 erstmals veröffentlichte sogenannte Hockeyschläger-Kurve. Für seine Forschungen wurde Mann unter anderem mit der Hans-Oeschger-Medaille der European Geophysical Union geehrt.

klimaretter.info: Herr Professor Mann, im Dezember in Paris soll ein neues Klimaabkommen geschlossen werden. Ist es dafür nicht schon zu spät? Ist die angestrebte Begrenzung der Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius rein physikalisch überhaupt noch möglich?

Michael Mann: Ja, natürlich! Zugegeben, Paris ist wahrscheinlich die letzte Chance, die nötigen Emissionsreduzierungen noch auf den Weg zu bringen – hätten wir vor 15 Jahren damit angefangen, hätte der erforderliche Wandel des Energiesystems sanfter vonstatten gehen können. Um etwa ein Grad hat sich die Erde seit Beginn der Industrialisierung bereits erwärmt, ein weiteres halbes Grad ist bereits sicher. Es ist also klar, der Spielraum ist eng.

Trotzdem ist es noch möglich, unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben. Alle, die das Gegenteil behaupten, können sich dabei nicht auf physikalische Gründe berufen. Sie behaupten einfach, dass die Menschheit nicht den politischen und gesellschaftlichen Willen aufbringen wird, den Wandel weg von fossilen Energieträgern schnell genug zu schaffen. Jetzt zu sagen, zwei Grad seien nicht mehr erreichbar, ist gefährlich – weil es eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden würde. Damit bekämen unwillige Politiker eine willkommene Entschuldigung.

Von vielen Politikern und Industrielobbyisten ist immer wieder zu hören, es gebe zu viele Unsicherheiten in der Klimaforschung – man wisse noch nicht genug, um harte Maßnahmen rechtfertigen zu können. Wie sollte man mit den ja tatsächlich existierenden Unsicherheiten umgehen?

Unsicherheiten dürfen kein Vorwand sein fürs Nichtstun, im Gegenteil. Eigentlich müsste man – so mahnen Ökonomen wie der Harvard-Professor Martin Weitzman – wegen der Unsicherheit noch mehr tun. In dem kürzlich erschienenen Buch Climate Shock behandelt er das Phänomen des "dicken Endes", die anormale Wahrscheinlichkeitsverteilung bei der Klimasensitivität ...

... also des wissenschaftlichen Maßes dafür, wie stark die Temperatur der Erde steigen würde, wenn sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre verdoppelt. Wahrscheinlich liegt der Wert bei ungefähr drei Grad Celsius, aber sicher weiß es die Forschung wegen der zahlreichen Wechselwirkungen im Klimasystem bis heute nicht.

Wir sind es durchaus gewohnt, mit Unsicherheit umzugehen – aber intuitiv denken wir immer in der normalen Wahrscheinlichkeitsverteilung. Bei der ist es gleich wahrscheinlich, dass ein Wert höher oder dass er niedriger liegt als derjenige, den wir als den wahrscheinlichsten annehmen. In einem Diagramm dargestellt ergibt sich dann die berühmte Glockenkurve.

Bei der Erderwärmung ist es aber anders: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Klimasensitivität deutlich über drei Grad liegt, ist viel höher als die Wahrscheinlichkeit, dass sie deutlich unter drei Grad liegt. Stellt man die Wahrscheinlichkeiten in einem Diagramm dar, dann hat die entstehende Kurve im Bereich höherer Temperaturen einen sogenannten "heavy tail", ein "dickes Ende". Es besteht zum Beispiel eine ungefähr zehnprozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Klimasensitivität bei sechs Grad Celsius liegt (unten rechts in der Abbildung, d. Red.).

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Geschätzte Wahrscheinlichkeit der Erderwärmung (Grafik vergrößern) bei einer Verdopplung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. (Grafik: Wagner/Weitzman 2015)

Kurz gesagt: Die Unsicherheit beim Wissen um das genaue Maß der eintretenden Erwärmung bedeutet nicht, dass die Schäden vielleicht größer sind, vielleicht aber auch kleiner. Sondern dass wir ein erhebliches Risiko schwerer Schäden haben. Für mich ist das einer der meistvernachlässigten Aspekte des Klimaproblems.

Investitionen in Klimaschutz sollten wir deshalb wie eine Versicherungspolice verstehen: Die Feuerversicherung für unser Haus schließen wir ja auch nicht ab, weil es wahrscheinlich ist, dass es abbrennt – sondern weil wir verstehen, dass es katastrophal für uns wäre, wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt. In diesem Bereich führt Unsicherheit über die Eintrittswahrscheinlichkeit ja auch nicht zum Nichtstun.

Wo gab es in den vergangenen ein, zwei Jahren Fortschritte in der Klimaforschung?

Wir haben Einiges dazugelernt, unglücklicherweise gab es dabei auch einige schlechte Nachrichten. Das gilt zum Beispiel für die Eisschilde und den daraus folgenden Anstieg der Meeresspiegel. Vor ein paar Jahren dachten wir noch, das grönländische Festlandeis oder der Westantarktische Eisschild seien stabil. Doch jüngere Studien deuten darauf hin, dass das Schelfeis rings um die Antarktis durch die starke Erwärmung des dortigen Ozeans bereits so stark erodiert ist, dass es den Westantarktischen Eisschild zum Kollabieren bringt. Langfristig würde uns das einen Anstieg der Meeresspiegel um drei bis vier Meter bringen und eine Bedrohung für viele der großen Küstenstädte und niedrig gelegenen Inselstaaten bedeuten.

Welche Studien der letzten Jahre fanden Sie persönlich am erstaunlichsten?

Die erwähnten Arbeiten zum Westantarktischen Eisschild gehören zweifellos dazu. Faszinierend finde ich aber auch die Erkenntnisse darüber, wie der Schwund des Meereises auf subtile Weise das Verhalten des Jetstreams auf der Nordhalbkugel beeinflusst und dadurch die Wettermuster bei uns in Nordamerika verändert.

Eine große Debatte der vergangenen Jahre war die sogenannte "Pause" bei der Erderwärmung ...

Ich denke, das Thema hat sich erledigt. 2014 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, und für 2015 steht schon fast fest, dass es noch wärmer wird – die Ansicht, dass es so etwas wie eine Pause bei der Erderwärmung gibt, wird zunehmend haltlos. Die Forschergemeinde hat sich längst anderen Themen zugewandt.

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Sich zurücklehnen und nichts zu tun ist angesichts des Klimawandels keine vernünftige Option. (Foto:
Richard Walker/Flickr)

Wo sehen Sie die größte Notwendigkeit für weitere Forschung?

Oh, da würden mir viele Bereiche einfallen. Eine besonders wichtige Frage ist sicherlich, wie der menschengemachte Klimawandel die Hurrikan-Aktivität beeinflusst. Hier ist das Bild, das die bisherigen Studien zeichnen, noch unklar: Einige ergaben, dass die Zahl der Hurrikans weltweit sinken wird, andere hingegen gehen von einer Zunahme aus. Letzte Erkenntnisse deuten darauf hin, dass es eine Zunahme bei den schwersten Stürmen geben wird, die auch für den allergrößten Teil der Schäden verantwortlich sind. Hier gibt es noch viele ungelöste Rätsel.

Zurück zum Klimagipfel, was erwarten Sie von Paris?

Ich bin vorsichtig optimistisch. Die bisher von den verschiedenen Staaten angekündigten Emissionsreduzierungen sind immerhin schon etwa die Hälfte dessen, was wir brauchen, um von den vier bis fünf Grad, die bei einem "Weiter so" bis Ende des Jahrhunderts zu erwarten wären, zum Zwei-Grad-Ziel zu kommen. Deshalb habe ich durchaus Hoffnung, dass ein anspruchsvolles, verbindliches Abkommen von Paris uns sehr nahe an das bringt, was wir brauchen.

Interview: Toralf Staud

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