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"Physiker dürfen über Moral sprechen"

Den Klimawandel, die größte Umwälzung des Jahrhunderts, kann man nicht mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung aufhalten, meint der renommierte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. Wenn es um das Schicksal von Zivilisationen geht, helfe keine "Buchhaltermentalität". Ein neuer Weltklimavertrag könne in Paris gelingen, wenn der moralische Druck der globalen Gemeinschaft groß genug ist.

BildHans Joachim Schellnhuber. (Foto: PIK)

Hans Joachim Schellnhuber gründete 1992 das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dessen Direktor er ist. Zudem leitet er den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) und arbeitet im Weltklimarat IPCC mit. Sein kürzlich erschienenes Buch "Selbstverbrennung", eine Weltgeschichte des Kohlenstoffs, ist zugleich ein Handbuch zur Klimaforschung für alle.

klimaretter.info: Herr Schellnhuber, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie jetzt den Schutzraum der freien Wissenschaft verlassen haben. Wie fühlen Sie sich als kapitalismuskritischer Aktivist?

Hans Joachim Schellnhuber: Ich bin und bleibe Wissenschaftler – nur dass ich aus den Risiken für die Menschheit, die wir Forscher beim Klimawandel aufgedeckt haben, eine Verantwortung ableite. Nämlich die, meine Stimme zu erheben, auch jenseits der für die Normalbevölkerung unverständlichen Fachjournale. Damit mache ich mich angreifbar. Mit Aktivismus hat das aber nichts zu tun.

Es gibt natürlich die Divestment-Bewegung und auch kapitalismuskritische Autoren wie Naomi Klein, die dazu einschlägige Bücher geschrieben haben. Manche glauben, dass die Marktwirtschaft in irgendeiner Form abgeschafft werden muss, um das Klima zu retten. Ich denke das nicht. Wir müssen jetzt einfach versuchen, jeder auf seine Weise in die neue Zeit zu steuern: Ob die USA mit eher kapitalistischen Perspektiven oder China unter der Kommunistischen Partei. Wenn wir es schaffen, mit dieser Melange von Systemen das Klimaproblem anzugehen, wird das unsere Wirtschaftsweise trotzdem nicht unberührt lassen.

Also wird erst das Klima gerettet und dann der Kapitalismus abgeschafft?

Ich glaube, die Wirtschaft wird sich dahingehend verändern, dass man nicht mehr nur über den Preis, sondern auch über den Wert einer Sache nachdenkt. Nicht umsonst sprechen wir zum Beispiel im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen schon lange von einer "Großen Transformation". Es gibt denkbare Szenarien, wonach sich der Kapitalismus sozial weiterentwickelt, um zu überleben. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sich das heutige Wirtschaftssystem ökologisch "auflädt".

Sie sind mit dem neuen Buch vom Wissenschaftler zum Propheten geworden, der eine Botschaft unter die Menschen bringen will: Wann haben Sie sich zu diesem Schritt entschieden?

Ich bin nicht vom Wissenschaftler zum "Moralprediger" geworden, sondern habe mich gewissermaßen aufgespalten. Als Wissenschaftler publiziere ich weiterhin – mehr denn je sogar. Da geht es nur um die Fakten. Das Thema Klimawandel ist so faszinierend – man fühlt sich wie in den frühen Zeiten der Quantentheorie, wo in jeder Ecke eine neue Entdeckung gemacht wurde.

Doch die Klimaforschung unterscheidet sich von vielen anderen Fragestellungen der Physik, denn die Erkenntnisse haben enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft und damit auch eine moralische Relevanz. Es ist eben nicht egal, was ich erforsche und wem ich darüber erzähle, es ist ein Thema, das alle Menschen betrifft.

Aber befürchten Sie nicht, dass Sie dadurch an Renommee verlieren?

Ich habe mich entschlossen, der Aussage "Physiker dürfen nicht über Moral sprechen" kein Gehör mehr zu schenken. Wenn meine Physik gut ist, ist sie gut. Das hat nichts mit Moral zu tun. Aber warum soll ich nicht die moralischen Dimensionen unserer Einsichten ebenfalls vermitteln?

Ein Schlüsselerlebnis für diese Entscheidung war sicherlich die Enzyklika des Papstes Franziskus. Der Papst macht eine moralische Aussage, aber er stützt sich auf die Wissenschaft. Bei mir ist es eben umgekehrt: Ich mache wissenschaftliche Aussagen, stütze mich aber auf die Moral.

Sie sind auch als Politikberater tätig, unter anderem für Angela Merkel. Wie reagieren Politiker auf solche Mahnungen und Appelle?

Man trifft manchmal auf Politiker, die überhaupt nichts davon hören wollen. Denn sie wissen ja alles schon. Andere wiederum sind sehr offen. In erster Linie wollen Politiker einfach den Experten hören. Früher wurden beispielsweise beim Bau einer Brücke über den Öresund nur Statiker befragt. Heute wird sich auch die Frage gestellt: Warum sollten wir diese Brücke denn überhaupt bauen? Es wird nun auch auf soziale und ökologische Argumente gehört.

Wen wollen Sie denn mit dem Buch erreichen? Und: Ist es realistisch, die Öffentlichkeit mit einem 700-Seiten-Wälzer aufrütteln zu wollen?

Wer an die Kraft des Wortes nicht glaubt, dem ist nicht zu helfen. Das Buch ist lang, aber das Thema ist eben auch groß. Ich habe bewusst versucht, eingängig und möglicherweise sogar unterhaltsam zu schreiben, also für alle – denn der Klimawandel ist die größte Umwälzung unseres Jahrhunderts, er betrifft jeden und jede. Auch die technischen Passagen habe ich so verständlich wie möglich gestaltet: Welche Rolle die Quantentheorie in der Klimaforschung spielt, wie aus Wettervorhersagen die Klimaszenarien entstanden sind – so einfach wie möglich. Aber nicht noch einfacher! Im Buch geht es um die Weltgeschichte des Kohlenstoffes und seine Rolle in der Entstehung der modernen Zivilisation – erzählt an meiner Lebensgeschichte.

Wollen Sie mit dem Buch auch das von Ihnen benannte "Weltbürgertum", also die Zivilgesellschaft, erreichen, in die Sie so große Hoffnungen legen?

In einem Kapitel geht es um die globale, wenn auch chaotisch organisierte zivile Gesellschaft. Deren Rolle ist inzwischen viel größer als noch vor zehn Jahren. Bei den Verhandlungen um das Kyoto-Protokoll etwa haben die Delegationen noch unter sich gepokert und geschachert. Heute ist das ein globaler Dialog. Daran sollten vor allem Menschen teilnehmen, die mit den Folgen des Klimawandels leben müssen. Das sind vor allem künftige Generationen und insbesondere Menschen aus armen Ländern. Auch für sie habe ich das Buch geschrieben.

Doch den neuen Klimavertrag muss am Ende die Politik durchkämpfen. Kann die Klimadiplomatie denn die Klimakrise lösen?

Es geht vor dem Paris-Gipfel zu wie vor einem Showdown in einem Western. Die Leute, die dort versuchen, ein Abkommen zu unterzeichnen, meinen es dieses Mal aber wirklich ernst. Paris soll mehr werden als die Luftnummer des Kyoto-Protokolls. Damals – 1997 – hatte Al Gore seinen großen Auftritt, obwohl er genau wusste, dass sein Land nie unterschreiben würde. Die USA haben damals sechs oder sieben Prozent CO2-Reduktion versprochen und jeder wusste, dass sie das nicht einhalten würden. Mir haben die Klimadiplomaten in den aktuellen Verhandlungen gesagt, dass sie es allein nicht schaffen können. Für einen vernünftigen Vertrag brauchen sie Rückenwind: Von Kirchen, Industrieverbänden, Bürgermeistern und Umweltgruppen. Die Stabilisierung unseres Klimas ist erreichbar.

Anders als noch vor sechs Jahren in Kopenhagen?

Wir haben heute einen völlig neuen Ton. Damals waren die Nichtregierungsorganisationen noch ein lästiges Anhängsel oder eine folkloristische Verzierung. Diese Rollenverteilung hat sich inzwischen verändert. Das ist sicher eine sehr positive Sicht auf die Dinge ...

... und ihr Kollege Ottmar Edenhofer sieht das ganz anders. Er glaubt nicht, dass Bewegungen wie Divestment etwas bringen.

Wir streiten uns manchmal, und das gehört zu guter Wissenschaft auch dazu. Wobei es oft einfach darum geht: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Das ist eine Sache der Bewertung, selbst wenn man bei der strikt wissenschaftlichen Messung der Milliliter Flüssigkeit im Behälter übereinstimmt. Mein Kollege stützt sich klar auf Kosten-Nutzen-Analysen. Aus meiner Sicht bringt das allein jedoch nichts.

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Wissenschaftler sollen nicht nur über ihre Forschung nachdenken, sondern auch darüber, was ihre Forschung für die Gesellschaft bedeutet. (Foto: Nick Reimer)

Ich versuche, eher einen historischen Zugang zu finden. Divestment ist ursprünglich aus dem Widerstand gegen das Apartheidregime entstanden. Damals wurde der moralische Druck auf Investoren so groß, dass Südafrika schließlich zum Einlenken gezwungen wurde. Wenn sich eine Bewegung moralisch genug auflädt, dann setzt sich diese Moral auch irgendwann betriebswirtschaftlich und politisch durch.

Ich habe mich mit Edenhofer auch auf Gemeinsamkeiten geeinigt: Natürlich sind ökonomische Instrumente und Perspektiven wichtig. Doch es braucht eben auch den nötigen Zorn der Menschen, die von ihren Regierungen bei den Verhandlungen in Paris vertreten werden.

Glauben Sie, dass dieser Zorn jetzt da ist?

Vor allem hoffe ich, dass es gar nicht so weit kommen muss. Ein neues Kopenhagen wird es nicht geben. Ich war in der entscheidenden Nacht 2009 damals bei den Verhandlungen dabei. Als ich am Morgen das Bella-Center verlassen habe, dachte ich: Da muss jetzt ein Wutschrei um die Welt gehen. Doch das einzige was ich sah, war ein kleines Häuflein von Demonstranten, die von doppelt so vielen Polizisten abgeschirmt wurden. Das war sie also, die Weltopposition, der Wutschrei. Das hat mich damals sehr frustriert.

Ist es nicht etwas zu optimistisch, darauf zu hoffen, dass die Moral siegt?

Es ist das Einzige, worauf wir hoffen können. Natürlich müssen Wirtschaft und Politik mitziehen. Aber wenn es um Leben und Tod oder um Liebe und Hass geht, dann zählt nur das, woran jemand glaubt und was es ihm oder ihr wirklich wert ist. Wenn es um das Schicksal von Zivilisationen geht, dann glaube ich nicht, dass man mit einer Buchhaltermentalität weiterkommt. Wir müssen das schützen, was uns wirklich am meisten am Herzen liegt. Und dafür muss man vielleicht sogar so "unglaublich harte" Einschnitte hinnehmen wie etwa den, nicht fünfmal in der Woche Steak zu essen.

Interview: Susanne Götze und Benjamin von Brackel

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