Paris: "Sozialvertrag" für den Klimaschutz

Das fossile Zeitalter ist vorbei: Am letzten Tag der Wissenschaftlerkonferenz in Paris sind die Appelle an die Klimaverhandler sehr eindeutig. Und die Forscher wollen zusammen mit sozialen Bewegungen die für viele abstrakte Gefahr des Klimawandels in ein greifbares Problem übersetzen. Ein globaler CO2-Preis ist für viele der einzige Weg zum schnellen Umdenken.

Aus Paris Susanne Götze

Selten war ein Wissenschaftskongress so politisch. Von dem weltfremden Experten, der einsam in seinem Labor vor sich hinarbeitet, ist auf der Konferenz "Our Common Future Under Climate Change" in Paris wenig zu merken. Die über 2.000 geladenen Wissenschaftler wissen, dass ihre Forschungsthemen und Statements sechs Monate vor dem Klimagipfel Ende des Jahres hochbrisant sind. Jedes kleine Science-Poster, das hier in den Gängen des Unesco-Sitzes ausgestellt wurde, ist ein Baustein zur Post-Fossil-Ära. Die wurde am Freitagmorgen von Hans Joachim Schellnhuber, dem Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), vor der Forschergemeinde ausgerufen.

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Hans Joachim Schellnhuber: "Sie können von heute auf morgen entscheiden, nicht mehr zu fliegen." (Foto: Susanne Götze)

"In den nächsten 20 bis 30 Jahren brauchen wir eine Implosion der kohlenstoffbasierten Wirtschaft", so der Klimaforscher. "Sonst schaffen wir das Zwei-Grad-Ziel nicht und das wäre wirklich eine schlechte Idee", erklärte Schellnhuber in seiner ruhigen, aber bestimmten Art. "Es ist nicht so kompliziert, wie Sie glauben – Sie können von heute auf morgen entscheiden, nicht mehr zu fliegen, dazu brauchen wir keine neuen Instrumente. Klimaschutz ist eine moralische Entscheidung."

Das Klima zu schützen ist für den Top-Wissenschaftler in erste Linie eine Frage des Anstands. Schellnhuber plädierte deshalb auch für einen neuen "Sozialvertrag" für den Klimaschutz. Das industrielle Zeitalter habe seine Versprechen nicht erfüllt und den meisten Menschen auf der Erde keineswegs Wohlstand gebracht.

"Sagen, dass das fossile Zeitalter endgültig vorbei ist"

Laurence Tubiana, die von Präsident François Hollande zur französischen Botschafterin und Chefverhandlerin beim kommenden Klimagipfel ernannt wurde, sieht das ähnlich: Auch die industrielle Revolution sei nicht per Abkommen beschlossen worden. "Wir müssen alle zusammen in Richtung des neuen Zeitalters gehen – dazu gehört neben der Politik und der Wissenschaft auch die Zivilgesellschaft." Dieser historische Bruch müsse erst einmal als ein solcher verstanden werden. "Von Paris erwarte ich vor allem ein Narrativ: Wir müssen den Menschen sagen, dass das fossile Zeitalter endgültig vorbei ist", meinte auch Schnellnhuber.

Ein weiterer prominenter Redner sprach in Sachen Wirtschaftssystem klare Worte: Freiwillige Abkommen und der Emissionshandel seien der falsche Weg in die grüne Ökonomie, erklärte Joseph Stiglitz, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Chefökonom der Weltbank. Er plädiert stattdessen für "cross-border taxes", eine grenzüberschreitende Besteuerung von CO2. Diese könnte von der Welthandelsorganisation WTO erhoben und kontrolliert werden. "Nur wenn wir das Abkommen in Paris mit starken Instrumenten ausstatten, wird es wirklich die Wende einleiten", meinte Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz. Im Saal der Unesco toste Beifall. Am Donnerstag hatte schon der Klimaökonom Ottmar Edenhofer für eine CO2-Steuer geworben. 

"Wir zerstören unsere Erde!" – "Wie bitte?"

Die Konferenz-Teilnehmer sind aber nicht nur wegen großer Worte oder politischer Forderungen nach Paris gereist. Die über 2.000 Wissenschaftler und viele zivilgesellschaftliche Vertreter und Aktivisten aus über 100 Ländern diskutierten in Workshops die aktuellsten Forschungsergebnisse. Dabei ging es um so unterschiedliche Themen wie die Voraussage von Extremwetter, die Anpassung der Landwirtschaft an Dürren und Hitzewellen, veränderte Meeresströmungen und ob der Klimawandel globale Konflikte anfeuert. Viele Präsentationen untersuchten die regionalen Auswirkungen der bereits eingesetzten Erderwärmung und wie soziale mit ökologischen Zielen vereinbar sind. 

Zum Abschluss verabschiedete die Wissenschaftlerriege eine gemeinsame Erklärung mit den Ergebnissen des Gipfels. Darin fassen die Forscher und Forscherinnen Schlüsselerkenntnisse zusammen, auf denen Klimapolitik künftig aufbauen soll. "Um uns der Herausforderung zu stellen, brauchen wir Ehrgeiz, Hingabe und Leitung von den Regierungen, von der Privatwirtschaft, von der Zivilgesellschaft und der Wissenschaftsgemeinde", heißt es da. Also: Alle müssen mitmachen. Die eigene Rolle haben die Akademiker aber noch einmal gesondert geklärt. "Wissenschaft ist eine Grundlage für kluge Entscheidungen auf der Klimakonferenz im Dezember und darüber hinaus", schreiben sie.

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Joseph Stiglitz: "Nur wenn wir das Abkommen in Paris mit starken Instrumenten ausstatten, wird es wirklich die Wende einleiten". (Foto: Susanne Götze)

Gleichzeitig kursierte eine Karikatur in den sozialen Netzwerken: Ein Wissenschaftler zeigt Politikern, die einen dicken Geldkoffer tragen, eine Tafel, auf der in großen Buchstaben steht: "Wir zerstören unsere Erde." Die Politiker sehen ihn reserviert an und antworten: "Könnten Sie das bitte noch einmal in zweideutigen, ungenauen, selbstbezogenen und blumigen Worten formulieren, die wir alle verstehen können?"

Die Zeichnung sagt vielleicht mehr als die vielen mahnenden Worte, die auf der Konferenz vor allem in großen Veranstaltungen an die Klimadiplomaten und Regierungschefs gerichtet wurden. An dem Link zwischen Wissenschaft und Politik, aber auch an wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren praktischen Folgen wollen die Forscher noch arbeiten. Passend dazu meinte Hans Joachim Schellnhuber in seinem Statement trocken: "In einem Saal mit Klimaanlage lässt sich bequem über die Weltrettung sprechen."

[Erklärung]  
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