Schwerpunkte

G20 | Trump | Effizienz

Nordatlantikstrom verliert an Kraft

Die Meeresströmungen im Nordatlantik haben sich offenbar so stark verlangsamt wie seit tausend Jahren nicht. Als Ursache vermutet ein internationales Forscherteam das Abschmelzen des Grönland-Eises. Das könne massive Folgen für Öko- und Wettersysteme haben.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Die nordatlantische Zirkulation scheint langsamer zu werden. Die Schwäche der Meeresströmungen im nördlichen Teil des Atlantiks seit 1975 ist wahrscheinlich einmalig seit rund eintausend Jahren. Das ist das Ergebnis von Untersuchungen eines internationalen Forscherteams mit Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), die im Fachmagazin Nature Climate Change veröffentlicht wurden. "Wir haben starke Belege dafür gefunden, dass dieses atlantische Förderband sich in den vergangenen hundert Jahren tatsächlich verlangsamt hat, besonders seit 1970", sagte einer der Studienautoren, Stefan Rahmstorf vom PIK.

Bild
Wie es aussieht, wird der Nordatlantikstrom seit den 1970er Jahren schwächer – das hat Folgen für die marinen Ökosysteme, sagen die Forscher. (Foto: Andrej Ryschkow/Wikimedia Commons)

Das Strömungssystem im Nordatlantik – umgangssprachlich oft als Golfstrom bezeichnet – transportiert warmes Wasser an der Oberfläche vom Süden in Richtung Norden. Dabei kühlt es sich ab, sinkt schließlich in größere Tiefen: Kaltes Wasser ist schwerer als warmes. Dementsprechend zieht es warmes Wasser nach, setzt so einen Kreislauf in Gang und fließt selbst wieder zurück in Richtung Süden. Diese Zirkulation wirkt sich großflächig auf die Meeresströmungen in den Ozeanen aus.

Verantwortlich für die riesigen umgewälzten Wassermengen im Nordatlantik sind Unterschiede in der Dichte des Meerwassers. Diese Dichte-Unterschiede sind auf unterschiedliche Temperaturen und Salzgehalte des Wassers zurückzuführen. Nur wenn ausreichend salziges Wasser ausreichend erkalten kann, wird die Zirkulation in Gang gehalten.

Veränderte Temperaturen vor Grönland

Genau darin liegt die Störungungsanfälligkeit des Systems: Das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes verlangsamt offenbar die Zirkulation im Atlantik. Das Eis besteht aus Süßwasser und verdünnt beim Tauen das Meereswasser, das in der Folge langsamer in die Kälte absinkt. Ganz allmählich wird so die Meereszirkulation abgebremst.

"Dieser Effekt könnte noch weiter zunehmen, wenn die weltweiten Temperaturen weiter ansteigen", sagt Jason Box von der Geologischen Forschungsanstalt für Dänemark und Grönland, der an der Studie beteiligt war. Ob die Zirkulation in den kommenden Jahren sogar komplett einbrechen könnte, lässt sich aus den Daten indes nicht ableiten. "Wir haben in der Studie nur die Entwicklung in der Vergangenheit untersucht", sagte Rahmstorf gegenüber klimaretter.info.

Bild
Über dem Nordatlantik scheint die Erderwärmung außer Kraft gesetzt: 2014 war das die einzige bekannte Region, die kälter wurde. (Foto: Frank Rödel/Alfred-Wegener-Institut)

Sicher dagegen ist, dass eine verlangsamte Atlantikströmung massive Folgen für die Ökosysteme haben und den Meeresspiegel regional ansteigen lassen wird. "Temperaturveränderungen in der Region südlich von Grönland können die Wettersysteme auf beiden Seiten des Atlantiks beeinflussen", so Rahmstorf.

Meeresströmungen beeinflussen Kontinentalklima

Das "Förderband" der Ozeane mit ihren Meeresströmungen und Umwälzbewegungen beeinflusst maßgeblich das in Europa vorherrschende Wetter. Wenn das Strömungssystem an Kraft verliert, müsste es in Europa kälter werden. Zwar vermeldete Europa im vergangenen Jahr einen erneuten Hitzerekord, aber zugleich bildete sich über dem nördlichen Atlantik wieder eine Kälteblase.

So war der subpolare Nordatlantik im vergangenen Jahr ein bis zwei Grad Celsius kälter als im Vergleichszeitraum von 1880 bis 1920. Damit ist der Nordatlantik zwischen Neufundland und Irland praktisch die einzige Weltgegend, die sich entgegen dem globalen Trend sogar abgekühlt hat.

Bislang gab es nur vereinzelte Messergebnisse zu den Temperaturen der Nordatlantikströmung. Deshalb haben die Forscher die Temperaturen der vergangenen Jahrhunderte mithilfe der Paläoklimatologie rekonstruiert. Aus Eisbohrkernen, Baumringen, Korallen und den Bodenablagerungen des Ozeans ermittelten sie die Temperaturen und deren Veränderungen im Nordatlantik. Ergebnis: Die gegenwärtigen Veränderungen waren deutlich stärker als alle seit dem 10. Jahrhundert aufgetretenen Änderungen. Nach Ansicht der Studienautoren legt dies einen Zusammenhang mit der Erderwärmung nahe.

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen