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"Wir brauchen die grüne Null"

Spätestens 2070 darf es weltweit keine CO2-Emissionen mehr geben, damit der Klimawandel noch beherrschbar bleibt. Doch wie lässt sich das durchsetzen? Das war eine der Fragen auf dem Kongress "Klima – Wandel im Gipfeljahr 2015", mit dem Hartmut Graßl zu seinem 75. Geburtstag geehrt wurde. Teil 2

Aus Hamburg Verena Kern

Eine Geburtstagstorte gab es am Nachmittag schließlich auch noch. Süße Schokolade, verziert mit Wolken, Wind, Sonne, den Herzensthemen von Hartmut Graßl. Mit einem internationalen Symposium (siehe Teil 1) ehrte die Wissenschaftscommunity am Mittwoch in Hamburg den großen Klimawissenschaftler. Und dann, nach der Torte, ging es mit dem zweiten Panel des Kongresstages eher bitter und schwer verdaulich zur Sache. Wie lässt sich Klimaschutz durchsetzen?, war die Frage.

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Klimaforscher Hartmut Graßl wurde 75, der Kongress zu seinen Ehren machte es sich nicht einfach. (Foto: Verena Kern)

"Was wir derzeit erleben", sagte der Globalisierungskritiker Martin Khor einleitend, "ist ein Großkonflikt zwischen Gemeinwohlorientierung und dem Monopoly der Großkonzerne." Vom Ausgang dieses Konflikts werde abhängen, "ob wir als Menschheit überleben", so der Direktor des South Center in Genf. Was damit gemeint ist, illustrierte der Ökonom mit eindrucksvollen Zahlen. Würde man, einem Vorschlag Hartmut Graßls von 2009 folgend, nationale CO2-Budgets einführen, müssten die Industriestaaten für das Zwei-Grad-Ziel ihre Emissionen nicht nur auf Null setzen, falls man den Entwicklungsländern einen Pro-Kopf-Ausstoß von drei Tonnen pro Jahr zugesteht, sondern um 147 Prozent reduzieren. Würden die Entwicklungsländer sogar sechs Tonnen pro Kopf und Jahr ausstoßen, so Khor, entstünde bei den Industriestaaten ein Minderungsbedarf von über 200 Prozent.

Eine Technik, die "negative Emissionen" herbeizaubern kann, steht aber nicht zur Verfügung. Die CCS-Technologie mag "als die harmloseste Form von Climate Engeneering" in den USA "als Verheißung" gelten, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker schon im ersten Panel am Vormittag anmerkte. Nach dem Motto: Warum sich mit Emissionsreduktion abplagen – uns wird schon rechtzeitig eine technische Lösung einfallen. "Doch bei uns ist CCS eine schreckliche Vorstellung", sagte von Weizsäcker.

Einen großen Emittenten übersehen

Wie groß die Herausforderung durch den Klimawandel tatsächlich ist, hatte der Landwirtschaftsexperte Ulrich Hoffmann bereits am Vormittag besonders deutlich gemacht. "Kaum wahrgenommen" von einer breiteren Öffentlichkeit, sei der Agrarsektor gerade dabei, sich zum größten Emittenten zu entwickeln. 30 Prozent der weltweiten Klimagase, rechnete der Chefökonom beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) vor, erzeugt inzwischen die Landwirtschaft, wenn man die damit einhergehenden Landnutzungsänderungen mitzählt. Berücksichtigt man zudem die Verarbeitung und den Transport von Lebensmitteln, erhöht sich die Zahl auf 40 Prozent.

Und weitere Steigerungen seien zu erwarten, betonte Hoffmann. Die Prognose liege bei einem Plus von 60 Prozent. Dabei sei bei der Landwirtschaft die Dekarbonisierung am schwierigsten. Denn der größte Teil der Emissionen entstehe durch den Verlust von Senken, was bei der industriellen Landwirtschaft sowie durch Urbanisierungsprozesse unweigerlich der Fall sei.

Neue Konzepte für eine klimafreundlichere Landwirtschaft lägen längst in der Schublade, sagte Hoffmann. Also: ein geringerer "Input-Einsatz", mehr Dezentralität, mehr Autonomie für Kleinbauern. "Das ergäbe viele Chancen für den Klimaschutz." Fraglich sei nur, ob diese Transformation gegen die Großkonzerne, die bislang die globale Landwirtschaft dominieren, durchgesetzt werden könne.

"Verlierer-Konzerne ins Boot holen"

Klimaschutz, fasste Ernst Ulrich von Weizsäcker zusammen, bedeute die Entwertung des Besitzes großer Konzerne, sowohl in der Landwirtschaft als auch bei den fossilen Energieträgern. "Wir haben es mit riesigen Verlierern zu tun." Die Frage sei: "Wie kann die Politik so umsteuern, damit die Verlierer mit ins Boot kommen?"

Für das "Mitnehmen" der großen Konzerne, die bislang die "Verlierer" von Atomausstieg und Energiewende seien, plädierte auch Klaus Schmid von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). Nötig sei "ein neuer Gesellschaftsvertrag", sagte der Rechtsanwalt, der auch für Eon und Vattenfall gearbeitet hat. Das brachte ihm den ersten und einzigen Zwischenruf aus dem Auditorium ein: "Sie haben doch das Kohlekraftwerk Moorburg mitzuverantworten!" Ende Februar ist das neue Vattenfall-Kohlekraftwerk in Moorburg ans Netz gegangen, das bis zu neun Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ausstoßen wird, etwa das Doppelte der gesamten Verkehrs-Emissionen der Stadt Hamburg.

"Sie dürfen große Konzerne nicht als monolithische Blöcke sehen", verteidigte sich Schmid, "da verändert sich gerade viel." Natürlich gehe es Konzernen immer um Profit, doch mittlerweile "fließen auch Kennzahlen, die mit Nachhaltigkeit zu tun haben, ins operative Geschäft ein", sagte Schmid. Das löste allgemeine Heiterkeit aus.

Dabei ging fast unter, dass von Schmid der weitreichendste Vorschlag kam. Man solle "mehr nachhaltige Komponenten in die Verfassung aufnehmen", forderte er. "Wir müssen das verrechtlichen." Schließlich genügt es nicht, "Großkonflikte" nur zu benennen. Man muss sie auch führen. Und wird am ehesten Erfolg haben, wenn man auf verbriefte Rechte pochen kann.

Energiewende geht nicht von oben herab

Maria Reinisch, bei Siemens für Kommunikation zuständig, verwies auf eine Unternehmensumfrage ihrer Firma vom vergangenen Jahr. Demnach gibt es "eine hohe Bereitschaft zum Umdenken" in der Wirtschaft, 90 Prozent der Befragten befürworten die Energiewende. Der Siemens-Konzern, der nach Fukushima das Ende seines Atomgeschäfts erklärte, war Sponsor des Kongresses. Auch Reinisch erntete Gelächter. Das Vertrauen in die Veränderungsbereitschaft der Konzerne war auch bei den vielen Grauhaarigen unter den Zuhörern eher mäßig ausgeprägt.

Konkret wurde es bei der "Stromrebellin" Ursula Sladek von den Elektrizitätswerken Schönau. Sie nannte es ein "Versagen der Politik", dass sich KWK-Kraftwerke "heute nicht mehr rentieren". Dabei seien sie "die Partner der Energiewende", da sie im Vergleich zu anderen Kraftwerken nur ein Drittel der Emissionen erzeugen, selbst wenn sie fossil betrieben werden. "Dass die Politik es so weit kommen lässt", obwohl sie offiziell doch die Energiewende voranbringen wolle, sei unbegreiflich, sagte Sladek.

Felix Gruber von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) plädierte dafür, "die Menschen noch mehr mitzunehmen". Nötig seien "unabhängige, glaubwürdige, fundierte Informationen" und eine "zielgruppenspezifische Ansprache". Fünf bis acht Prozent der Bevölkerung, so Gruber, "müssen Sie es nicht erklären, dem Rest aber schon". Man müsse sich mehr Mühe geben, forderte er.

Eine Veränderung der Denkungsart

Dirk Messner, Graßls Nachfolger als Vorsitzender des WBGU, des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, sprach sich für einen "Ordnungsrahmen" aus, "der Anreize in die richtige Richtung gibt". Ohne einen solchen Rahmen, sagte der Politikwissenschaftler, "liegt die Wahrscheinlichkeit für das Zwei-Grad-Ziel unter zehn Prozent". Durch den gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen 2009 "haben wir begriffen, dass Klimaverhandlungen Weltwirtschaftsverhandlungen sind". Die Reduktion von Emissionen zu fordern reiche nicht aus. Man brauche auch eine Vorstellung, "wie eine Low-Carbon-Wirtschaft aussehen könnte und wie man sie erreichen kann".

Im vergangenen Jahr hat der WBGU mit dem Sondergutachten "Klimaschutz als Weltbürgerbewegung" einen neuen Ansatz entwickelt. Überall auf der Welt, so umschrieb Messner die Idee, "machen sich Leute auf den Weg und erzeugen Dynamik". In dem Gutachten werden 20 "Low Carbon Labs" als Vorbilder und Anregung vorgestellt. Ziel müsse es sein, so Messner, endlich "den wechselseitigen Eskapismus von Politik und Bürgern" zu beenden, die "Blockade durch gegenseitige Schuldzuschreibungen". Bislang delegierten die Bürger noch allzu oft das Handeln an die Politiker, während die Politiker am Status quo festhielten, aus Angst, sonst nicht mehr gewählt zu werden und "womöglich die Wirtschaft zu ruinieren".

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Klimaschutz als Weltbürgerbewegung: Da steckt viel von Hartmut Graßls Mantra drin, dass der Klimawandel nur von einer breit informierten Gesellschaft als Ganzes bewältigt werden kann. (Foto: VDW)

"Was wir leisten müssen, stellt eine völlig neue Aufgabe dar", rief Messner den 300 Zuhörern in der Hamburger Universität zu. Die Transformation in eine klimafreundliche Gesellschaft sei eine "normative, moralische und zivilisatorische Herausforderung", sagte der WBGU-Chef. Denn: So weit in die Zukunft habe die Menschheit noch nie gedacht und geplant. Einzige Ausnahme sei bislang das Rentensystem, wo zumindest eine Generation im Voraus gedacht werde. Es gehe, frei nach Kant, um "eine Veränderung der Denkungsart der Menschheit". Jürgen Scheffran vom Hamburger Exzellenzcluster Clisap, der die Gesprächsrunde moderierte, formulierte es eine Nummer kleiner: "Wir brauchen eine grüne Null, keine schwarze."

Anmerkung der Redaktion: Hartmut Graßl ist Herausgeber von klimaretter.info

Lesen Sie hier Teil 1: Graßl-Kongress: Forschen für die Praxis

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