"Der Klimavertrag ist ein Demokratietest"

BildProfessor Hartmut Graßl, langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg und Mitherausgeber von klimaretter.info, feiert am 18. März seinen 75. Geburtstag. "Klima-Wandel im Gipfeljahr 2015" heißt das internationale Symposium, das die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler an diesem Tag zu Ehren Graßls veranstaltet. Statt 75 Jahre zurückzublicken, denkt der Klimaforscher lieber 75 Jahre voraus. 

Herr Professor, andere feiern ein großes Fest, wenn sie 75 werden – Sie halten einen Kongress ab. Warum?

Hartmut Graßl: Weil ich gesund bin. Und weil ich mich berufen fühle. Es geht speziell in diesem Jahr um einen großen Demokratietest. Ich will beitragen, dass dieser Test funktioniert.

Inwiefern?

Alle Länder, die die Klimarahmenkonvention unterschrieben haben, müssen sich in diesem Jahr festlegen, wie sie einen gefährlichen Klimawandel stoppen wollen. Das ist für die meisten Staaten, die diktatorisch oder nicht wirklich demokratisch regiert werden, ein echter Demokratietest!

"Klima-Wandel im Gipfeljahr 2015" – das Kongress-Motto klingt auch stark nach Politik. Was muss sich wandeln?

Unsere Einstellung. Die Grundeinstellung der meisten Länder ist, dass sie auf den Konferenzen für ihr Land mehr rausholen wollen als andere Länder. Beim anthropogenen Klimawandel ist diese Einstellung grundfalsch. Es gibt sicherlich Länder, die stärker von der Erderwärmung betroffen sind als andere. Aber es kann kein Land geben, das unter den Folgen eines ungebremsten globalen Temperaturanstiegs netto nicht leiden würde. Wir müssen uns einigen, wie wir solidarisch die Zukunft gestalten.

Der Verhandlungstext für den Paris-Vertrag steht jetzt, wenn auch noch mit vielen umstrittenen Textpassagen. Wie groß ist die Chance, dass wir im Dezember in Paris zu einem neuen, global verbindlichen Klima-Protokoll kommen?

Erstaunlich hoch! Erstens kann sich die Klimadiplomatie eine Wiederholung der Blamage von Kopenhagen nicht leisten. Zweitens haben sich China und die USA – also die größten Emittenten – bilateral auch auf Klimaschutzmaßnahmen geeinigt. Dazu kommt Indien als mittlerweile drittgrößter Emittent, das ebenfalls zaghafte Bemühungen erkennen lässt. Paris muss den Präsidenten eine Bühne geben, auf der sie am letzten Tag den gordischen Knoten lösen und sich als Klimaretter feiern können. Wenn nicht noch Herr Putin – seine Bedeutung überhöhend – mehr Konfrontation mit den USA schafft.

Der bisherige Motor der Verhandlungen stockt – die EU macht sich klein. Woran liegt das?

Das ist mir zunächst unbegreiflich. Wieder einmal scheint die alte fossile Lobby stärker als der Druck der Bevölkerung. Eigentlich liegt der Klimaschutz im ureigenen Interesse der Europäischen Union. Die EU hat auf militärischem Gebiet wenig zu sagen, hat keinen besonders hohen Anteil kreativer junger Bevölkerung – ihr bleibt nur noch ein Feld, auf dem sie dominant sein kann: der Klimaschutz. Ich hoffe, dass die Präsidentschaft Deutschlands bei der G 7 etwas korrigieren kann.

Bild
Die Klimadiplomaten können sich jetzt keine Blamage mehr leisten, meint Hartmut Grassl. Hier am Pariser Flughafen Le Bourget findet im Dezember der entscheidende Klimagipfel statt. (Foto: diplomatie.gouv.fr; Porträtfoto Hartmut Graßl: Sigismund von Dobschütz/Wikimedia Commons)

Zurück zum Kongress: "Die Zukunft in unserer Verantwortung" ist eine Veranstaltung überschrieben – junge Wissenschaftler im Gespräch mit Ihnen. Was hat denn das mit internationalen Klimaverhandlungen zu tun?

Es geht um die Übergabe der Verantwortung. Ich bin ja viel unterwegs, um meine Erfahrungen aus den Klimaverhandlungen unter die Leute zu bringen, in Hamburg spiele ich zum Beispiel bei dem Theaterstück "Weltklimakonferenz" von Rimini Protokoll mit. Aber ich bin jetzt 75! Also ist doch klar, dass jüngere Wissenschaftler nachrücken und Verantwortung übernehmen müssen.

Ein Programmpunkt Ihres Symposiums lautet: "Welche Forschung brauchen wir für den Klimaschutz?" Wo ist da der Zusammenhang mit den UN-Konferenzen?

Die Klimadiplomaten können nur durchsetzen, wozu sie von ihren Regierungen beauftragt worden sind. Die Regierungen werden wiederum nur das beauftragen, was das Wahlvolk möchte. Es geht also um breite Wissensvermittlung und Mobilisierung! Nur wenn wir als Gesellschaft die Probleme des Klimawandels verstehen und die Folgen begreifen, nur dann können die internationalen Verhandlungen ein Erfolg werden.

Interview: Nick Reimer

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen