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Der ansteckende Wissenschaftler

Hartmut Graßl, langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, treibende Kraft in der nationalen und internationalen Klimapolitik und Mitherausgeber von klimaretter.info, wird heute 75 Jahre alt. Wir verneigen uns!

Eine Laudation von Michael Müller

Hartmut Graßl ist ein großartiger Mensch, ein herausragender Wissenschaftler und ein unermüdlicher Kämpfer gegen Dummheit und Ignoranz. Ich bin immer neu beeindruckt und begeistert von seiner mitreißenden Dynamik, seinen pointierten, eindrucksvollen Bildern und seinem ansteckenden Optimismus. Heute wird er 75 Jahre alt. Ein Anlass, um kurz innezuhalten.

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Hartmut Graßl: "Nur wenn wir als Gesellschaft die Probleme und Folgen des Klimawandels verstehen, können die UN-Verhandlungen ein Erfolg werden." (Foto: MPI)

Graßl war im Frühjahr 1987 zusammen mit Klaus Heinloth Autor des denkwürdigen und weitsichtigen Aufrufs der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft zur "Warnung vor drohenden weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen". Was vor fast 30 Jahren geschrieben wurde, ist unverändert aktuell. Ebenso ungebrochen ist Graßls Wille, nicht nur folgenlos zu warnen, sondern daraus auch Konsequenzen zu ziehen.

Von 1989 bis 1994 war Hartmut Graßl Mitglied der Enquetekommission "Schutz der Erdatmosphäre", die wegweisende Arbeit zum nationalen und internationalen Klimaschutz geleistet hat. Es war eine spannende Zeit mit einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Politik und Wissenschaft. Das ist das, was Graßl will und als unverzichtbar bezeichnet.

Die "wichtigsten Antworten" zum Klimawandel

Es war nur folgerichtig, dass er 1994 Direktor des Weltklimaforschungsprogramms der World Meteorological Organization (WMO) der UNO in Genf wurde. Zudem war Graßl Vorsitzender und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU), der sich mit dem komplexen Wirkungszusammenhang globaler Umwelt- und Entwicklungsprobleme beschäftigt.

Wir Klimamacher hieß das Buch, das Hartmut Graßl 1991 zusammen mit Reiner Klingholz publizierte. Untertitel: Auswege aus dem globalen Treibhaus. 2007 erschien Klimawandel: Wissen was stimmt im Herder-Verlag, mit den "wichtigsten Antworten", wie es im Untertitel heißt. Graßl hat nicht immer Zeit für klimaretter.info, er ist heute Mitglied des Stiftungsrates der Münchener-Rück-Stiftung, Beirat im Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, Mitglied des Nabu-Kuratoriums, Schauspieler am Schauspielhaus Hamburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg – und, und, und. 1998 wurden Graßl und seine Arbeitsgruppe Klimaforschung am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg mit dem Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgezeichnet – der höchstdotierten Umweltauszeichnung der Welt.

Enttäuschung über das "Nicht glauben wollen"

Was soll so ein anerkannter Wissenschaftler denken, wenn er immer wieder das merkwürdige Gebräu der selbsternannten Klima-"Skeptiker" liest, die seine Arbeiten und die tausender Kolleginnen und Kollegen im Weltklimarat als Irrlehre abtun? Wenn Zeitungen wie Die Welt die Klimaforschung als Kartenlegen oder Glaskugelgucken abwerten? Wenn Klimawissenschaftler gar in böser historischer Anspielung als "Reichsklimakammer" diffamiert werden?

Natürlich gibt es ein Recht auf eigene Dummheit! Aber darf Dummheit so weit gehen, wenn es um eine Menschheitsherausforderung wie den Klimawandel geht, die uns eine neue Qualität von Verantwortungsethik abverlangt, nicht aber die Pflege alter, eingefahrener Vorurteile? Natürlich muss sich die Wissenschaft kritischen Debatten stellen, das tut Hartmut Graßl auch. Er macht es sich nicht leicht, aber er ist zu Recht davon überzeugt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse erst einmal Fakten sind und nicht folgenlos bleiben dürfen.

Deshalb kommt es darauf an, Hartmut Graßl nicht nur an seinem Geburtstag mit lobenden Worten zu ehren, sondern seine Erkenntnisse ernst zu nehmen. Nichts ärgert den unermüdlichen Klimaforscher mehr als der wachsende Widerspruch zwischen Wissen und Handeln. Besonders enttäuscht war er stets, wenn er hochrangigen Vertretern aus Politik und Wirtschaft die Erkenntnisse über den Klimawandel vortragen konnte, aber deutlich spüren musste, dass sie zwar zuhörten, aber ihm nicht glauben wollten.

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Sogar auf die Theaterbühne stellt sich Hartmut Graßl, wenn es der Vermittlung von Klimawissen dient: "Weltklimakonferenz" heißt das Stück am Hamburger Schauspielhaus, in dem Graßl seit November 2014 auftritt. (Foto: Nick Reimer)

Ich wünsche – auch im Namen meiner Mit-Herausgeber und der Redaktion von klimaretter.info – unserem umtriebigen und unermüdlichen Freund Hartmut Graßl, dass er in seinem 76. Lebensjahr erlebt, wie sich Aufklärung und Vernunft doch noch durchsetzen.

[Erklärung]  
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