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Tonnenschwere Fehlschlüsse

Friedrich Schmidt-Bleek, der Entwickler der MIPS-Methode, mit der Materialströme bilanziert werden können, hat ein Buch über die Energiewende vorgelegt. "Grüne Lügen" heißt es – und der Titel ist tatsächlich Programm.

Eine Rezension von Rainer Grießhammer

Angriffe gegen die Energiewende werden zunehmend schick. Da wollte offensichtlich Friedrich Schmidt-Bleek – schon lange pensionierter Vizepräsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Energie und Umwelt – nicht zurückstehen und schrieb mit seinem Buch "Grüne Lügen" einen Generalangriff gegen die Energiewende, die Photovoltaik und die Elektromobilität. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche legte er kürzlich noch einmal nach und bezeichnete die Photovoltaik gar als "Gift für die Umwelt" und "Schwachsinn". Hinter der Wucht dieser Worte finden sich im Buch aber nur massive Rechenfehler, veraltete und falsche Daten, schwere methodische Fehler bei der Ökobilanzierung und eine völlig ungeeignete Bewertungsmethode.

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Wie viel Bodenmaterial muss pro Einheit Braunkohle bewegt werden? Friedrich Schmidt-Bleek hat sich in seinem "Lügen"-Buch verrechnet. (Foto: Reimer)

Einziger Bezugspunkt für Schmidt-Bleek ist die Material-Intensität von Produkten und Dienstleistungen. Mit der von ihm 1992 vorgeschlagenen MIPS-Methode – MIPS steht für Material-Intensität pro Service-Einheit – werden die Materialströme erfasst, die im Produkt-Lebenszyklus gebraucht oder indirekt ausgelöst werden. Dabei werden aber alle Stoffe nur gewichtsmäßig zusammengezählt – egal ob das nun Sand, Erzgestein, Erdöl oder Uran ist.

Mit dieser Einfachst-Methode sollte vor allem auf die bis dahin eher vernachlässigten Probleme bei der Rohstoffgewinnung hingewiesen werden. So werden etwa bei der Gewinnung von Metallen oft viele Tonnen Erze auf umweltbelastende Art abgebaut und verarbeitet, um das eigentliche Metall zu gewinnen. Das in Erzen nur dünn vorkommende Platin hat beispielsweise einen hohen MIPS-Wert von 320.000 Kilogramm pro Kilogramm Platin.

Letztlich ist die MIPS-Methode eine didaktisch-narrative Übersetzung des alten Sprichworts "Wo gehobelt wird, da fallen Späne". Bei hohen MIPS-Werten sollte man aber zusätzlich analysieren, wie umwelt- oder gesundheitsgefährdend das jeweilige Material oder Produkt und dessen Gewinnung tatsächlich sind. Aber genau das verweigert Schmidt-Bleek kategorisch: "Wer wirklich nach den Ursachen für die lebensbedrohende Abnahme von Dienstleistungen und Funktionen der Natur sucht, der wird nicht beim Benzin, nicht bei den Emissionen von Feinstaub, nicht bei der unsachgemäßen Nutzung oder Entsorgung von giftigen Metallen, nicht bei weggeworfenen Verpackungen oder ungenügenden Isolierungen von Wohnungen fündig werden."

Stattdessen analysiert er ausschließlich die wenig aussagekräftige Materialintensität und bezeichnet sie als "richtungssicheren Indikator". Schon damit sind seine Schlussfolgerungen zu "Grünen Lügen" buchstäblich auf Sand gebaut.

Ausgerechnet bei der klimaschädlichen Braunkohle verrechnet

Auch für den Vergleich der Stromerzeugung in Atom- und Kohlekraftwerken oder Photovoltaikanlagen legt Schmidt-Bleek nur die Materialintensität zugrunde – Treibhausgas-Emissionen, Öltanker-Unfälle, radioaktive Strahlung oder Störfallrisiken interessieren ihn nicht. Dazu kommt, dass er die MIPS-Werte einer veralteten Diplomarbeit aus dem Jahr 1995 entnimmt. Da sich die Werte für Photovoltaik durch den schnellen technischen Fortschritt seitdem deutlich geändert haben, spekuliert er, dass sich die Effizienz der Photovoltaik um den Faktor drei bis vier verbessert haben könnte, "offizielle Zahlen" dafür gebe es nicht.

Mit einer kleinen Literaturrecherche bei seinen ehemaligen Kollegen des Wuppertal-Instituts hätte der heute 81-jährige Chemiker und Umweltforscher die aktuellen Werte erfahren können: Je nach Art der Solarstromanlagen liegen diese bei 0,21 bis 0,39 Kilogramm je Kilowattstunde – um den Faktor fünf bis neun günstiger als die alten Werte. Das Wuppertal-Institut bewertet in der gleichen Veröffentlichung die Photovoltaik denn auch aus Ressourcensicht als "unkritisch".

Ganz anders Schmidt-Bleek: Bei einer Umrechnung von Tonnen MIPS pro Megawattstunde Strom in Kilogramm pro Kilowattstunde verrechnet er sich ausgerechnet bei der klimaschädlichen Braunkohle und stellt diese um den Faktor zehn zu günstig dar. Die Bedeutung der für den Klimawandel verantwortlichen Kohlendioxid-Emissionen spielt er abschätzig herunter: das sei nur eine von "hunderttausend Emissionen". Obwohl der Braunkohlestrom 30- bis 50-mal materialintensiver als die Photovoltaik ist, kritisiert er nicht ihn, sondern die Photovoltaik.

Fehler über Fehler

Von dem katastrophalen Rechenfehler einmal abgesehen, kann Schmidt-Bleek offensichtlich nicht einmal seine eigenen MIPS-Werte vergleichend einordnen. Im Anhang des Buches findet sich zum Beispiel für Salatgurken (sieben Kilogramm je Kilogramm) eine viel höhere Materialintensität als für eine Kilowattstunde Sonnenstrom. Aus der Tatsache, dass Photovoltaik erstens minimale Treibhausgas-Emissionen hat – anders als Steinkohle und Braunkohle –, zweitens keine radioaktive Gefährdung wie die Atomenergie aufweist und drittens eine Kilowattstunde Solarstrom nur eine so geringe Materialintensität wie ein paar Gurkenscheiben hat, zieht Schmidt-Bleek dann den abenteuerlichen und unlogischen Schluss: "Durch ihre Ressourcenintensität sind Photovoltaikpaneele Gift für die Umwelt und in Wahrheit alles andere als grün. Das ist Schwachsinn!"

Auch bei der – durchaus weiterzuentwickelnden – Elektromobilität hält sich Schmidt-Bleek nicht mit seriösen Analysen oder Betrachtungen der niedrigen Treibhausgas-Emissionen auf. Er vergleicht stellvertretend für das Elektro-Auto die Materialintensität der Kupfermenge eines Elektromotors (rund acht Tonnen) mit dem gegenüber einem konventionellen Auto eingesparten Treibstoff (rund zehn Tonnen) und klassifiziert damit Elektroautos als "Grüne Lüge". Dieser Vergleich lässt jedem Ökobilanzierer die Haare zu Berge stehen, denn bei einem fairen Vergleich müsste man mindestens die unterschiedlichen Antriebssysteme vergleichen, also "Elektromotor plus Lithium-Ionen-Batterie plus Leistungselektronik plus Strom" gegen "Verbrennungsmotor plus Blei-Batterie, Anlasser, Lichtmaschine, Auspuffsystem, Katalysator plus Treibstoff". Zumal ja auch der Verbrennungsmotor, der Anlasser und die Lichtmaschine Kupfer enthalten und der Katalysator gar noch das besonders materialintensive Platin.

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"Die Falschspieler" – Gerrit van Honthorsts Gemälde aus dem 17. Jahrhundert hängt im Museum Wiesbaden. Das fehlerstrotzende Buch von Friedrich Schmidt-Bleek steht jetzt in den Bibliotheken. (Foto: Museum Wiesbaden/Wikimedia Commons)

Fehler über Fehler. Schmidt-Bleek nimmt einen zu hohen Wert für die Kupfermenge beim Elektromotor an (45 statt – wie in der Fachliteratur veröffentlicht – höchstens 34 Kilogramm), sowie einen Herstellungs-Mix mit jeweils 50 Prozent Primär- und Sekundärkupfer. Nachdem aber heute schon regelmäßig Kupferkabel von Baustellen oder Kupfer-Dachrinnen bei Kirchen geklaut werden, kann man bei Elektromotoren von hohen Recycling-Raten (mindestens 90 Prozent) und einer viel niedrigeren Materialintensität ausgehen, denn der MIPS-Wert von rezykliertem Kupfer ist 145-mal niedriger (!) als der von Primär-Kupfer. Dann würde selbst der an sich unsinnige Schmidt-Bleeksche Vergleich klar zugunsten der Elektromobilität kippen.

Nebenbei und ohne Belege diffamiert Schmidt-Bleek auch noch die Wärmedämmung von Gebäuden und die Entwicklung stromsparender Elektrogeräte. Mit seinen tonnenschweren Fehlschlüssen macht er letztlich die Ressourcenprobleme lächerlich. Und macht sich nicht einmal die Mühe, über die erheblichen Anstrengungen und Erfolge bei der Substitution von kritischen Metallen, gerade im Bereich grüner Zukunftstechnologien, zu berichten.

Es bleibt die bittere Erkenntnis: Die Herstellung und das Lesen des Buchs "Grüne Lügen" sind eine einzige Ressourcen- und Zeitverschwendung.

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Friedrich Schmidt-Bleek:
Grüne Lügen.
Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft – wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten

Ludwig, München 2014
304 Seiten, 19,99 Euro

 

Unser Rezensent Rainer Grießhammer ist Chemiker, Professor und stellvertretender Geschäftsführer des Freiburger Öko-Instituts. Er hat sich intensiv mit Ökobilanzen, Stoffstrommanagement und Produktlinienanalyse beschäftigt. Im Jahr 2010 wurde Grießhammer mit dem Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgezeichnet.

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