Schwerpunkte

G20 | Trump | Effizienz

"Neue Normalität" in der Armutsbekämpfung

Dürren, extreme Niederschläge, Sturmfluten – die Folgen des Klimawandels bekommen vor allem die Ärmsten der Welt bereits deutlich zu spüren. In einem Bericht empfiehlt die Weltbank, sich auf die "neue Normalität" einzustellen. Das betrifft auch den Kampf gegen die Armut. Entwicklungsorganisationen erschwert der Klimawandel die Arbeit schon jetzt.

Von Eva Mahnke

Den Menschen in der Anden-Region geht gerade eine traditionelle Delikatesse verloren: gefriergetrocknete Kartoffeln. Verloren geht aber auch die Möglichkeit der lokalen Bevölkerung, sich mithilfe ihres Erfahrungswissens gegen die Folgen von Ernteausfällen zu wappnen. Schuld ist der Klimawandel.

Bild
Die Gletscher in der Anden-Region wie der Quelccaya-Gletscher in Peru ziehen sich zurück. (Foto:
Edubucher/Wikimedia Commons)

Durch das veränderte Klima werden die Frostnächte immer seltener und weniger planbar und die Gletscher für die Menschen zunehmend unerreichbar. Ohne die Möglichkeit zum Schockgefrieren lassen sich Überschüsse aus der Kartoffelernte nicht mehr wie bisher für künftige Jahre mit Ernteausfällen haltbar machen. Den Kleinbauern kommt die Fähigkeit abhanden, sich in Zeiten der Not selbst zu helfen.

Das beunruhigt die Andenbewohner. "In der Region herrscht eine große Unsicherheit", sagt Anika Schröder, Klimaexpertin der Entwicklungsorganisation Misereor, "weil sie ohnehin schon von starken Klimaschwankungen betroffen ist." Misereor betreut in der Region mehrere Projekte. Sehr trockene Jahre oder harte Winter habe es schon immer gegeben, so Schröder, bislang konnten die Bauern dem aber mit traditionellen Methoden beikommen. "Das funktioniert nun nicht mehr."

Klimawandel fast überall auf der Welt spürbar

In den Anden beobachten die Menschen das, was inzwischen an nahezu allen Orten der Welt stattfindet: Der Klimawandel wirkt sich auf das tägliche Leben aus. Wie stark, zeigt ein aktueller Bericht der Weltbank und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Der Report ist der dritte in der Reihe "Turn Down the Heat" (Dreh die Hitze runter).

In Teil eins vom November 2012 hatte die Weltbank davor gewarnt, dass sich die Atmosphäre trotz der bislang zugesagten Klimaschutz-Ziele erheblich erwärmen könnte. Teil zwei vom Juni 2013 machte deutlich, was der Klimawandel für die verwundbarsten Regionen der Welt bedeutet. Der jüngste Teil konzentriert sich nun noch stärker auf die Folgen des Klimawandels.

Die sind laut Bericht von Region zu Region extrem unterschiedlich. Eines ist jedoch klar: "Kaum eine Region ist von den Folgen des Klimawandels ausgenommen und das Risiko für die Menschen ist dort am größten, wo mehrere Klimafolgen zusammenwirken." Christopher Reyer vom PIK, der den gemeinsam mit Climate Analytics und dem britischen Overseas Development Institute erarbeiteten Bericht koordiniert hat, erläutert: "In den Anden könnten die Menschen etwa saisonaler Wasserknappheit ausgesetzt sein, während gleichzeitig die Lebensmittelpreise ansteigen und Wetterextreme zusätzliche Belastungen mit sich bringen."

Wie es in den Anden zurzeit aussieht, berichtet Sven Harmeling, der für die Hilfsorganisation Care in der Region unterwegs ist. "Die Leute sehen, wie die Gletscher schmelzen, wie das Eis von Jahr zu Jahr weniger wird." Außerdem häuften sich die Katastrophen. Überschwemmungen und Dürren kämen jetzt öfter vor, teilweise sogar innerhalb eines Jahres in der gleichen Region. "Zum Teil kommen die Menschen gar nicht mehr dazu, sich von den Katastrophen zu erholen", so Harmeling. "Das führt dazu, dass sie fragen: Wo kommt das her? Was bedeutet das?"

Bild
Die Menschen in der Anden-Region sind stark abhängig von den Launen der Natur. (Foto:
Tabea Huth/Wikimedia Commons)

Diesen Eindruck bestätigt der Weltbank-Bericht. Er warnt davor, dass Wetterextreme zur "neuen Normalität" werden könnten. Schon heute sei so viel CO2 in der Atmosphäre, dass diese sich um mindestens 1,5 Grad Celsius erwärmen werde; zurzeit beträgt die Temperatursteigerung 0,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau. "Die Emissionen aus der Vergangenheit haben die Welt für die kommenden zwei Dekaden auf einen unvermeidbaren Kurs gebracht", sagt Weltbank-Chef Jim Yong Kim. "Die Folgen werden vor allem die ärmsten und verletzlichsten Menschen treffen." Klar ist: Die Betroffenen werden sich anpassen müssen.

Dabei mangelt es der Bevölkerung oft noch an den grundlegendsten Informationen. Einige Bauern zum Beispiel freuen sich zurzeit noch darüber, dass durch die Gletscherschmelze mehr Wasser für die Landwirtschaft zur Verfügung steht, und stellen den Anbau entsprechend um. Doch in ein paar Jahren oder spätestens Jahrzehnten wird das Wasser mit den Gletschern verschwinden.

Oftmals fehlt es aber auch an verlässlichen Prognosen, wie sie vor allem für die langfristige Planung der Behörden wichtig sind. "Das Problem ist: Es lässt sich sehr schwer vorhersagen, was genau in einer bestimmten Region, in einem bestimmten Tal passieren wird", erläutert Misereor-Expertin Schröder. "Hier gibt es einen großen Nachholbedarf für kleinräumige Simulationen."

Aus der Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr wegzudenken

Eines lasse der Bericht aber jetzt schon deutlich werden, so Weltbank-Chef Kim: "Der Klimawandel macht es schwieriger, Armut zu verringern." Das habe weitreichende Folgen für Entwicklungs-Etats und für Institutionen wie die Weltbank-Gruppe: "Die Frage ist, wo Investitionen, Unterstützung und Beratung helfen müssen, damit diese Länder mehr Widerstandskraft aufbauen und sich anpassen können."

Auch die Arbeit der Entwicklungsorganisationen hat sich durch die "neue Normalität" bereits gewandelt. Für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sei der Klimawandel von großer Bedeutung, berichtet der Klimaexperte der staatlichen Organisation Christoph Feldkötter. "Denn klimabedingte Risiken beeinträchtigen Entwicklungstrends weltweit." In Peru zum Beispiel, dem Gastgeberland der diesjährigen UN-Klimakonferenz, unterstützt die Organisation das Wirtschafts- und Finanzministerium dabei, öffentliche Investitionen klimasicher zu machen. "In Nordperu hat das dazu geführt, dass nun größere Wasserspeicher gebaut werden, weil infolge des Temperaturanstiegs damit gerechnet werden muss, dass mehr Wasser verdunstet", so Feldkötter. Mittlerweile habe das peruanische Ministerium für sämtliche öffentlichen Investitionsprojekte Klimarisikobetrachtungen vorgeschrieben.

Neben den negativen Folgen biete der Klimawandel aber auch Chancen, sagt Feldkötter. Er verweist auf ein Beispiel aus der Landwirtschaft. "Klimamodelle zeigen, dass sich geeignete Anbaugebiete für Kaffeeplantagen verschieben", so der Experte. "Während zum Beispiel in einigen Regionen Zentralamerikas aufgrund des Temperaturanstiegs der Kaffeeanbau in Zukunft schwieriger wird, eröffnen sich vor allem für höher liegende Gebiete Chancen, diesen Wirtschaftszweig auszubauen." Deshalb berücksichtige die GIZ solche Veränderungen, wenn sie Bauern und Unternehmen beim Kaffeeanbau berät.

Spirale der Anpassung

Dass die Chancen aber auch schnell wieder zu neuen Risiken führen können, darauf weist Misereor-Expertin Anika Schröder hin. So können sich Bauern zwar einige Jahre lang freuen, dass sie Mais in Regionen anbauen können, wo das vorher klimatisch nicht möglich war. Das gehe aber nur ein paar Jahre gut, so Schröder, dann kämen die Schädlinge, die nun durch den Klimawandel ebenfalls in neue Regionen vordringen."Weil die Klimazonen in den Anden so dicht beieinander liegen, vollzieht sich der Wandel hier in einem wahnsinnig schnellen Rhythmus. Die Bauern finden sich in einer Spirale ständiger Anpassung wieder."

Und nicht nur das. Bisweilen sind die Folgen des Klimawandels so gravierend, dass sie den Entwicklungsorganisationen die Pläne durchkreuzen, zur Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort beizutragen. "Wir sehen, dass viele Partnerorganisationen, die früher nach vorne gedacht und geplant haben, jetzt mehr Kapazitäten für die Prävention von Katastrophen oder für das Aufräumen danach verwenden müssen", sagt Schröder. Immer häufiger müsse man sich zudem fragen, ob bestimmte Vorhaben, wie etwa der Aufbau einer modernen Wasserversorgung, sich in einer Region noch lohnen oder nicht – weil es in zehn Jahren nicht mehr genug Wasser geben wird, um dort leben zu können. "Dann müssen wir die Leute wohl eher auf eine Umsiedlung vorbereiten. Das sind schwierige ethische Fragen", so Schröder.

Bild
Die Klimazonen liegen in einem Hochgebirge wie den Anden sehr eng beieinander; Veränderungen vollziehen sich hier deshalb besonders rasant. (Foto:
Unukorno/Wikimedia Commons)

Care-Experte Harmeling bringt die Bedeutung des Weltbank-Berichts auf den Punkt: "Für die Entwicklungszusammenarbeit wird der Klimawandel immer wichtiger. Wenn wir ihn nicht in unsere Arbeit einbeziehen und ihm entschlossen begegnen, wird es unmöglich, unsere Ziele zu erreichen. Dann werden wir niemals die Armut überwinden oder auch Geschlechtergerechtigkeit schaffen."

Der Text wurde am 26. November um 10 Uhr ergänzt.

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen