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"Der Weltklimarat schreibt mein Kochbuch"

Eine entscheidende Frage für die internationalen Klimaverhandlungen ist: Wie misst man eigentlich den nationalen Treibhausgas-Ausstoß? Wie wird er berechnet? Wie vergleichbar gemacht? Und wer kontrolliert die Angaben? Ein Besuch beim obersten deutschen Treibhausgaszähler Michael Strogies.

Aus Dessau Nick Reimer

Wojciechs Reisebus rollt bei Bamberg über die A 9. Drei Studenten aus Litauen sind an Bord, die zu ihrer Uni nach Stuttgart wollen, ein älteres Ehepaar aus der Ukraine und viele Polen. In Görlitz steigen zwei junge Männer zu, die auf Montage nach Baden-Württemberg reisen. "Busfahren ist entspannter", sagen sie. Wie berechnet man aber die Emissionen dieses Reisebusses? Wie viel Treibhausgas muss in Polen, in der Ukraine, Litauen und Deutschland angerechnet werden?

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Ist verantwortlich dafür, dass das deutsche Treibhausgas-Inventar auch wirklich alle Treibhausgase erfasst: Michael Strogies an seinem Arbeitsplatz im Umweltbundesamt. (Foto: Nick Reimer)

"Im Prinzip ist das ganz einfach", sagt Michael Strogies, der beim Umweltbundesamt im anhaltischen Dessau für das Nationale Treibhausgasinventar Deutschlands zuständig ist. "Tankt der Bus in Polen, gehen die Emissionen ins nationale Treibhausgas-Register Polens ein, tankt er in Deutschland, dann eben hier." Aus der Energiebilanz der Kraftstoffe wird ermittelt, wie viele Treibhausgase in jedem Land entstehen.

Aber auch ob der Bus langsam oder schnell fährt, ist für die Erfassung wichtig. Mehr Tempo bedeutet mehr Treibhausgase. "Eine Verkehrsdatenbank namens Tremod, für die regelmäßig Verkehrsströme gezählt werden, sagt uns, wie viele Busse schnell, wie viele langsam fahren, da sie unter anderem den Verkehr in den Städten und auf Autobahnen unterscheidet", erklärt Strogies. Natürlich wird nicht Wojciechs Reisebus exakt erfasst. Dank der Datenbank gibt es aber Koeffizienten, die ziemlich genau bestimmen, wie viele Treibhausgase aus dem gesamten Verkehrssektor in der deutschen Klimabilanz zu Buche schlagen.

Die besten Zahlen, die es gibt

"Es gilt der oberste Grundsatz: Treibhausgase werden am Ort der Entstehung bilanziert", sagt Deutschlands oberster Treibhausgas-Bilanzierer. Dazu hat Artikel 5.1 des Kyoto-Protokolls "Guidelines for national systems" festgeschrieben: Leitlinien für die nationale Erfassung des Ausstoßes. Diese Guidelines geben vor, welche Institutionen geschaffen werden müssen und welche Pflichten diese haben. Zum Beispiel, dass die Daten vereinbarten Qualitätsstandards genügen und archiviert werden müssen. Wie die Emissionen berechnet werden müssen, wird von einer Methodologie des Weltklimarats IPCC bestimmt. Strogies nennt die IPCC-Guidelines "sozusagen das Kochbuch, das uns sagt, wie wir rechnen sollen. Von diesen Vorgaben können wir nur abweichen, wenn wir nachweisen, dass unsere eigenen Methoden besser sind."

Wie viel Brennstoff verbrauchen die deutschen Binnenschiffe? Welche Mengen Abfall fallen in einem Jahr in Deutschland an und werden wie entsorgt? Welche Mengen Stahl wurden produziert? Wie viel Heizgas nutzen die Häuslebesitzer? "Wir benutzen so weit wie möglich die amtliche Statistik", sagt Strogies. Als Hauptquellen sind das die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Dazu die der "Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen", eines Vereins, der 1971 von sieben Verbänden der deutschen Energiewirtschaft und drei energiewirtschaftlichen Forschungsinstituten gegründet worden ist. Diese Arbeitsgemeinschaft ermittelt, welche Brennstoffe in welcher Menge in der Bundesrepublik verbannt werden.

Das Treibhaus-Potenzial deutscher Panzer

Strogies und sein Team nutzen diese Daten für eine "sehr feine Energieverbrauchsmatrix, die auch die Kesselgröße oder die verschiedenen Feuerungstechnologien berücksichtigt", wie er sagt. Das Brennverhalten in einem Vattenfall-Kraftwerk ist schließlich etwas ganz anderes als das Feuer im Hauskamin, ein Wirbelschicht-Ofen verursacht andere Emissionsmengen als ein normaler Rost-Ofen.

Auf einem Truppenübungsplatz übt die Bundeswehr den Ernstfall: Panzer wühlen sich durch den Sand. "Ich weiß natürlich nicht, wie viele Treibhausgase das direkt verursacht. Das Verteidigungsministerium hat sich aber verpflichtet, uns fehlende Angaben zum militärischen Kraftstoff-Verbrauch zu übermitteln", sagt der 58-jährige Meeresbiologe, der sich aber schon seit 1987 mit Emissionsberechnungen befasst. Theoretisch hätte das Verteidigungsministerium dabei die Möglichkeit, im Falle eines Auslandseinsatzes der Bundeswehr mit einem UN-Mandat verbrauchte Kraftstoffmengen von der deutschen Bilanz wieder abzuziehen.

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Zuletzt war der deutsche Treibhausgas-Ausstoß wegen der Braunkohle wieder gestiegen – hier der Tagebau Nochten in der Lausitz und das Braunkohlekraftwerk Boxberg. (Foto: Nick Reimer)

Teilweise gibt es Daten, die der statistischen Geheimhaltung unterliegen. Beispielsweise bei der Adipinsäure-Herstellung. "Ein eigentlich sehr treibhausgasintensives Herstellungsverfahren", sagt Strogies. Es gibt in Deutschland nur drei Hersteller, weshalb die Daten nicht quellspezifisch veröffentlicht werden dürfen. "Trotzdem müssen wir auch diesen Ausstoß erfassen und zusätzlich die in den Anlagen eingebaute Minderungstechnologie berücksichtigen." Die Treibhausgasmengen werden dann in den Berichtstabellen an anderer Stelle miteingerechnet. 

Das Leben jeder Milchkuh ist genau erfasst

"Für Kohlendioxid ist die Bilanz relativ einfach, da die wichtigste benötigte Information – der Kohlenstoffgehalt der Brennstoffe – bekannt ist", erklärt Strogies. 88 Prozent aller in der Bundesrepublik 2013 verursachten Treibhausgase waren Kohlendioxid. Schwieriger wird es für die anderen Treibhausgase, weil hier die unterschiedlichen Technologien und Minderungsmöglichkeiten zusätzlich berücksichtigt werden müssen. Methan, das gut sechs Prozent zur deutschen Atmosphärenfracht beitrug, oder Lachgas beispielsweise aus der Landwirtschaft. Vier Prozent trug dieses Lachgas zur deutschen Bilanz 2013 bei. Sogenannte F-Gase machten 1,6 Prozent aus.

Wie viele Emissionen stammen eigentlich aus der Tierhaltung? Strogies' Team arbeitet hier mit spezifischen Richtwerten und der Unterstützung durch Experten der Thünen-Institute. Jede Kuh trägt in Deutschland eine Ohrmarke, also ist genau erfasst, wie viele Tage welche Tiere hierzulande leben. "Erfasst werden zusätzlich Alter, Geschlecht und durchschnittliche Gewichte, die Milchleistung, Kenngrößen aus der Stall- und Weidehaltung oder dem Futter", sagt Strogies.

Rechnerisch ergibt sich daraus jeweils eine Treibhausgasfracht, die zum Beispiel für Milchkühe bei 155 Kilogramm Methan pro Tier und Jahr liegt, für alle andere Rinder im Durchschnitt bei 54 Kilogramm Methan pro Tier und Jahr. Daraus lassen sich die Summen errechnen.

Die "Zauberbox" zeigt die Klimaschuld

Um die verschiedenen Gase vergleichbar zu machen, werden die sogenannten "Global warming potential"-Werte zurate gezogen, die die Treibhausgase nach ihrer Wirkung "normieren". Die Atmosphärenwirkung von Kohlendioxid ist dabei mit dem Koeffizienten Eins angesetzt, Methan ist 21-mal so intensiv, Lachgas 310-mal. Allerdings gibt es seit 2014 eine Änderung. "Jeder Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC beinhaltet neue Global-warming-potential-Tabellen", sagt der Herr der Zahlen. Neuere Forschungen hatten ergeben, dass Methan 25-mal so treibhauswirksam ist wie CO2, Lachgas dagegen nur noch 298-mal, und das stand dann so auch in der neuen Tabelle des Vierten Sachstandsberichts des IPCC von 2007. Die Klimadiplomaten hatten sich entschlossen, die neuen Zahlen aber erst nach dem Ende der ersten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls ab 2013 zur Berechnungsgrundlage zu machen.

Wie viel Boden wurde versiegelt? Wie viele Treibhausgase stammen aus den Haushalten? Wie viel Zement wurde im Land hergestellt? Wie viel Feuerwerkskörper wurden importiert? Welche Flächenanteile werden aufgeforstet oder für andere Zwecke umgewidmet? Nach Sektoren feingliedrig aufgeschlüsselt, werden die Erkenntnisse in eine Datenbank eingespeist. "Zentrales System Emissionsberechnung" nennt sie sich: Alle Aktivitätsdaten sind hier genauso zu finden wie die Berechnungsmethoden, die Unsicherheiten der Daten, die Archivierung – bis hin zu Angaben, welcher Mitarbeiter wann welchen Wert eingegeben oder geändert hat. "Eine Zauberbox", wie Strogies sagt, die letztlich die Höhe der deutschen Klimaschuld errechnet. 90 Autoren sind beteiligt, allein in seiner Abteilung befassen sich beim Umweltbundesamt 16 Mitarbeiter mit dem nationalen Treibhausgas-Register.

"Quellenspezifische Rückrechnung (2.C.3)"

Anfang des Jahres meldet Strogies' Abteilung die mit der Bundesregierung abgestimmten Daten nach Brüssel, damit dort ein Gesamt-Inventar für alle EU-Staaten berechnet werden kann. Das ist notwendig, da die EU auch als Union das Kyoto-Protokoll unterschrieben hat und beim UN-Klimasekretariat ein einheitlicher EU-Bericht eingereicht werden muss. Damit das, aber auch der Vergleich zwischen den Staaten möglich ist, sind einheitliche Strukturen einzuhalten. Unter dem Stichwort "Produktion von Aluminium" ist im 885-seitigen Bericht für das Jahr 2014 unter 4.4.3.5 zum Beispiel die "Quellenspezifische Rückrechnung (2.C.3)" dargestellt. 6.5.2.1.3. führt die "Indirekten N2O-Emissionen als Folge von Auswaschung und Oberflächenabfluss (4.Ds1.3)" aus. 19.2.4.1.2. bilanziert die Papier- und Kartonherstellung. "Ein sehr technischer Bericht", wie Strogies einräumt.

Nach der Abgabe der Daten wird es interessant für Strogies und seine Abteilung. Mitte April landen die Daten bei der UNO, Experten des Klimasekretariats beginnen jetzt, die gemeldeten Inventare zu überprüfen. In der ersten Ebene untersucht die UNO, ob die Daten vollständig sind. Dann wird in einer zweiten Runde ihre Qualität geprüft. Folgt Ebene drei, zu der die Fachleute aus den UN-Mitgliedsstaaten herangezogen werden. "Ich habe beispielsweise die Inventare von Luxemburg, Bulgarien, Dänemark oder den USA überprüft." Mit fünf Kollegen aus anderen Staaten ist Strogies zu den "Umweltbundesämtern" dieser Länder gefahren, um sich über die Berichte und Erfassungsmethoden zu beugen.

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Muss alles eingerechnet werden, jede einzelne Lichtquelle in diesem Bürohaus. Es sei denn, hier wird echter Ökostrom verwendet. (Foto:Nick Reimer )

Natürlich passieren auch Fehler bei dem aufwendigen Verfahren. Die werden dann direkt oder im nächsten Jahr korrigiert. Im Wiederholungsfall aber drohen Strafen. Die drastischste ist, dass ein Land vom "grünen Entwicklungsmechanismus" CDM ausgeschlossen wird. Wie beispielsweise die Ukraine, die 2011 wegen mehrfacher Verstöße aus dem Handel mit den Zertifikaten ausgeschlossen wurde.

[Erklärung]  
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