Für den globalen Notfall unbrauchbar

Auch nach dem Ban-Ki-Moon-Gipfel bleibt die Klimawelt zunächst, wie sie war: Das Tempo beim Klimaschutz reicht bei Weitem nicht aus. Könnte nicht das immer stärker diskutierte "Climate Engineering" ein Rettungsring sein? Das fragte sich in dieser Woche der Bildungs- und Forschungsausschuss des Bundestages.

Von Jörg Staude

Die Zeit, das Weltklima noch zu retten, wird knapper. Mit einer langen Vorrede hält sich auch der Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Bundestages zum Climate Engineering nicht auf. Angesichts der Schwierigkeiten der Klimadiplomatie, sich auf globale Emissionsminderungsziele festzulegen und diese auch konsequent umzusetzen, hätten in jüngster Zeit – als neues Strategieelement zu den bisherigen Optionen "Emissionsreduktion" und "Anpassungsmaßnahmen" – Verfahren zu einer gezielten Klimabeeinflussung Eingang in die wissenschaftlichen Debatten gefunden, heißt es in dem Bericht, der eine Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) zusammenfasst.


Bekommt man den Klimawandel mit Ingenieursmethoden in den Griff? Wohl kaum, meinen die Sachverständigen im Bundestag. (Video: Deutscher Bundestag)

Hierbei handele es sich, so der Bericht weiter, um "aktive Eingriffe in den CO2- oder Strahlungshaushalt der Erde". Das eigentlich Neue seien nicht die "technologischen Grundlagen", sondern vielmehr die mit diesen Technologien anvisierten Größenordnungen: Eine absichtliche Manipulation der Umwelt in großen und größten Dimensionen auf globaler Skala. Eine Technologie, für die beide Attribute – absichtlich durchgeführt und global wirkend – zutreffen, sei in der "Geschichte der Menschheit ohne Beispiel".

Ohne Beispiel ist aber auch die Zwangslage: "Das erschreckende Ergebnis ist, das die Szenarien der Klimaforscher immer pessimistischer werden", erklärte der Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag, Armin Grunwald, im Ausschuss, wie der Bundestag auf seiner Website berichtet. Umso intensiver werde nach neuen Strategien zum Klimaschutz gesucht.

Carbon Dioxide Removal und Radiation Management

Im Zentrum des "Engineering" stünden derzeit, so die Autoren des Berichts, zwei Technikansätze – zum einen das Carbon Dioxide Removal (CDR). Dabei wird Kohlendioxid langfristig aus der Atmosphäre entfernt und deponiert. Beispiel dafür sei die Ozeandüngung, damit stärker wachsende Algen das Kohlendioxid aufnehmen. Die zweite Technik sei das Radiation Management (RM). Dabei soll der globale Strahlenhaushalt beeinflusst werden, indem zum Beispiel Schwefel in die Atmosphäre ausgebracht werden und die Schwefelpartikel einen Teil der Sonnenstrahlung reflektieren. Dadurch soll eine schnelle Temperatursenkung auf der Erde ermöglicht werden.


Silikat im Meer auflösen – das ist einer der Vorschläge zum Carbon Dioxide Removal. Doch Meeresforschern des Alfred-Wegener-Instituts zufolge bringt das mehr Schaden als Nutzen. (Foto: Thomas Pettke/Institut für Geologie der Universität Bern)

Die vom Ausschuss geladenen Sachverständigen hätten sich, so der Bundestagsbericht, weitgehend zurückhaltend zu den neuen, noch unausgereiften Techniken geäußert. So habe Sebastian Harnisch von der Universität Heidelberg deutlich gemacht, dass Climate Engineering keinesfalls dazu verleiten dürfe, die bisherigen Maßnahmen zur Kohlendioxidreduktion zu ersetzen. Grundsätzlich schätzte er CDR als weniger gefährlich ein als Radiation Management, da CDR durchaus lokal begrenzt einsetzbar seien. Gleichwohl betonte er, dass die Wissenschaft ganz geringe Erkenntnisse über die Wirkung der Technologien habe.

Zu viel Hoffnung sollte man sich nicht machen, stellt auch der Bericht in seinen Schlussfolgerungen klar – allerdings mit einem ambivalenten Unterton. Vereinfacht gesagt: Climate Engineering gebe es praktisch noch nicht; würde es funktionieren, würde es dennoch zu lange dauern und wäre außerdem zu riskant; Erfolgsgarantien habe man auch nicht.

Technologien nicht erforscht und noch weniger praxisreif

Im Wissenschaftsdeutsch des Berichts liest sich das so: Viele der vorgeschlagenen Technologien seien noch "nicht existent, sondern befinden sich im Stadium einer ersten Ideenfindung oder Erforschung". Ergo böten die bisher diskutierten Ansätze des Climate Engineering "grundsätzlich keine expliziten (beziehungsweise singulären) Lösungen für das Problem des Klimawandels und dessen Folgen". Auch würden sie "keine Option" für ein Nachlassen ehrgeiziger Bemühungen zur weltweiten Treibhausgas-Reduktion oder gar eine grundsätzliche Abkehr von solchen Maßnahmen begründen. Gleichwohl aber könnten sich bestimmte Climate-Engineering-Technologien unter gewissen Bedingungen "perspektivisch zu sinnvollen und gegebenenfalls wichtigen Klimaschutzinstrumenten in Ergänzung zu den herkömmlichen Reduktions- und Anpassungsstrategien entwickeln".

Ernsthaft wird auch in der Klimaschutzdebatte der im Bericht erwähnte Gedanke verfolgt, ob nicht für den "Fall eines unerwartet schnellen und folgenschweren, möglicherweise auch durch Anpassungsmaßnahmen nicht mehr beherrschbaren Klimawandels" schon heute die Erforschung und Entwicklung von Climate-Engineering-Technologien initiiert werden sollte, damit sie "künftigen Generationen quasi als 'Notfalltechnologie' zur Verfügung stehen".

Für einen Teil der Klimaforscher könnte es nötig sein, der Atmosphäre wieder CO2 zu entziehen, um die Klimaziele zu erreichen. Naheliegend sei hier vor allem eine Lösung, sagte Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), schon 2011: Biomasse-Kraftwerke plus CCS. Die Pflanzen würden beim Wachsen Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen, das beim Verbrennen wieder freigesetzt werde – und möglicherweise verpresst werden könnte.

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Künstliche Wolken könnten vermehrt Sonnenlicht reflektieren und so die Erde "kühlen", glauben Verfechter des "Climate Engineering". (Foto:
Michael von der Glaßer)

Aber auch dieser Vorschlag wird im Bericht des Bundestagsausschusses kritisch bewertet: Climate Engineering dürfe nicht "zu einem Nachlassen der weltweiten Bemühungen zur Reduktion der anthropogenen Treibhausgas-Emissionen führen, weil ansonsten die Wahrscheinlichkeit für einen interventionsprovozierenden 'Klimanotfall' stark erhöht würde".

Wie man es auch dreht und wendet: Viel wichtiger ist es, den "Notfall" erst gar nicht zuzulassen. Zwar könnte die Menschheit in einer klimapolitischen Zwangslage einen solchen "Notfallplan" noch aktivieren, sich damit aber wohl nicht mehr schnell genug retten – oder sich möglicherweise sogar schneller und zielgerichteter zugrunde richten, als dies der Klimawandel ohnehin tut.

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