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Russlands Wissenschaft schlägt Alarm

Das Land der Superlative ist auch bei der Erderwärmung "Spitze": Das Zwei-Grad-Limit ist im russischen Winter längst überschritten und ein Bericht listet 545 Extremwetter im vergangenen Jahr auf, Tendenz stark steigend. Und dann ist da auch noch das Problem mit dem Permafrost.

Aus St. Petersburg Angelina Davydova

Russland ist nicht nur der weltgrößte Energielieferant, das Land mit der größten dauergefrorenen Fläche, überhaupt das größte Land – Russland ist auch besonders stark von der Erderwärmung und dem Klimawandel betroffen. Wie Oleg Anissimow vom Hydrologischen Institut in St. Petersburg gegenüber klimaretter.info erläutert, hat die Wissenschaft den Anstieg der Temperaturen auf der gesamten Fläche Russlands inzwischen detailliert nachgewiesen. "Seit 1980 stiegen die Sommer-Werte pro Dekade um durchschnittlich 0,4 Grad Celsius", sagt Anissimow. Bei den Winter-Temperaturen seien es sogar durchschnittlich 0,9 Grad Celsius gewesen.

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Wenn "ewiger Frostboden" auftaut: Diese Eisenbahnstrecke in Sibirien wird nie wieder benutzbar sein. (Foto: Will Rose/Greenpeace)

0,9 Grad pro Dekade seit 1980 – das viel zitierte Zwei-Grad-Ziel ist im russischen Winter schon längst überschritten. 2013 lag die Wintertemperatur in Russland um durchschnittlich 2,7 Grad über der von 1980. Der Sommer war "nur" 1,2 Grad wärmer als der Referenzzeitraum.

"Auch die Spitzen, also die Minimal- und Maximaltemperaturen, sind gestiegen", sagt Anissimow, der einer der Autoren zum zweiten Kapitel des fünften Sachstandsberichtes des Weltklimarates IPCC war. Im Winter gibt es zehn bis 20 Prozent mehr Schnee, besonders im europäischen Teil Russlands und in Westsibirien, sagt Anissimow. Gestiegen ist auch die Abflussmenge der sibirischen Flüsse – seit 1980 um zehn Prozent.

Mit großer Sorge beobachten die Wissenschaftler die Arktis. "Allein in den letzten zehn Jahren ist die Meereisfläche um 13 Prozent geschrumpft", sagt Oleg Anissimow. Andere Experten sagen, dass die Erderwärmung in der Arktis in den kommenden Jahren am meisten zu spüren sein wird. Doch Anissimow sieht neben den Gefahren auch Chancen für die polaren Gebiete Russlands. Zwar brächten die Wetterextreme Risiken wie Überschwemmungen. Andererseits gebe es neue wirtschaftliche Perspektiven, das Navigieren für die Schifffahrt werde einfacher, das Leben in Russlands Polargebieten weniger hart.

545 gefährliche Wetterereignisse – mehr als doppelt so viel wie in den 1990ern

Umweltschützer bringt solch eine Aussage auf die Palme. "In der Arktis ist gar nichts an der Erderwärmung gut, weder für die Natur noch für die Bewohner", sagt Alexej Kokorin, Leiter des Klima- und Energieprogramms beim WWF Russland. "Das feuchte, windige und wechselhafte Wetter ist viel schlimmer für die Gesundheit der Völker des Nordens als der Frost", sagt Kokorin. "An den Frost sind sie gewöhnt."

Im März ist Russlands amtlicher meteorologischer Jahresbericht erschienen, der alle erhobenen Daten auswertet und zusammenfasst. Ergebnis: 2013 war die Durchschnittemperatur in Russland 1,5 Grad höher als im Jahr 2012. Gleichzeitig hat sich die Zahl von Extremwetterlagen binnen der letzten 20 Jahre fast verdoppelt. Überschwemmungen, Dürren, schwere Stürme – 2013 registrierten die Behörden 545 gefährliche Wetterereignisse, 455 von ihnen richteten große Schäden in der Wirtschaft und unter der Bevölkerung an.

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Violett bedeutet: dauergefroren – jedenfalls bisher. (Grafik: International Permafrost Association)

In den 1990er Jahren waren es nie mehr als 200 solcher Extremwetter, die die Behörden in ihre Berichte schrieben. In der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts waren es dann schon 300. "Es ist wichtig, diesen Trend zu verstehen. Nur so können wir uns so früh wie möglich vorbereiten", sagt WWF-Mann Kokorin. Doch die Frage der Anpassung an den Klimawandel ist für Russland noch völliges Neuland, es gibt noch nicht einmal ein staatliches Anpassungsprogramm.

Ein besonderes Problem ist dabei der Permafrost-Boden: dauergefrorene Erde, die als Fundament für Bauwerke dient. Weil in vielen Gebieten Sibiriens der Boden nie auftaute, sahen die Architekten auch keinen Grund, den Dauerfrost aufzubrechen und darin ein Fundament zu graben – das ja auch nicht fester als ein dauerhaft gefrorener Boden ist.

Was aber, wenn im Zuge der Erderwärmung der Dauerfrostboden auftaut? Dann wäre Klimaschutz komplett sinnlos: Die Wissenschaft sagt, dass die politischen Entscheidungsträger alles daransetzen müssen, die globale Erwärmung auf durchschnittlich zwei Grad zu begrenzen. Jenseits dieser zwei Grad treten sogenannte Kipp-Elemente auf – es beginnen Prozesse, die niemand mehr zurückdrehen kann. Ein solcher Prozess ist das Auftauen: Unter der dauergefrorenen Erde sind Millionen von Milliarden Kubikmetern Methan gebunden – ein 22-mal so aggressives Klimagift wie Kohlendioxid. Taut der Boden, wird es frei. Keine Gebäudedämmung oder Stromabschaltung, kein Tempolimit oder Flugverbot können die Erderwärmung dann noch stoppen.

Russlands Klimaziel als Fake

Ein absolut realistisches Szenario: Vergangene Woche warnte Wladimir Katzow, Direktor des Geophysikalischen Wojejkow-Observatoriums in St. Petersburg, dass die Erwärmung in den Polargebieten Russlands und Alaskas doppelt so schnell vonstatten geht wie im Rest der Welt. "Wir registrieren eine sehr starke Erwärmung in Sibirien – und das liegt hauptsächlich an den Prozessen in der Arktis", sagte Katzow. Das hat natürlich auch Einfluss auf das Abschmelzen des Permafrosts. Katzow bestätigt damit, was Studien am Woods Hole Research Center Anfang des Jahres erbrachten.

Georgi Safonow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau hat ein Forschungsprojekt zu den Kosten des Klimawandels in Russland geleitet. Nach seinen Daten könnten die klimabedingten Schäden für die russische Wirtschaft in einigen Jahren 150 bis 500 Millionen Euro pro Jahr betragen.

Laut der Studie wird Russlands Agrarsektor sehr stark betroffen sein, was sich jetzt schon ankündige. Safonow zufolge haben die Ernten in Russland von 2010 bis 2012 wegen Dürreperioden um 24 bis 34 Prozent abgenommen, was einen starken Einfluss auf die Getreidepreise hatte. Der Experte macht sich auch wegen der wachsenden Zahl von Waldbränden Sorgen. Safonow sagt, dass die russischen Wälder bis 2040 ohne eine vernünftige Waldpolitik von Kohlendioxid-Senken zu Netto-Emittenten von Kohlendioxid werden. Die Hauptgründe für diese Veränderung seien die Überalterung der Wälder, der Wandel hin zu einem trockeneren Klima, die steigende Zahl der Waldbrände, Waldkrankheiten und schädliche Abholzungsmethoden.

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Die Erderwärmung wird Russland vor die größten Probleme stellen. Andererseits ist das Land mit mehr als zwölf Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf (2010) selbst einer der größten Klimasünder: Steinkohle-Wärmekraftwerk Reftinski im Ural, mit 3.800 Megawatt das größte des Landes. (Foto: Ilja Karatschenko/Wikimedia Commons)

Immerhin ist das Thema auf der politischen Agenda angekommen: Russland gab sich im vergangenen Jahr ein eigenes Klimaschutz-Ziel. Danach sollen bis 2020 insgesamt 25 Prozent weniger Treibhausgase produziert werden als 1990. Das ist bei Weitem nicht so ehrgeizig, wie es sich anhört: In Russland waren nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaft Anfang der 1990er Jahre die Emissionen um 35 Prozent gesunken. Zuletzt stiegen sie aber wieder an. Mit seinem Klimaziel will Russland also lediglich deutlich machen, dass noch "Luft nach oben" bleibt.

[Erklärung]  
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