Mit Legosteinen zu mehr Nachhaltigkeit

Kann ein kapitalistisches System nachhaltig werden? Studenten der FU Berlin versuchten es mit Legosteinen herauszufinden – auf wissenschaftlicher Grundlage. Nun folgen fünf konkrete Projekte. Den Anfang machte die Podiumsdiskussion zur Gretchenfrage: "Ist grüner Kapitalismus möglich?" Nein, war die klare Antwort der geladenen Experten.

Aus Berlin Peter Jopke

Steigende Nahrungsmittelpreise im globalen Süden, Finanzkrise im Westen, vermüllte und versauerte Ozeane, Klimawandel – wohin steuert die Menschheit? Ist der Kapitalismus, der auf billigen Rohstoffen und Energieträgern basiert, am Ende? Und vor allem: Kann es einen grünen, nachhaltigen Kapitalismus geben? Darum stritten geladene Experten und über 150 Teilnehmer einer Podiumsdiskussion an diesem Mittwoch im Otto-Suhr-Institut in Berlin.  

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Die kapitalistische Industriegesellschaft war sehr erfolgreich, allerdings hat sie dabei ihre eigenen Grundlagen untergraben – und nun ist bald Schluss, sagt Birgit Mahnkopf. (Foto: Rian Castillo/Flickr)

Die Professoren Birgit Mahnkopf und Markus Wissen von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht sprachen über die "natürlichen" Grenzen des Kapitalismus und darüber, warum es aus ihrer Sicht mehr als einen "Green New Deal" braucht, um das Klima und den sozialen Frieden in der Welt noch zu retten. 

Beide Referenten und die Moderatorin Susanne Götze von klimaretter.info sind von Master-Studenten der Freien Universität (FU) eingeladen worden, die den Projektkurs "Vom Wissen zum Handeln" belegen. Unter Leitung des Politikwissenschaftlers Achim Brunnengräber und der FU-Klimaschutzinitiative Sustain it eigneten sich die 22 Teilnehmer theoretische Grundlagen an und formten schließlich fünf Gruppen, die je ein Projekt entwarfen. Eines davon ist die Podiumsdiskussion, die auf ein überraschend großes Interesse stieß.

Die anderen Projekte sind noch etwas ungewöhnlicher: Eines will QR-Codes auf die Servietten in der Mensa drucken lassen. Sie sollen die Gäste zu Online-Plattformen für Nachhaltigkeit führen."Think globally, act balcony" heißt das Motto einer weiteren Gruppe. Auf dem Gelände des Botanischen Gartens entsteht ein Prototyp eines "essbaren Balkons". Der Eigenanbau von Obst und Gemüse spart Transportwege und Emissionen.

Außerdem initiierten die Studierenden eine Foodcoop – eine Gemeinschaft, die Agrarprodukte von einem Bauern der Region bezieht. Andere gründen eine Energie-Lernwerkstatt für Kinder, die sie am Samstag zur Langen Nacht der Wissenschaften vorstellen. In Kooperation mit der Schüler-Uni Nachhaltigkeit und Klimaschutz sollen Kinder für erneuerbare Energien begeistert werden.

Kapitalismus hat von "leicht erreichbaren Früchten gelebt"

Solche grünen, nachhaltigen Projekte gibt es schon länger, ob sie nun Umweltpädagogik, Permakultur oder Urban Gardening heißen. Und es werden immer mehr. Aber wie viele davon braucht es, bis ein kapitalistisches System grün ist?

Wer so fragt, erliegt einem grundsätzlichen Irrtum, erklärt Birgit Mahnkopf am Mittwoch auf der Podiumsdiskussion der FU. Der Soziologin zufolge steckt unsere Gesellschaft in einer "tiefgreifenden Krise des fossilen Kapitalismus" – nachhaltig gehe ganz anders. Fossile Energieträger wie Öl und wichtige Metalle als Rohstoffe für die Elektroindustrie seien schon jetzt "vernutzt" worden, hätten ihren "Peak" bereits erreicht, aber Wirtschaft und Politik seien noch immer auf sie fixiert. Der Kapitalismus habe in den letzten 250 Jahren von "leicht erreichbaren Früchten gelebt", so Mahnkopf. Das habe den materiellen Wohlstand auf ein beispielloses Niveau gehoben, aber eine Lebensweise geschaffen, die für die Ökosysteme nicht tragbar ist. Menschliche Aktivitäten verursachen seitdem globale Erwärmung, Eutrophierung und Landdegradierung.

Inzwischen wird es immer schwieriger, an billige fossile Energieträger heranzukommen, sagt Mahnkopf. Die zukünftige Rohstoffförderung werde mit immer höheren Kosten verbunden sein. Damit sie sich rentiert, muss der Ölpreis steigen. Doch das verhindere wiederum Wachstum – das System stoße so bald an seine Grenzen

Was passiert, wenn fossile Energieträger zu teuer werden und die Weltwirtschaft stagniert? Neben all den Märkten und Produkten, die das System geschaffen hat, sagt Mahnkopf, bleiben vor allem Müll und die Folgen des Klimawandels. Die ökonomische und ökologische Krise werde sich verstärken, die Nahrungsmittelpreise würden ansteigen und weltweit immer mehr soziale Konflikte entstehen. Was sich für die Industriestaaten dann als Knappheit äußern werde, bedeute für Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern "elementarer Mangel" – mit entsprechender existenzieller Bedrohung. Ein solches krisengeschütteltes kapitalistisches System könne dann nur noch mit militärischer Sicherung und autoritärer Führung am Leben erhalten werden, zeichnet Mahnkopf das düstere Bild der Zukunft.

Die Gegenwart ist grün und neo-fossilistisch

Genauso sieht es auch Markus Wissen. Der Politikwissenschaftler nennt es eine "imperialistische Lebensweise, die auf fossilistischen Produktions- und Konsummustern basiert". Dieses System habe bisher nur funktioniert, weil es immer ein "Außen" gab – neue Gebiete mit fruchtbaren Böden und billigen Rohstoffen. Diese Zeiten neigten sich nun dem Ende zu. Automobilität zum Beispiel werde bald ein exklusives Gut sein, prognostiziert Wissen. Ungleichheit nehme zu – global zwischen Norden und Süden, aber auch innerhalb von westlichen Ländern wie Deutschland.

Aber setzen nicht immer mehr Staaten auch auf erneuerbare Energien, alternative Rohstoffe und umweltfreundliche Technologien? Findet grünes Wachstum nicht längst schon statt? Wie Markus Wissen beobachtet, vermischen sich heute in der Praxis zwei Strategien: Green Economy und Neo-Fossilismus. Unter der Idee einer grünen Wirtschaft versteht Wissen die Modernisierung der imperialen Lebensweise und die Entkopplung von Wachstum und Emissionen – grüner Kapitalismus sozusagen. Konventionelle Energieformen, Fracking oder der Abbau von Teersanden seien Neo-Fossilismus. Wissen sieht sogar einen Trend weg von den erneuerbaren Energien. Die EU unterstütze diese zwar, habe aber noch immer kein neues Ausbauziel für die Zeit nach 2020 beschlossen. Auch die EEG-Novelle interpretiert Markus Wissen als Abkehr vom Green-Economy-Konzept.

Probleme und Lösungsideen aus Knete und Pappe

So weit, so pessimistisch. Doch selbst wenn sich die erneuerbaren Energien oder mehr Recycling durchsetzen, ist das noch lange keine nachhaltige Wirtschaft: "Eine Kreislaufwirtschaft in einer industrialisierten Gesellschaft ist eine Märchenerzählung", sagt Mahnkopf. Dafür sei zum Beispiel das Recycling-Potenzial einiger Metalle zu begrenzt. Auf dem Weg zu einer wenigstens annäherend nachhaltigen Wirtschaft werde es definitiv auch Verlierer geben. So müsste dabei die Chemieindustrie nach Mahnkopfs Ansicht "in großem Umfang abschmelzen". Doch das bedeute Machtkonflikte und damit nicht nur evolutionäre, sondern auch revolutionäre Veränderungen.

In der Diskussion konfrontierte ein Student aus Indien die Referenten mit der Situation in seinem Land. Die Menschen hätten dort einen großen Ehrgeiz, den gleichen Lebensstandard zu erreichen wie in Deutschland, berichtet er. Entwicklungs- und Schwellenländer hätten das Recht, es uns gleichzutun, antwortet Mahnkopf. Deshalb sieht sie die Industrieländer in der Pflicht: "Wenn wir deutlich machen könnten, dass man auch anders gut leben kann, hätte das einen Demonstrationseffekt." Mahnkopf fordert ein "anderes gelebtes Modell".

"Vom Wissen zum Handeln" will genau das in die Tat umsetzen. Schon jetzt sei das einjährige Seminar "ein gelungenes Experiment", resümiert Achim Brunnengräber. Besonders Kreativität hat für den Dozenten dabei eine wichtige Rolle gespielt: Dabei kamen auch Legosteine, Knete und Pappe zum Einsatz, berichtet Brunnengräber im Gespräch mit klimaretter.infoDesign Thinking heiße die Methode, die sich an der Arbeit von Designern orientiert. Dabei visualisierten die Studierenden die Probleme und ihre Lösungsideen – eine große Hilfe beim Erkunden von unbekanntem Terrain. 

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Studenten der FU Berlin suchen auf neue Weise nach Wegen in eine nachhaltige Gesellschaft. Inzwischen sind sie um ein paar Illusionen ärmer, aber um wichtige Erfahrungen reicher. (Foto: Peter Jopke)

Doch das Experiment steht bereits vor dem Ende. Für nächstes Jahr ist keine weitere Seminarrunde geplant, so der Seminarleiter. Für solche Praxisprojekte sei leider oft kein Platz an der Uni, auch wenn die Studenten gerade aus solch praktischen Erfahrungen sehr viel mitnehmen würden. Dennoch: "Wir wollen die FU zu einem lebendigen Ort der Nachhaltigkeit machen", sagt Karola Braun-Wanke von der beteiligten Initiative Sustain it. Die Projekte sollen der Uni erhalten bleiben und werden von Sustain it weitergeführt.

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