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"Freifahrtschein für die fossile Industrie"

Aus der Sicht des globalen Südens hat der IPCC-Bericht große Mängel. Die Vorschläge zum Klimaschutz stellen die Interessen der Industriestaaten über die der Entwicklungsländer. Dass der Bericht den Einsatz der CCS-Technologie befürwortet, erlaubt es der fossilen Industrie, ihre Verschmutzung fortzusetzen.

Ein Standpunkt von Chandra Bhushan, Center for Science and Environment, Neu-Delhi

BildZwei Wochen, nachdem die Arbeitsgruppe 2 des Weltklimarats ihren Bericht vorgelegt hat, veröffentlichte die Arbeitsgruppe 3 Mitte April ihre Summary for Policymakers, die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Während Teilbericht 2 die verheerenden Auswirkungen beschrieb, mit denen die Welt durch den Klimawandel konfrontiert ist, etwa zunehmende Extremwetterereignisse, beschäftigt sich Teilbericht 3 damit, wie Treibhausgasemissionen reduziert werden können. Und, wichtiger noch, er nimmt eine Bewertung der verschiedenen Optionen vor, wie dies geschehen kann.

Ohne zusätzliche Anstrengungen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen, so heißt es im Bericht, steuert die Welt auf eine Erwärmung von 3,7 bis 4,8 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts zu. Zwar lässt sich weltweit eine zunehmende Sensibilisierung für das Thema feststellen; viele Länder bemühen sich inzwischen um Klimaschutzmaßnahmen. Dennoch steigt der Ausstoß von Treibhausgasen weiter rasant an. Im vergangenen Jahrzehnt, zwischen 2000 und 2010, wuchsen die Emissionen jedes Jahr um durchschnittlich eine Gigatonne – also eine Milliarde Tonnen – Kohlendioxid-Äquivalent an.

Der Bericht hebt hervor, dass rund die Hälfte der Emissionen, die der Mensch zwischen 1750 und 2010 verursacht hat, in den vergangenen 40 Jahren in die Atmosphäre gelangt ist. Damit wird der Beitrag der Entwicklungsländer an den gesamten bisherigen Emissionen überbetont – indem genau der Zeitraum hervorgehoben wird, in dem Länder wie China, Indien und andere südostasiatische Staaten sich stark entwickelt haben und ihre Emissionen entsprechend angestiegen sind. Dass zwischen 1750 und 1970 die meisten Emissionen von den Industriestaaten kamen, erwähnt der Bericht mit keinem Wort. Geschweige denn, dass die Industriestaaten damals nur 20 Prozent der Weltbevölkerung stellten. Unerwähnt bleibt außerdem, dass 65 Prozent der Emissionen zwischen 1750 und 2010 von den reichen Ländern ausgestoßen wurden.

1.120 Tonnen oder 35 Tonnen

Wie ungleich der Beitrag von Industriestaaten und Entwicklungsländern zum Klimawandel ist, wird noch deutlicher, wenn man die Pro-Kopf-Emissionen betrachtet. Für die Zeit von 1750 bis 2010 beläuft sich der gesamte Pro-Kopf-Ausstoß von Großbritannien und den Vereinigten Staaten auf 1.120 Tonnen. Dagegen waren es in China lediglich 100 Tonnen und in Indien sogar nur 35 Tonnen.

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Auch bei den Emissionen führend: Die Vereinigten Staaten. Hier ein Blick vom Rockefeller Center auf New York City. (Foto: Jerry Ferguson/Wikimedia Commons)

Nichts davon findet sich im Bericht – weder die Pro-Kopf-Emissionen noch die historische Schuld der Industriestaaten. "Die vergangenen und zukünftigen Anteile der Länder an der Anreicherung der Atmosphäre mit Treibhausgasen sind unterschiedlich", heißt es vielmehr ausweichend. Dass Länder mit unterschiedlichen Gegebenheiten und unterschiedlichen Problemen konfrontiert sind, wird in der windelweichen Formulierung bestenfalls angedeutet. Eine Differenzierung, die den Unterschieden zwischen armen und reichen Ländern gerecht würde, fehlt jedoch; Entwicklungsländer und Industriestaaten landen plötzlich in einem Topf – genau so, wie es die Länder des Nordens seit Langem bei Klimaverhandlungen fordern.

Doch auch in den vergangenen Jahrzehnten waren die Emissionen der Industriestaaten beispiellos hoch. Zwischen 1980 und 2005 betrugen die absoluten Emissionen der Vereinigten Staaten fast das Doppelte der Emissionen von China. Verglichen mit Indien waren sie sogar siebenmal so hoch. Die Hälfte der Kohlendioxid-Emissionen kam in diesem Zeitraum aus den reichen Ländern – verursacht von nur 15 Prozent der Weltbevölkerung.

Klimafreundliche Maßnahmen?

Der Anstieg der Treibhausgasemissionen wurde zwischen 1970 und 2010 laut Bericht zu 78 Prozent durch das Verbrennen fossiler Energieträger und durch industrielle Prozesse verursacht. Die Wissenschaftler fordern daher einschneidende Veränderungen im weltweiten Energiesystem und bei der Landnutzung. Bis zum Jahr 2050 müsse die Welt auf Kohlendioxid-arme Energien umgestiegen sein, heißt es. Doch in der Liste der Maßnahmen, die der Bericht vorschlägt, findet sich irritierenderweise nicht nur die Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Auch fossile Energie mit Kohlendioxid-Abscheidung (CCS) und Bioenergie mit CCS (BECCS) sollen dazugehören.

Allerdings ist es mehr als fraglich, ob CCS in absehbarer Zeit in großem Maßstab einsetzbar ist. Wie der Bericht selbst einräumt, fehlt es bislang an Erfahrung mit der Technologie. Mehr als Versuchsanlagen gibt es noch nicht. Dass der IPCC-Bericht dennoch eine derart unsichere und unausgereifte Technik als ernst zu nehmenden Pfad zur Emissionsminderung propagiert, wird uns auf lange Sicht teuer zu stehen kommen.

CCS und BECCS zu möglichen Wegen in eine CO2-arme Welt zu erklären und mit den Erneuerbaren quasi gleichzusetzen, verleiht ihnen unverdientermaßen eine grüne Fassade. Es ist ein Freifahrtschein für die fossile Industrie, weiterzumachen wie bisher. Zudem ist die CCS-Technologie sehr teuer; auf sie zu setzen wird den Erneuerbaren wichtige Investitionen abziehen und die Wende zu einer wirklich kohlendioxidarmen Wirtschaft hinauszögern.

"Nachhaltige Entwicklung" und "Gerechtigkeit"

Dasselbe gilt für Schiefergas. Auch die Förderung unkonventioneller Gasreserven durch Fracking kann Investitionen in saubere Energien blockieren. Zudem ist Fracking mit hohen Umweltkosten verbunden. Vor allem die USA setzen derzeit massiv auf Schiefergas, um Kohle zu ersetzen. Zwar erwähnt der IPCC-Bericht Schiefergas nicht ausdrücklich, bezeichnet "die Stromerzeugung mit Erdgas ohne CCS" aber als "Brückentechnologie". Um Emissionen zu reduzieren, sollen demnach Kohlekraftwerke schnellstmöglich durch Gaskraftwerke ersetzt werden. Durch die Hintertür erhält damit Schiefergas einen grünen Anstrich.

Nachhaltige Entwicklung und Gerechtigkeit sollten für jede Klimapolitik die zentralen Werte sein, und gemeinsames globales Handeln ist die beste Grundlage für Klimaschutzmaßnahmen, betont der Bericht. Doch er selbst wird diesem Anspruch nicht gerecht. Statt klar zu benennen, wer wie viel zum Klimawandel beigetragen hat, werden die historischen Emissionen der Industriestaaten kleingeredet und die Unterschiede zu den Entwicklungsländern eingeebnet. Das lässt nichts Gutes erwarten für die künftigen politischen Auseinandersetzungen darum, wer wie viel und auf welche Weise zur Lösung des Problems beitragen soll, damit der Klimawandel doch noch eingedämmt werden kann.

Dabei wäre der Aufbau von Vertrauen zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern dringend nötig, um 2015 in Paris einen effektiven und "gerechten" internationalen Klimavertrag festzuklopfen. Der jüngste Bericht des IPCC deutet in eine andere Richtung – nämlich darauf, die Interessen des Nordens über die des Südens zu stellen.

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Weitermachen wie bisher: Mit CCS angeblich ganz einfach. (Foto: Jürgen PM/​Pixabay)

Chandra Bhushan ist Vizedirektor der Forschungseinrichtung Center for Science and Environment (CSE) in Neu-Delhi. Der indische Tiefbauingenieur und Umwelttechniker leitet dort den Umweltbereich. Bhushan hat zahlreiche Fachbücher verfasst und berät die indische Regierung bei der Reform der Umweltschutzbestimmungen.

Übersetzung: Verena Kern

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