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10 Fragen zum IPCC

Wer oder was ist überhaupt der IPCC? Wie arbeitet er und wie wird die Transparenz der Ergebnisse diskutiert? Was ist gerade in Stockholm gelaufen und wie geht es nun weiter? Hier finden Sie Antworten auf die zehn wichtigsten Fragen zum Weltklimarat und zu seinem neuesten Bericht.

Von Nick Reimer

1. Wer oder was ist das "Intergovernmental Panel on Climate Change"?

Ins Deutsche übersetzt: der "Weltklimarat". 1988 von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen gegründet, soll er Politikberatung betreiben. Wie steht es um den Klimawandel? Was ist Ursache der Erderwärmung? Und was sollten die politisch Handelnden dagegen tun?

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Der erste Sachstandsbericht des IPCC war geradezu revolutionär: Er sah im Klimawandel ein von Menschen beeinflusstes Phänomen. (Foto: NASA)

1990 erschien zum ersten Mal ein "Sachstandsbericht": Dieser attestierte ein menschengemachtes Problem und empfahl, globale Konferenzen zur Lösung einzuberufen. Die UN-Generalversammlung nahm diesen Rat an und begann Verhandlungen über die Klimarahmenkonvention, die 1992 von den UN-Staaten angenommen wurde. 1995 trat dann in Berlin die erste "Conference of the Parties" (COP 1) der Klimarahmenkonvention zusammen. Das war die erste Weltklimakonferenz. Seitdem werden jährlich Klimakonferenzen abgehalten, die mit einer Frühjahrstagung am Sitz des UN-Klimasekretariats in Bonn beginnen und im Dezember mit einer Regierungskonferenz enden. In diesem Jahr findet bereits zum 19. Mal eine solche Konferenz statt: als COP 19 in Warschau.

2. Wem gehört das "Intergovernmental Panel on Climate Change" – abgekürzt IPCC?

Wenn man es bis ganz nach unten dekliniert: Ihnen! Deutschland ist wie alle UN-Mitglieder Mitbegründer des IPCC und somit auch Mitfinanzier. Ihre Steuergelder sorgen also dafür, dass der IPCC arbeitet und alle fünf bis sechs Jahre einen neuen Sachstandsbericht veröffentlichen kann. 1995 kam der zweite heraus, der dritte wurde Anfang 2001 veröffentlicht. Seine Hauptaussagen: Erstens, der Klimawandel findet bereits statt. Zweitens, ein Großteil der registrierten Erwärmung geht auf menschliche Aktivitäten zurück. Bis 2100 ist von einem Temperaturanstieg um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius auszugehen. Drittens, Verursacher sind die Industrieländer, Leidtragende die Entwicklungsländer.

2007 wurde der vierte Sachstandsbericht veröffentlicht, der die Aussagen seines Vorgängers deutlich verschärft: Die Fakten sind nicht mehr zu ignorieren, die Auswirkungen dürften schwerer ausfallen als bislang angenommen. Im selben Jahr wurde dem Weltklimarat der Friedensnobelpreis verliehen. Seit dem 23. September 2013 läuft die fünfte Berichtssaison. Innerhalb eines Jahres, bis November 2014, wird der Weltklimarat in mehreren Kapiteln den fünften Sachstandsbericht zum Fortgang der Erderwärmung veröffentlichen.

3. Wie arbeitet der IPCC?

Fachdeutsch kann man die Arbeit des IPCC "begutachtend" – englisch "peer review" – nennen. Das bedeutet, dass die Wissenschaftler, die für den Sachstandsbericht arbeiten, dabei selbst keine Wissenschaft betreiben, sondern lediglich prüfen, ob die veröffentlichten Forschungsarbeiten zum Klimawandel plausibel sind und welches Gesamtbild sich daraus ergibt. Das ist ein bewährtes Verfahren für wissenschaftliche Publikationen. So arbeiten auch renommierte Fachzeitschriften wie Science, Nature oder PNAS. Bevor eine Forschungsarbeit hier veröffentlicht wird, prüfen andere Wissenschaftler, ob die Autoren wissenschaftlich sauber gearbeitet haben.

Begutachtet wird vom IPCC aber auch die sogenannte "Graue Literatur", beispielsweise Statistiken der Bundesregierung, Konferenzberichte, Berichte von internationalen Organisationen wie der Umweltorganisation WWF oder der Internationalen Energieagentur IEA. Die sogenannten Leitautoren des Sachstandsberichts fügen die Ergebnisse zu einem Gesamtbild zusammen. Dieses wiederum wird externen Gutachtern zur Begutachtung vorgelegt. Allein für das erste Kapitel des aktuellen Berichts gingen 16.124 Anmerkungen ein. Jede davon müssen die Leitautoren bearbeiten, das heißt, sie entweder berücksichtigen oder widerlegen.

Das Ergebnis dieses Prozesses ergibt einen neuen Zwischenstand, der wiederum an Gutachter geht, diesmal auch an Gutachter der Regierungen der Nationalstaaten. Erst nach deren Tätigkeit – und neuerlicher Bearbeitung durch die Leitautoren – wird das jeweilige Kapitel fertiggestellt.

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Trotz aller Kritik etwa bei der der sogenannten Climategate-Affäre – die Inhalte des IPCC-Berichts werden sorgfältig geprüft. (Foto: Niklas Bildhauer/Wikimedia Commons)

4. Wer sind die Leitautoren?

Führende Wissenschaftler ihres Faches. Es gibt im Verwaltungsapparat des IPCC einen Raison d'être, der Wissenschaftler für den kommenden Sachstandsbericht empfiehlt. Die Mitgliedsstaaten des IPCC entscheiden, welcher Wissenschaftler zu welchem Fachgebiet Leitautor werden soll – übrigens streng nach Nord-Süd- und Ost-West-Proporz.

199 Leitautoren gibt es allein in der Arbeitsgruppe 1, mit dabei sind Wissenschaftler aus Kenia, Oman, Brasilien und Botswana, aber auch aus China, den USA und Deutschland. Der Berliner Professor Ulrich Cubasch ist dabei, der Hamburger Meteorologe Jochen Marotzke, die Bremer Professorin Monika Rhein und Andrey Ganopolski vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, um nur einige zu nennen.

Die Leitautoren arbeiten übrigens kostenlos, weil das IPCC davon ausgeht, dass sie in ihren Heimatländern ohnehin im Staatsdienst beschäftigt sind. Ihnen zur Seite stehen sogenannte Review Editors, eine Art von Qualitätskontrolleuren, und natürlich ein wissenschaftlicher Stab, ohne den es unmöglich wäre, die tausendfachen Einwände der Gutachter auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen.

5. Wer sind die Gutachter?

Im Prinzip jeder – egal, ob er Ingenieur oder Naturwissenschaftler, Bibliothekar oder Klima"skeptiker" ist. Jeder, der nachweisen kann, sich mindestens mit Teilbereichen der Klimaforschung zu befassen, kann als Gutachter zugelassen werden. "Wir laden jeden Menschen mit Sachverstand ein, auch Menschen, die der Arbeit des IPCC kritisch gegenüberstehen", sagte Jonathan Lynn, Kommunikationschef beim IPCC, gegenüber der Tageszeitung taz. Jede Anmerkung, jeder Kommentar, der von den Leitautoren geprüft werde, "trägt zur Verbesserung des Sachstandsberichtes bei", so Lynn.

Ausgeschlossen sind allerdings Journalisten. Innerhalb der Gutachterschleifen werden den genehmigten Gutachtern die Unterlagen "vertraulich" übergeben. Der IPCC geht davon aus, dass Journalisten diese Vertraulichkeit nicht einhalten können. Allerdings nutzen Klima"skeptiker", die als Gutachter zugelassen sind, immer wieder Zwischenschritte, um die Arbeit des IPCC zu diskreditieren. Immer wieder kommt es vor, dass sie aus Zwischenständen zitieren, die noch gar nicht das Endresultat sind.

6. Wie wird Transparenz über das Verfahren geschaffen?

Durch das Internet. Nach Veröffentlichung der Teilberichte wird jede einzelne Anmerkung am Text nachträglich dokumentiert. Und natürlich auch, wie die Leitautoren mit ihr umgegangen sind: Ist sie in den Bericht eingeflossen? Oder wurde sie als unsachgemäß verworfen?

7. Was passiert derzeit in Stockholm?

Die Arbeitsgruppe 1 hat ihren Bericht zu den "wissenschaftlichen Grundlagen" mit 14 Unterkapiteln vorgelegt, den "Fifth Assessment Report". Bis zum 27. September wurde dieses 1.000 Seiten umfassende Dokument mit Regierungsvertretern aus 195 Staaten "beraten". Aus diesen Beratungen ist eine 36 Seiten lange "Handlungsempfehlung für die Politik" entstanden. Die deutschen Delegierten wurden vom Bundesumwelt- und Bundesforschungsministerium entsandt.

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Stockholm: Hier trafen sich die Staatenvertreter und Wissenschaftler, um die Zusammenfassung des Berichts für politische Entscheider zu verfassen. (Foto: Guillermo/Wikimedia Commons)

8. Kann die Politik in diesem Prozess die Wissenschaft manipulieren?

Die Regierungsvertreter versuchen gelegentlich, die enthaltende Botschaft zu beeinflussen. "Regierungsvertreter sagen: Das verstehen wir nicht, könnt ihr das nicht umformulieren?", berichtet Christiane Textor von der Deutschen Koordinierungsstelle des IPCC, die am Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn angesiedelt ist. Textor: "Die Wissenschaftler kommen den Politikern entgegen, aber sie werden nur veröffentlichen, was dem wissenschaftlichen Sachstand entspricht." Bisher sind die vergleichsweise wenigen Versuche einer politischen Intervention in der Arbeitsgruppe I des IPCC immer an der Wissenschaftlergemeinde abgeprallt.

9. Was steht denn nun im Bericht?

Seit 800.000 Jahren hat es auf der Erde nicht mehr so viel CO2 und Methan in der Atmosphäre gegeben wie heute. Acht der zehn letzten Jahre gehören zu den zehn wärmsten seit Beginn der wissenschaftlichen Temperaturaufzeichnungen 1864. Allerdings hat sich die globale Erwärmung zuletzt etwas abgebremst. Die Emissionen von Treibhausgasen sind höher als vorhergesagt, die Atmosphäre ist aber weniger warm geworden als prognostiziert. Wissenschaftler sprechen von einer "Erwärmungspause", für die es jedoch auch Erklärungsansätze gibt. Um hier das Verständnis zu vertiefen, befasst sich der Bericht mit den Prognose-Modellen der Klimawissenschaft genauso wie mit den Ozeanen oder der Kryosphäre, die offenbar "Erwärmung geschluckt" haben. Der Einfluss der Wolken auf die Erderwärmung ist ebenfalls ein Thema des Berichts, hier sehen die Forscher noch große Wissenslücken. Und es geht um den Kohlenstoff-Kreislauf und andere Stoffkreisläufe.

Erstmals enthält der Bericht 18 Grundaussagen, über die ebenfalls ein Konsens mit den Vertretern der Nationen erzielt wurde. Eine davon lautet "Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar." Eine andere: "Die Erwärmung wird sich fortsetzen, egal welches Szenario man annimmt." Ob es nun aber nur ein Grad sein wird, die niedrigste Annahme des IPCC für das Jahr 2100, oder ob es fünf Grad sein werden, das weitreichendste Szenario, hängt davon ab, wie stark sich die Menschheit jetzt für den Klimaschutz engagiert. Je nach Szenario wird der Meeresspiegel zwischen 53 und 98 Zentimetern steigen. Der Bericht liegt damit um 50 Prozent über den alten Projektionen von 18 bis 59 Zentimetern.

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IPCC – das Kürzel ist weltweit bekannt, der Weltklimarat ist die Autorität für den klimatologischen Zustand des Planeten. (Foto: IPCC)

10. Wie geht es weiter?

Zunächst wird die deutsche IPCC-Koordinierungsstelle das Ergebnis von Kapitel 1 weiter "bearbeiten", das heißt übersetzen, in Konferenzen diskutieren und in die Politik einspeisen. Im Frühjahr folgt Kapitel 2: Vom 25. bis 29. März wird im japanischen Yokohama der Themenkomplex "Auswirkungen und Anpassung an den Klimawandel" abgeschlossen. Danach geht es nach Berlin: Arbeitsgruppe 3 wird ihren Bericht "Verminderung des Klimawandels" zwischen dem 7. und 11. April beenden. Zu guter Letzt wird vom 27. bis 31. Oktober 2014 in Kopenhagen der sogenannte Synthesebericht verabschiedet.

[Erklärung]  
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