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"Den Flickenteppich zusammenweben"

FotoDie Climate Impact Conference in Potsdam ist vorüber. 300 Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen haben vier Tage lang über die Brennpunkte des Klimawandels debattiert. Über die Ergebnisse sprach Karin Deckenbach für klimaretter.info mit Veronika Huber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das die Veranstaltung mitorganisierte. Im Interview ordnet die Forscherin ein, inwiefern die Konferenz "Fleisch auf die Knochen der akademischen Debatte" bringen konnte.

klimaretter.info: Frau Huber, auf der Konferenz haben Wissenschaftler und Entscheider einen Blick auf die Klimafolgenforschung geworfen – was haben sie dabei gesehen?

Veronika Huber: Dass es eine große Lücke dabei gibt, die Ergebnisse aus den verschiedenen Bereichen der Klimafolgenforschung zusammenzuführen, also Forschungsergebnisse aus den Bereichen Wasser, Gesundheit, Ökosysteme, Landwirtschaft. Bislang haben wir eine Art Flickenteppich, und nun geht es darum, die vielen existierenden Flicken zusammenzunähen und ein detaillierteres, integriertes Bild davon zu bekommen, wie die Welt bei zwei, drei oder vier Grad Erwärmung aussehen könnte.

Nun mangelt es der Klimafolgenforschung schon heute nicht an Komplexität – mit einem Zusammenfügen der diversen Bereiche wachsen die komplexen Bezüge ja weiter ...

Die große Komplexität ist zumindest ein Grund, warum wir erst jetzt mit der Integration beginnen. Denn die Klimafolgenforschung gibt es ja schon seit Jahrzehnten. Allein die Auswirkungen von Klimaveränderungen etwa auf den Wasserhaushalt zu beschreiben und zu modellieren ist schon kompliziert genug. In einem weiteren Schritt zu untersuchen, wie sich die klimabedingten Veränderungen im Wasserhaushalt auf die Landwirtschaft oder die Ökosysteme auswirken, fügt einen entscheidenden Grad an Komplexität hinzu.

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Der Klimawandel hat viele Folgen, Häufigere und stärkere Wetterextreme wie Dürren gehören in manchen Regionen der Welt dazu. Die Weltkonferenz zu Klimafolgen in Potsdam hat fachgebietsübergreifend nach Lösungen gesucht. Vor allem soziale Fragen sollen künftig in den Vordergrund rücken. (Foto: Nick Danziger/Oxfam)

"Wir wissen nicht genug, um gut zu handeln", sagte zu Beginn der Konferenz der UNEP-Chefwissenschaftler Joe Alcamo. Stimmt das?

So würde ich es nicht sehen. Wir benutzen gerne das Bild einer beschlagenen Brille. Mit einer beschlagenen Brille auf der Nase ist man ja nicht vollständig blind, man kann sehr wohl Konturen und Gestalten erkennen. So weiß man in einzelnen Bereichen und an einzelnen Orten sehr gut darüber Bescheid, wie die Klimafolgen aussehen könnten. Ein Beispiel sind die Korallenriffe, die bei zwei Grad Erwärmung weltweit Schaden nehmen würden. Es geht jetzt eben darum, die Brille zu säubern und ein klareres Bild der Klimafolgen zu erhalten – in vielen Bereichen und an vielen Orten. Dieses Wissen braucht man besonders auch dann, wenn es um die Anpassung an den Klimawandel geht.

Ist nicht eigentlich schon länger klar, was "gut zu handeln" bedeuten würde?

Man muss unterscheiden zwischen der Frage der Vermeidung des Klimawandels und der Anpassung an den Klimawandel. Wir wissen in einzelnen Bereichen sehr gut, wie die Risiken aussehen bei verschiedenen Erwärmungsniveaus. Auf der anderen Seite ist eine gewisse Erwärmung nicht mehr vermeidbar und für die Anpassung an eine wärmere Welt muss man noch sehr viel genauer hinschauen. Insbesondere müssen wir geografisch genauer reinzoomen, bis hin zur einzelnen Region und Stadt. Und wir müssen auch sehr viel integrierter hinschauen. Wir wollen ja nicht nur wissen, wie der Landwirt betroffen ist, sondern auch, wie der Hotelier betroffen ist oder der Betreiber einer Talsperre.

Dazu hatte PIK-Chef Schellnhuber gesagt, die Konferenz wolle "Fleisch auf die Knochen der akademischen Debatte" bringen – ist das gelungen?

Die Konferenz hat dafür gesorgt, dass viele internationale Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen erstmals in dieser Form zusammengekommen sind und miteinander geredet, Ergebnisse verglichen und sich ausgetauscht haben. Bilanz zu ziehen ist ein erster Schritt. Der nächste ist zu überlegen: Wo müssen wir genauer hinschauen, an welchen Stellen müssen wir weiter forschen? Und ein Teil davon ist die Frage, wie wir unsere Erkenntnisse am besten an die Gesellschaft und an die Politik kommunizieren können.

Und welches Fleisch auf den Knochen können Sie kommunizieren?

Ein wichtiger Aspekt der neuen Forschungsagenda, die nun gestrickt werden soll, ist die Klimafolgenforschung auf die soziale, die menschliche Ebene zu bringen. Bislang sind wir ganz gut darin zu verstehen, wie natürliche Systeme funktionieren, also wie Ökosysteme betroffen sind oder wie der Wasserhaushalt sich verändert. Aber wie der Klimawandel sich auswirken könnte auf menschliche Migration, auf politische Konflikte, auf unsere Gesundheit, das ist viel schwieriger zu verstehen. Aber das ist ein sehr wichtiger Schritt, und der muss jetzt sehr viel stärker in Angriff genommen werden.

Auf der Konferenz wurde ein Modell vorgestellt mit dem flotten Namen "ISI-MIP: Inter-Sectoral Impact Intercomparison Project". Was, bitte, ist das?

Beim ISI-MIP-Projekt geht es darum, globale Klimafolgen-Modelle in verschiedenen Sektoren wie Landwirtschaft oder Wassersysteme zu vergleichen. In der ersten Phase waren mehr als 30 Modellteams aus elf Ländern beteiligt. In der Vergangenheit wurden in einzelnen Sektoren auch schon Modelle verglichen, aber dies ist das erste Projekt, wo man das gemeinsam und in einem abgestimmten Rahmen macht. Dabei kann man zunächst schauen, wie robust unser Wissen in den einzelnen Sektoren ist, und dann kann man schauen, wie diese Sektoren zusammenhängen. Also wie wirkt sich Wasserknappheit auf die Landwirtschaft aus, oder wie wirken sich veränderte Ökosysteme auf die Verbreitung von Malaria aus. Diese Interaktion zwischen den Sektoren ist das wichtige Thema des ISI-MIP-Projekts.

Können da auch Normalbürger Einblick nehmen?

Ja! Ab Sommer soll unsere Datenbank öffentlich gemacht werden, um Wissenschaftlern aus der ganzen Welt die Möglichkeit zu geben, die Daten zu nutzen und damit neue Ergebnisse zu produzieren. Auch die Öffentlichkeit kann dann reinschauen und sich informieren.

Und wer bezahlt das Projekt?

Bisher wurde ISI-MIP vom Bundesforschungsministerium unterstützt. Eine Besonderheit ist, dass das Ministerium die Finanzierung auch für ausländische Forschungsgruppen übernommen hat. Ein Grund waren die knappen Fristen, mit denen wir in diesem Projekt gearbeitet haben. Denn ein erklärtes Ziel war, dass eventuelle Ergebnisse noch in den nächsten Sachstandsbericht des IPCC aufgenommen werden können.

Zur Konferenz sind nicht nur Wissenschaftler gekommen, sondern auch Politiker oder Wirtschaftsvertreter. Warum?

Das war ein wichtiger Aspekt der Konferenz. Wir wollten ausdrücklich nicht nur Wissenschaftler in die Diskussion einbeziehen, sondern auch Entscheidungsträger aus Politik und Gesellschaft. Zum Beispiel Vertreter aus öffentlichen Einrichtungen, die sich mit Anpassungsstrategien beschäftigen. Zumindest zum Teil sollen die neuen Forschungsstrategien eben auch nach den Bedürfnissen dieser "Abnehmer" der Forschungsergebnisse ausgerichtet werden, die auf dieser Wissensbasis in Entscheidungsprozesse gehen müssen. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir versuchen neues Wissen zu generieren, um eine Grundlage für informierte Entscheidungen in den internationalen Verhandlungen zum einen neuen Weltklimavertrag bis 2015 zu unterstützen.

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Reis ist für mehr als eine Milliarde Menschen Grundnahrungsmittel. Steigen die Temperaturen, sinkt der Ertrag. Doch die Anbaufläche ist knapp, wie diese Reisterassen in der südchinesischen Provinz Yunnan zeigen. (Foto: Jialiang Gao/Wikimedia Commons) 

Nun ist ja die Lage der internationalen Klimaverhandlungen nicht gar so vielversprechend – wie war denn die Stimmung unter den hochkarätigen Experten und Wissenschaftlern in Potsdam?

Die Stimmung war sehr gut, weil die Erkenntnis da ist, dass es wichtig und fruchtbar ist, die verschiedenen Forschungsbereiche der Klimafolgenforschung zusammenzuführen. Wissenschaftler sind ja sehr neugierige Menschen, und wir sehen da das Potenzial, wichtige neue Erkenntnisse zu gewinnen – und natürlich auch etwas zu den internationalen Klimaverhandlungen beitragen zu können. 

Interview: Karin Deckenbach

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