Eisschwund am Nordpol
Hoch im Norden, zwischen dem Land der Tschukschen und Grönland, zwischen Alaska und Spitzbergen, dem kanadischen Archipel und den Küsten Nordwestrusslands, ist das Tauen im vollen Gang. Alle Jahre wieder zieht sich im Sommer das Meereis auf dem Polarmeer zurück. Irgendwann Mitte September erreicht es gewöhnlich sein Minimum, dann setzt der Herbst ein, und das Eis breitet sich wieder nach Süden aus. Bis in den Hudson Bay und nach Labrador, bis in den Nordpazifik und das Ochotskische Meer nördlich von Japan. Manchmal auch bis bis in die südliche Ostsee.
Das ist der normale Gang der Dinge, doch in Zeiten des Klimawandels ist alles etwas anders: Im vergangenen Winter zum Beispiel gab es selbst in der nördlichen Ostsee, im Bottnischen und Finnischen Meerbusen kaum Eis. Die dort lebenden Robben, die ihre Jungen in den Wintermonaten auf dem Eis zur Welt bringen, hatten ein erhebliches Problem. Viele Jungtiere starben aufgrund der ungewohnten Umweltbedingungen, an denen die Muttertiere nicht angepasst waren. Eine Momentaufnahme von einem sich veränderten Planeten.
Im Sommer zuvor war das Meereis auf dem arktischen Ozean weiter zurückgegangen, als irgendein Mensch sich erinnern kann. (Siehe das erste Bild.) Die Küsten Nordamerikas und Sibiriens waren fast vollständig eisfrei. Die Nordwest-Passage konnte von normalen Schiffen problemlos befahren werden, was es seit Menschengedenken nicht gegeben hatte. Noch im 19.Jahrhundert waren diverse Expeditionen auf der Suche nach dem Durchgang zum Pazifik kläglich im Eis gescheitert. Erst zwischen 1903 und 1906 gelang es der Expedition von Roald Amudson erstmalig, sich durch das Eis zu kämpfen. Volle drei Jahre war er mit seiner Gjöa unterwegs.
Im Sommer 2007 hätte er es wie gesagt wesentlich einfacher haben können. Er hätte nur auf den richtig Wind warten und die Segel setzen müssen, um zwischen den kanadischen Inseln hindurch zu kreuzen und durch die Beaufortsee auf die Behringstraße zuzusteuern. Die Passage hatte sich im letzten Jahr bereits in der ersten Augusthälfte geöffnet, also lange, bevor die Eisausdehnung ihr Minimum erreichte.
Ganz so weit ist es in diesem Jahr noch nicht. Das Eis hat sich zwar über eine Million Quadratkilometer weiter zurückgezogen, als es im Mittelwert der Jahre seit 1979 hätte machen sollen, aber von den Extremwerten des Vorjahres ist es noch weit entfernt. Zum andern ist es aber nach der Rekordschmelze im Vorjahr besonders dünn. Normalerweise sind große Teile des arktischen Ozeans von dickem mehrjährigen Eis bedeckt, doch derzeit findet sich derart dickes Eis nur noch nördlich von Grönland und Spitzbergen. Das dünne Eis kann natürlich besonders schnell tauen, so dass derzeit noch offen ist, ob der Rückgang in diesem Jahr wieder so drastisch wie im Vorjahr sein wird.
Einige Wissenschaftler vom US-National Snow and Ice Data Center hatten im Frühsommer gar gemeint, dass in diesem Jahr erstmals direkt am Pol größere Eisflächen frei sein könnten. Tatsächlich deutet das löchrige Eis im Norden Kanadas (siehe zweites Bild) daraufhin, das daraus etwas werden könnte. Mit der geplanten Kajakfahrt, die Lewis Pugh von Spitzbegen zum Pol plant, sieht es jedoch schlecht aus, denn nördlich von Spitzbergen haben die Winde in diesem Jahr eine Barriere dicken Eises zusammengeschoben. Das kann man an den Satellitendaten im zweiten Bild erahnen, das berichtet aber auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung in seinem lesenswerten Blog von einer Polarfahrt, auf der er sich zur Zeit befindet.
Im vergangenen Jahr hatte sich das Meereis auf nur noch 4,3 Millionen Quadratkilometer zurückgezogen, in den 1950er bis 1970er Jahren war eher noch eine sommerliche Bedeckung von acht bis neun Millionen Quadratkilometer normal gewesen. Dieser drastische Wandel hat nicht nur weitreichende Konsequenzen für die Tierwelt auf und am Eis. Er verändert vor allem das polare Klima. Das Eis reflektiert nämlich im Sommer etwa 60 Prozent der einfallenden Sonnenstrahlung direkt in den Weltraum zurück. Schmilzt es, so kann die Sonnenstrahlung ins Meer eindringen und das Wasser erwärmen. Der Kühlschrankeffekt, den die Polregion für das Klima der Nordhemisphäre bisher hat, nimmt ab und die Arktis erwärmt sich. Auf den Meeresspiegel hat der Vorgang jedoch keinen unmittelbaren Einfluss, das das Eis auf dem Wasser schwimmt. Auch ein in einem Whisky-Glas schwimmender Eiswürfel kann dieses bekanntlich beim Auftauen nicht zum überlaufen bringen, weil das Eis so viel Wasser verdrängt, wie es selbst enthält.
Wolfgang Pomrehn
Bildquelle: Universität Bremen
Die Grafiken beruhen auf Satellitendaten aus der Polregion. Die Schattierungen geben die Eiskonzentration wieder. Jeweils unten rechts befinden sich die entsprechenden Skalen. Das erste Bild ist vom 17. September 2007, das zweite vom 2. August 2008.
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