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Nachruf: Vertrauen in die Menschen

Nicht viele Wissenschaftler schaffen es, weit über die Grenzen ihrer eigenen Disziplin hinauszuwirken. Der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom aber ist das gelungen. Mit ihrer Analyse der Gemeingüter gibt sie Menschen das Vertrauen zurück, an ihre eigene Gestaltungsmacht zu glauben.

Ein Nachruf von Daniel Boese und Eva Mahnke

"Eine Modell-Gesellschaft? Top-Down? Nein!" Es fehlte nicht viel und Elinor Ostrom hätte auf die Frage, wie ihre ideale Gesellschaft aussieht, aufgeschrien. "Das ist eine gefährliche Idee." Zuletzt wie etwa auf dem "Rework the World"-Gipfel 2010 in Schweden war die Mahnung vor einfachen Lösungen ihre zentrale Botschaft. Ein einziges Klima-Abkommen, eine einzige Regierung auf nationaler Ebene ohne Mitsprache von Städten und Regionen, das sei zu kurz gedacht. Es brauche viele verschiedene Ebenen, auf denen Menschen zusammenarbeiten – von einzelnen Gruppen über die Gemeinde, die Region bis hin zu Staat und internationaler Ebene.


Die Nobelpreisträgerin 2009. (Foto: Prolineserver/Wikimedia Commons)

Die Wissenschaftlerin Elinor Ostrom konnte begeistern, über die Grenzen ihrer eigenen Disziplin und selbst die Grenzen der Wissenschaft hinaus. Zum Beispiel war es 2010 in Schweden schwer zu sagen, wer mehr beeindruckt war: Die vielen jungen Aktivisten im Publikum, die die Frau sahen, deren Studien der Umweltbewegung ein Fundament verleihen. Oder Elinor Ostrom selbst, die von den vielen Beispielen für Kampagnen und Aktionen der zahlreich angereisten Aktivisten so begeistert war: "Ich überlege schon, wie wir diese Geschichten in unserem Institut in Bloomington weitergeben können", kündigte Ostrom an.

Erst 2009 war Ostrom – von Haus aus eigentlich Politikwissenschaftlerin – als erste Frau überhaupt mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet worden. Die Ehrung gilt ihrem Lebenswerk: der Auseinandersetzung mit der Bewirtschaftung knapper Ressourcen. Bereits seit den 30er Jahren hat Ostrom wie kaum jemand anderes die Frage umgetrieben, wie menschliches Wirtschaften organisiert werden kann, ohne hierbei die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Um ausgemergelte Böden sorgte sie sich hierbei ebenso wie um ausgebeutete Fischgründe, knappe Bewässerungsressourcen und abgeholzte Wälder. Und kämpfte dabei jahrzehntelang gegen ein wirkmächtiges Paradigma der Sozialwissenschaften: die sogenannte "Tragik der Allmende" und dem damit einhergehenden Ruf nach dem mächtigen Arm des Staates.

Menschen können Gemeingüter nachhaltig verwalten

1968 hatte der Biologe Garret Hardin einen gleichnamigen Aufsatz im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht und hiermit das Denken ganzer Wissenschaftlergenerationen geprägt. Hardin beschrieb das Phänomen einer frei zugänglichen Weide, auf der alle Mitglieder eines Dorfes ihre Schafe treiben dürfen. Der Mensch sei so gestrickt, so Hardin, dass jeder der Bauern versucht, einen größtmöglichen Vorteil aus der Situation zu ziehen. Für ihn ist es von Vorteil, noch ein Schaf, und noch eines, und noch eines, auf die Weide zu treiben. Weil nun aber jeder der Bauern so handle, sei die Weide am Ende übernutzt – und keinem der schlauen Bauern nützt die Weide noch etwas. Das nannte Hardin "tragisch", vor allem deshalb, weil der Eigennutz der Menschen – zwangsläufig – zur Übernutzung und damit Zerstörung jeder Ressource führen müsse.


Weidende Schafe – das Sinnbild für die angebliche "Tragik der Allmende". (Foto: Gabriele Delhey/Wikimedia Commons)

Ostrom aber widersprach der gängigen Denktradition vehement: "Anstatt anzunehmen, dass die Menschen, die ein Gemeingut teilen, unrettbar in einer Falle gefangen sind, aus der sie nicht entfliehen können, will ich zeigen, dass die Fähigkeit der Menschen, sich aus dieser Dilemma-Situation zu befreien, erheblich von den Umständen abhängt", beschrieb die Ressourcenökonomin ihr Programm: Jahrzehntelang reiste sie deshalb um die Welt, um Hardin zu widerlegen.

Entstanden ist hieraus eine umfangreiche Fallsammlung erfolgreicher menschlicher Kooperation. Ostrom hat die Grundprinzipien dieses Erfolgs analysiert: Zum Beispiel müsse es klare Regeln für die Verwendung von Wasser, Holz oder Boden geben, diese müssten überwacht und gegebenenfalls auch sanktioniert werden können. Vor allem aber müssen sich die Betroffenen an der Aushandlung der Regeln beteiligen können. Und zwar alle.

Damit hat die Wissenschaftlerin zum einen – sowohl theoretisch als auch praktisch unterfüttert – immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen nicht zwangsläufig blind agierende Egoisten sind, sondern Wesen mit der Fähigkeit zu Kommunikation und Verhandlung – und gab den Menschen damit auch den Mut zurück, an ihre eigene Gestaltungskraft zu glauben. Zum anderen regte sie sie auf der ganzen Welt an, darüber nachzudenken, wem die natürlichen Ressourcen gehören und wer wie über sie verfügen darf. In den vergangenen Jahren haben die Debatten um die Allgemeingüter wieder Hochkonjunktur, ob es hierbei um Umweltressourcen, geistiges Eigentum oder den öffentlichen Raum handelt. Neben der Wissenschaft diskutiert vor allem auch die Zivilgesellschaft intensiv Ostroms Ideen.

Nicht auf die eine große Lösung warten

Natürlich geriet Ostrom im vergangenen Jahrzehnt auch die Erdatmosphäre als eine der größten globalen Ressourcen und das Problem des Klimawandels in den Blick. Vor dem Hintergrund ihres Wissens um die lokale Gestaltungsmacht und ihrer Enttäuschung von den internationalen Klimaverhandlungen warnte sie im Interview mit klimaretter.info eindringlich: "Auf dieser höchsten Ebene sehe ich keine großen Bemühungen und keine Chance. Dort haben wir harte Auseinandersetzungen. Selbst wenn es ein Abkommen geben würde: Um es umzusetzen, braucht es jede Menge kreative und vorstellungsreiche Ideen auf der untersten Ebene. Dort müssen wir Druck machen und alles tun, was wir können." Ihre wichtigste Botschaft: "Es geht dabei nicht um 'Yes we can', sondern um 'Ja, wir müssen'."


Mit Regeln, die alle Betroffenen gemeinsam miteinander aushandeln, können Menschen Ressourcen durchaus nachhaltig nutzen. (Foto: No a castilla)

Und auch im Vorfeld des Umweltgipfels im brasilianischen Rio de Janeiro beschwor Ostrom die Weltgemeinschaft noch einmal, nicht wie gebannt auf den Abschluss gewichtiger Abkommen zu warten. "Stillstand in Rio wäre eine Katastrophe, aber ein einziges internationales Abkommen wäre ein schwerer Fehler. Jahrzehnte von Forschung zeigen, dass eine Vielzahl von Abkommen und politischen Initiativen von Städten, Regionen, Nationen und internationalen Abkommen mit höherer Wahrscheinlichkeit funktionieren als einzelne breite Verträge."


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