Fritz Vahrenholt im Faktencheck (2)

Das Buch Die kalte Sonne von RWE-Manager Fritz Vahrenholt enthält sowohl politische als auch klimawissenschaftliche Thesen. Über die politischen kann man ja gern streiten, die zur Klimaforschung aber sind größtenteils Quatsch. Teil 2 des Vahrenholt-Faktenchecks. Teil 1 unseres Vahrenholt-Faktenchecks finden Sie hier.

Von Toralf Staud

Behauptung 4: Kosmische Strahlung verursacht den Klimawandel

Einer von Vahrenholts Kronzeugen ist der dänische Sonnenforscher Hendrik Svensmark. Dieser vertritt seit Ende der 90er Jahre eine mehrstufige Theorie: In Phasen geringer solarer Aktivität schirme das Magnetfeld der Sonne die Erde weniger stark gegen kosmische Teilchenstrahlung ab. Dadurch würden diese vermehrt in die Erdatmosphäre vordringen, was mehr Aerosol-Partikel erzeuge, die als Kondensationskeime für Wassertropfen dienen könnten, aus denen dann Wolken entstehen; und zusätzliche Wolken würden wie ein Sonnenschirm für die Erde wirken, sie also abkühlen.

Svensmarks Theorie wirft etliche Fragen auf, die aber im Vahrenholt-Buch kaum thematisiert werden. So haben andere Wissenschaftler kritisiert, dass die kosmische Strahlung seit Beginn der Messungen vor 60 Jahren keinen signifikanten Trend aufweise (siehe Grafik) – wie könne sie dann die Klimaänderung verursachen? Zudem verwende der Däne zweifelhafte Satellitendaten zur Wolkenbedeckung, und die von ihm beschriebene Korrelation zwischen Strahlung und Wolken kaum signifikant.

Kein Auf- oder Abwärtstrend erkennbar -- kosmische Strahlung (dargestellt im Verhältnis zum Mittelwert von 1970-1990), gemessen in den Neutronenmonitoren Climax im US-Bundesstaat Colorado (blaue Kurve) und im finnischen Oulu (rote Kurve) Grafik: Georg Feulner/PIK

Ein aufwändiges Experiment am Genfer Kernforschungszentrum Cern versucht seit 2006, die Theorie zu überprüfen. Ein erstes Ergebnis: Tatsächlich können kosmische Teilchen Aerosolpartikel verursachen, aber um als Wolkenkeime zu dienen, sind (bislang) viel zu klein. Zweifellos muss hier weitergeforscht werden – Vahrenholt aber baut auf dieser wackligen Theorie weite Teile seines Buches auf.

Mehr noch: Er führt Fachliteratur an (etwa die des jungen britischen Atmosphärenphysikers Benjamin Laken), deren Autoren sich selbst gegen eine Vereinnahmung für diese Theorie wehren und dieser in späteren Arbeiten explizit widersprechen!

Behauptung 5: Wegen sinkender Sonnenaktivität wird die Erderwärmung demnächst sowieso eine Pause einlegen

Unumstritten ist, dass die Sonne Mitte des 20. Jahrhunderts stark strahlte. Im Vergleich dazu ist der gegenwärtig laufende Elf-Jahres-Sonnenzyklus bereits schwächer, und viele Forscher erwarten für die kommenden Jahrzehnte eine längere Schwächephase. Wie ausgeprägt diese aber ausfällt, ist unklar. Mehrfach entscheiden sich Vahrenholt und sein Co-Autor Sebastian Lüning für extreme Annahmen: Sie halten einen Abschwung der Sonnenaktivität für wahrscheinlicher als die meisten Sonnenforscher, sie erwarten einen tieferen Fall als der Mainstream, und auch bei dessen möglichen Folgen gehen sie weit über das hinaus, was in der Forschung als gesichert gilt.

Vahrenholt glaubt, dass eine „kalte Sonne“ die menschengemachte Erderwärmung zur Mitte dieses Jahrhunderts mehr als ausgleichen und bis 2100 stark bremsen würde. Demgegenüber kamen britische, US-amerikanische und deutsche Forscher in zwei voneinander unabhängigen Studien gleichlautend zum gegenteiligen Ergebnis: Sie erwarten von der Sonne einen Kühleffekt von lediglich 0,06 Grad bis höchstens 0,3 Grad Celsius – bei einer laut IPCC bis 2100 zu erwartenden Erderwärmung irgendwo zwischen 1,1 und 6,4 Grad. Solare Effekte hätten also für den menschengemachten Klimawandel allenfalls marginale Folgen.

Veränderung der Erdmitteltemperatur von 1900 bis 2100 (relativ zum Niveau 1961-1990), blau dargestellt sind die Messdaten der Vergangenheit, rot und violett die Entwicklung für zwei verschiedene Szenarien des IPCC zum Ausstoß menschengemachter Treibhausgase – die durchgehende rote bzw. die violette Linie zeigen die Entwicklung bei unveränderter Sonnenaktivität, die gestrichtelten Linien jene bei Eintritt eines neuen Tiefpunkts der Sonnenaktivität („Grand Minimum") von der Größenordnung des Maunder-Minimums; Quelle: Feulner&Rahmstorf 2010

Behauptung 6: Ozeanzyklen beeinflussen den Klimawandel, und der IPCC verschweigt das

Das Klimasystem der Erde ist hochkomplex, und zahlreiche Mechanismen sorgen für natürliche interne Schwankungen. Beispielsweise gibt es etliche zyklische Ozeanströmungen, die wohl bekannteste ist El Nino. Durch das Umwälzen kälterer und wärmerer Wassermassen können die Ozeane große Mengen Wärmeenergie aus der Atmosphäre aufnehmen bzw. an sie abgeben; aber dabei geht es nur um interne Umverteilung von Energie im Klimasystem und um eher kurzfristige Schwankungen.

Das Vahrenholt-Buch betrachtet vor allem die Pazifische Dekaden-Oszillation (PDO) und führt den steilen Anstieg der Erdmitteltemperatur zum Ende des 20. Jahrhunderts teilweise auf diese zurück. Doch anders als von Vahrenholt behauptet, berücksichtigt der IPCC interne Klimavariablen wie die PDO sehr wohl. Weltweit beschäftigen sich zahlreiche Forscher mit diesen Ozeanzyklen, das Thema ist also alles andere als vernachlässigt. Auch in den Klimamodellen werden sie, wie im IPCC-Report (AR4, WG1, Kapitel 8.4.2) nachzulesen, selbstverständlich berücksichtigt. Ozeanzyklen sind eine der Ursachen für das chaotische Zick-Zack in den kurz- und mittelfristigen Temperaturkurven, den langfristigen Klimatrend aber bestimmen sie nach Überzeugung der Wissenschaft nicht. Im Vahrenholt-Buch werden diese Ebenen vermischt.

Darüberhinaus wagen Vahrenholt und sein Co-Autor Lüning Zukunftsprognosen für die PDO, die von der Forschung nicht gedeckt sind. Die in den vergangenen Jahrzehnten beobachtete Entwicklung schreiben sie schematisch einfach bis über das Jahr 2100 fort. "Das ist alles andere als seriös", sagt dazu Mojib Latif vom Klimaforschungsinstitut Geomar in Kiel. Mehrfach berufen sich Vahrenholt/Lüning auf Latif, der im Jahr 2008 großes Aufsehen erregte, als er in Nature mit Verweis auf Ozeanzyklen eine vorübergehende Abbremsung der Erderwärmung prognostizierte. Mehr als zehn Jahre könne man die Entwicklung von PDO&Co. nicht verlässlich vorhersagen, so Latif in einem aktuellen Aufsatz im Journal of Climate. Dasselbe besagt übrigens auch eine japanische Studie – die aber im Vahrenholt-Buch als Beleg für eine längerfristige Klimaprognosen herangezogen wird (Seite 317, Fußnote 129).

Behauptung 7: Der IPCC manipuliert die Klimaforschung

Wie ein roter Faden zieht sich der Vorwurf durch das Vahrenholt-Buch, der Weltklimarat IPCC sei tendenziös bei der Auswahl und Bewertung einzelner Forschungsergebnisse, er sei von Umweltaktivisten und eitlen Forschern unterwandert, die Öffentlichkeit und Politik manipulieren wollten. Diese Verschwörungstheorie ist beliebt bei Klima“skeptikern“, aber die Belege dafür halten einer Überprüfung nicht stand.

So behauptet Vahrenholt, der IPCC habe „die Sonne auf Null gestellt“, weshalb die Klimaberechnungen zu falschen Ergebnissen kämen. Ein einziger Blick in den aktuellen IPCC-Report (AR4, WG1, Kapitel 9.4.1.2) belegt das Gegenteil, dass nämlich natürliche Schwankungen sehr wohl berücksichtigt sind. Und im Anhang des Reports (Tabelle S9.1) sind die verwendeten Daten zur Sonne einzeln aufgeführt.

Behauptung 8: Weil die Erderwärmung sowieso pausieren wird, haben wir mehr Zeit für die Energiewende

Hier versucht der RWE-Manager Vahrenholt, eine politische Forderung klimawissenschaftlich zu untermauern. Doch selbst wenn seine These einer Erwärmungspause stimmte, wäre die Schlussfolgerung falsch. Denn irgendwann springt sogar laut Vahrenholt die Sonnenaktivität wieder an. Eine Pause von ein paar Jahrzehnten würde vielleicht bei kurzlebigen Treibhausgasen wie Methan helfen. Kohlendioxid aber verbleibt, einmal freigesetzt, zu großen Teilen über mehrere Jahrhunderte in der Atmosphäre. Sobald die Sonne nach einer eventuellen Ruhephase wieder anspränge, würden sich die Klimawirkungen von Sonne und CO2 summieren – und kommende Generationen hätten noch viel größere Probleme.

Den Teil 1 unseres Vahrenholt-Faktenchecks finden Sie hier.

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