"Natürlich haben wir Sachen weggelassen"
Seit heute liegt ein Buch des RWE-Managers Fritz Vahrenholt in den Läden, in dem er offen klima"skeptische" Thesen vertritt. Die Buchvorstellung in Berlin am Montag war eine erhellende Veranstaltung.
Aus Berlin Toralf Staud
Die interessantesten Informationen bekommt man auf Konferenzen ja oft zwischen oder nach den offiziellen Vorträgen während Gesprächen auf den Gängen oder am Cocktailtisch. So war es auch am Montag, als Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning ihr Buch Die kalte Sonne vorstellten. Dass der Inhalt mehr als zweifelhaft ist, ahnt man schon beim ersten Blättern durch die 444 Seiten. Während der Buchvorstellung wurde es immer klarer. Aber offen zugegeben hat es einer der Autoren beim Small Talk danach.
Berlin, Hauptstadtvertretung des Hamburger Senats in der Jägerstraße in Mitte. Der Verlag Hoffmann & Campe hat in den Saal "Pazifik" geladen. Unter Kronleuchtern sitzt dort RWE-Manager Vahrenholt auf der Bühne. Rechts von ihm Sebastian Lüning, ein junger Geologe, der bei Dea arbeitet, der Öl- und Gastochter von RWE, und ganz offensichtlich die klimawissenschaftlichen Teile des Buches geschrieben hat. Links von Vahrenholt Stefan Aust, der ehemalige Spiegel-Chefredakteur, anscheinend ein alter Bekannter.
Versunken in der Gedankenwelt der Klima"skeptiker"
Vahrenholt erzählt dann, wie er zum Klima"skeptiker" wurde: Im Entwurf eines IPCC-Reports zu erneuerbaren Energien habe er sage und schreibe 293 Fehler gefunden - und sich dann gefragt, ob die Qualität der anderen Berichte ähnlich sei. Sein junger Kollege habe ihn dann mit Büchern versorgt, etwa einer der Bibel der "Skeptiker"-Szene, der Hockey Stick Illusion von Andrew Montford. Ganz offenbar ist Vahrenholt dann - was sich seit gut einem Jahr in Zeitungsbeiträgen andeutete - in der oft verschwörungstheoretischen Denkwelt der Klima"skeptiker" versunken.
Lüning skizziert dann kurz die Haupthese des Buches: Dass der IPCC komplett und absichtlich falsch liege mit seinen Berichten zum Klimawandel, dass nicht der Mensch für den rapiden Temperaturanstieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verantwortlich sei, sondern vor allem Schwankungen bei der Sonnenaktivität und bei Ozeanströmungen. In den nächsten Jahrzehnten sei eine schwache Sonnenaktivität zu erwarten (eine "kalte Sonne"). Zusammen mit einem abklingenden Ozeanzyklus bremse das den menschengemachten Klimawandel. Bis 2035 werde sich die Erde in der Summe sogar abkühlen, und die kritische Temperaturschwelle von zwei Grad Celsius Erwärmung werde auch bis 2100 bestimmt nicht überschritten. Jedenfalls könne sich die Menschheit (und damit dann auch RWE) mehr Zeit lassen für einen Umstieg auf erneuerbare Energien.
Als nächstes nennt Stefan Aust das Buch "revolutionär", Vahrenholt und Lüning beantworten einige Fragen. Dabei kritisiert Vahrenholt eine "Phobie gegen fossile Energien" unter den Deutschen. Lüning sagt, es sei nützlich für ein Buch über "neueste Erkenntnisse" der Forschung (so die Verlagsankündigung) zu verfügen, dass man "ein bisschen Abstand hat" zur Wissenschaft und nicht selbst forscht, weil man "dann mit frischen Augen draufschaut". Schließlich fordern beide Autoren noch "mehr Forschungsgelder" für Wissenschaftler, die "nicht dem Mainstream folgen".
"Natürlich haben wir Sachen weggelassen"
Wie gesagt, am spannendsten wurde es nach dem Ende des offiziellen Teils. Fritz Vahrenholt gibt noch ein Radiointerview, danach bittet ihn ein älterer Herr, ein Exemplar der "Kalten Sonne" zu signieren. Die meisten Gäste sind schon nebenan beim Buffet. Sebastian Lüning steht noch für Detailfragen zur Verfügung.
Man fragt also, ob er nicht wisse, dass die umfangreiche Untersuchung des US-amerikanischen National Research Councils, die das Ergebnis der Hockeystick-Kurve von Michael Mann, die von Lüning und Vahrenholt wie von vielen Klima"skeptikern" als Fälschung hinstellt wird, trotz kleinerer methodischer Schwächen 2006 im Ergebnis bestätigte. Natürlich kennt Lüning die Studie, hat sie aber im Buch nicht erwähnt. Er weiß natürlich auch, dass Klimaforscher 30-Jahres-Zeiträume betrachten, wenn sie Temperaturtrends identifizieren wollen - weshalb seine und Vahrenholts Aussage, die Erderwärmung sei "seit 12 Jahren gestoppt" klimawissenschaftlich unseriös ist. Schließlich fragt man, warum er aus der Fülle der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Sonne ganz selektiv das herausgepickt hat, was seine zweifelhafte These bestätigt.
"Der IPCC macht das doch auch", sagt Lüning. Nein, entgegnet man, der IPCC stellt in seinen Berichten den Stand der Forschung breit dar und gewichtet und bewertet ihn. Und erwähnt dabei auch Minderheitenpositionen, etwa die Forschungen von Hendrik Svensmark, auf die sich die Kalte Sonne maßgeblich stützt.
"Aber dann wäre das Buch zu dick geworden", sagt Lüning. Das hat, hält man dagegen, schon jetzt mehr als 400 Seiten - ein paar mehr wären wohl kein Problem gewesen.

Sebastian Lüning, Fritz Vahrenholt, Stefan Aust und das "revolutionäre" Buch (v.l.n.r.) (Foto: Toralf Staud)
"Aber", schaltet sich Stefan Aust ein, der seit ein paar Minuten danebensteht, "das machen wir Journalisten doch ganz genauso." Und lächelt jovial.
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Das Buch Die kalte Sonne von RWE-Manager Fritz Vahrenholt enthält sowohl politische als auch klimawissenschaftliche Thesen. Über die politischen kann man ja gern streiten, die zur Klimaforschung aber sind größtenteils Quatsch. Teil 1 des Vahrenholt-Faktenchecks.
Das Buch Die kalte Sonne von RWE-Manager Fritz Vahrenholt enthält sowohl politische als auch klimawissenschaftliche Thesen. Über die politischen kann man ja gern streiten, die zur Klimaforschung aber sind größtenteils Quatsch. Teil 2 des Vahrenholt-Faktenchecks.
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