Es wird noch wesentlich kälter
Mittlerweile sind 70 Menschen in Ost- und Mitteleuropa erfroren, aber das dürfte erst der Anfang für die Folgen der Erderwärmung sein: Je geringer die sommerliche Meereisbedeckung in der Arktis ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit für arktische Kälte im darauffolgenden Winter in München, Dresden, Potsdam, Warschau oder Kiew. Das ist Ergebnis einer Studie des Alfred-Wegner-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Und es ist nicht der erste Hinweis auf kältere Winter in unseren Breiten.
Aus Berlin Nick Reimer
Mittlerweile sind es 70 Menschen, denen die Kältewelle das Leben geraubt hat: allein aus der Ukraine werden mindestens 30 Todesopfer gemeldet. Die seit Tagen andauernde Kälte hat die Temperatur auf Minus 33 Grad sinken lassen, den kältesten Wert sei sechs Jahren. In Bulgarien wurden minus 29 Grad gemessen, was den bisherigen Kälte-Rekord aus dem Jahr 1942 übertraf. Opfer waren auch in Polen, Rumänien und Bosnien zu beklagen, wo die Temperaturen auf minus 30 Grad fielen.

Die polaren Forscher haben einen Zusammenhang für zurückgehendes Arktiseis und kältere Winter in Mitteleuropa gefunden - bestimmen wir jetzt schon unser sich änderndes Wetter selbst? (Foto: Reimer)
Europa bibbert und glaubt man der Forschung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, wird das in den kommenden Wintern häufiger der Fall sein. Wegen der Erderwärmung. Oder besser gesagt, wegen der arktischen Eisdecke. In einer Studie glauben die Experten den Mechanismus entschlüsselt zu haben, wie das schrumpfende sommerliche Arktiseis die Luftdruckgebiete so verändert, dass sie plötzlich verstärkt das europäische Winterwetter mitbestimmt.
Taut im Sommer das arktische Meereis besonders stark ab, kommt es nach Erkenntnissen der Forscher zur verstärkten Erwärmung des arktischen Ozeans: Das Verschwinden der hellen Eisoberfläche legt den dunkleren Ozean frei und reflektiert die einstrahlende Energie nicht mehr so stark - die sogenannte Eis-Albedo-Rückkopplung. Diese gespeicherte Wärme gibt der Ozean im Herbst und Winter wieder in die Luft ab, was die Luftmassen stärker als in früheren Jahren erwärmt. "Diese erhöhten Temperaturen sind anhand aktueller Messdaten in den arktischen Gebieten nachweisbar", sagt Studienautor Ralf Jaiser. In den letzten Jahren beobachteten die Forscher einen kontinuierlichen Rückgang des Meereises.
Eine beängstigende Formel: Je weniger Meereis im Sommer in der Arktis - desto kälter die Winter in Deutschland
Was das nun mit dem Wetter in München, Dresden, Potsdam oder Dortmund zu tun hat? "Durch die bodennahe Erwärmung der Luft kommt es zu aufsteigenden Bewegungen, die Atmosphäre wird instabiler", erklärt Jaiser. Und das bewirke nach Erkenntnissen der Forscher veränderten Bedingungen für die typischen Zirkulations- und Luftdruckmuster in der Arktis.
Eines dieser Muster sei der Luftdruckgegensatz zwischen der Arktis und den mittleren Breiten: die sogenannte Nordatlantische Oszillation NAO - mit Azoren-Hochs und Island-Tiefs, die aus dem Wetterbericht bekannt sind. Ist dieser Gegensatz hoch, entsteht ein starker Westwind. Er trägt im Winter warme, feuchte atlantische Luftmassen bis tief nach Europa. Bleibt dieser aus, kann kalte arktische Luft bis nach Europa vordringen, wie in den letzten beiden Wintern.
Und an dieser Stelle wird künftig unser Winterwetter verändert: Die Wissenschaftler haben in ihren Modellen nachgewiesen, dass der Luftdruckgegensatz im Winter immer schwächer wird, je weniger Meereis im Sommer vor dem Winter in der Arktis anzutreffen war. Anders ausgedrückt: Je geringer die sommerliche Meereisbedeckung in der Arktis ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit für arktische Kälte im darauffolgenden Winter in unseren Breiten.
Je weniger Meereis im Sommer in der Arktis, desto kälter die Winter in Deutschland - Jaiser und sein Team sind nicht die ersten, die auf diesen Zusammenhang hinweisen. "Harte Winter wie der im Jahr 2009/10 widersprechen nicht dem Bild globaler Erwärmung, sondern vervollständigen es eher", erklärte im November 2010 Vladimir Petoukhov vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Seine Studie war im Wissenschaftsjournal Geophysical Research erschienen, Tenor: Die Wahrscheinlichkeit extrem kalter Winter in Europa und Nordasien werde sich verdreifachen. Die Eisschmelze in der Arktis heize vor Ort untere Luftschichten auf, die wiederum zu Störungen der Luftströmungen und zu einer Abkühlung des nördlichen Kontinents führen.

Der "Rote Platz" in Moskau ist derzeit ganz weiß: wegen verstärktem Eigenbedarf drosselte Gazprom die Erdgaslieferungen nach Westeuropa. (Foto: Igor Podgorny)
Tatsächlich gab es 2011einen neuen Schmelzrekord in der Arktis und auf Grönland: Mit 4,24 Millionen Quadratkilometern hat die arktische Eisfläche eine noch geringere Ausdehnung als 2007 - dem Zeitpunkt des letzten Rekordes. Damit geht das Eis fast doppelt so schnell zurück wie vom Weltklimarat IPCC prognostiziert.
"Der Rückgang beträgt seit 1972 bereits 50 Prozent. Für Kleinlebewesen, die an der Unterseite des Eises leben und gleichzeitig Ausgangspunkt der Nahrungskette auch für uns Menschen sind, bleibt immer weniger Lebensraum", erklärt Georg Heygster vom Institut für Umweltphysik. Besonders schnell schmilzt das Eis um Grönland herum. So gingen im Jahr 2009 allein am grönländischen Festland-Eisschelf 200 Gigatonnen Eis verloren. Auf einer Fläche ausgebreitet ergibt das eine Region so groß wie Australien. Im Jahr darauf, 2010, waren es aber schon mehr als 300 Gigatonnen – was selbst die Experten erschrocken macht.
Übrigens: Guter Journalismus kostet...
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto

Die Schlagzeilen um 09 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Überraschung der Woche
Versagen beim Klimaschutz, Klimaskeptiker und Justin Biebers AffeKalenderwoche 21: Die Klimapolitik ist im Niedergang, sagt Michael Müller, SPD-Vordenker, Präsidiumsmitglied des Deutschen Naturschutzrings und Mitherausgeber von klimaretter.info. Die Industriestaaten begeben sich in Geiselhaft ominöser Märkte. [mehr...]
Meinungen: Kommentar
Informationen sind keine BloßstellungDas Umweltbundesamt hat eine Broschüre zur Debatte um den Klimawandel veröffentlicht und dabei auch bekannte Klima"skeptiker" namentlich genannt. Seitdem ist der Teufel los. Von "Übereifer" des UBA ist die Rede und von "Bloßstellung", das Amt wird gar mit der Reichskulturkammer der Nazis verglichen. Geht's noch?
Ein Kommentar von Verena Kern [mehr...]
Aufruf!
Ihr Wunschzettel zur Bundestagswahl
Im Herbst wird gewählt. Was erhoffen Sie sich für die Energie- und Klimapolitik? Schreiben Sie uns das in einem Satz (oder Wort). Einiges veröffentlichen wir in unserem Wahl-Dossier ab Juni. Außerdem verlosen wir drei Bücher "Wir Klimaretter. So ist die Wende noch zu schaffen." Auf gehts! [E-Mail klimaretter.info]
Die Debatte zur Zukunft des EEG Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch nun ist eine grundlegende Reform (über-)fällig. Die Frage ist nur – wie? klimaretter.info hat Fachleute um ihre Vorschläge gebeten. [mehr...] | Umweltzerstörer nach Den Haag! Extreme Umweltzerstörung ist ein Verbrechen gegen das friedliche Zusammenleben. Ein solcher Ökozid soll künftig vor den Internationalen Strafgerichtshof gebracht werden können. Eine Million Unterschriften sind dafür nötig. [mehr] |
In eigener Sache
Unterstützen Sie guten Journalismus
Unabhängiger Journalismus braucht Förderer. Der Klimawissen e.V. unterstützt die Arbeit des Online-Magazins klimaretter.info. Werden Sie Fördermitglied oder spenden Sie für die Berichterstattung! [hier...]
Deutsche Post: Ein Trick namens RECS
Die Zeiten, in denen die Deutsche Post noch die Deusche Post war, sind längst vorbei. Heute heißt die Deutsche Post DHL und ist nicht mehr einfach nur der Arbeitgeber für die Postboten, sondern – Eigenwerbung – „der weltweit führende Post-[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
EEG 2.0 - Die Debatte zur Zukunft des EEG
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E 10 und das Politikversagen - Wie es nun weitergeht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Die Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen-ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Was Doha wert ist - Meinungen und Analysen
Doha Dezember 2012 - COP18
Doha-Countdown - Die Welt vor Doha
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Durban-Countdown - Die Welt vor Durban
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Cancún-Countdown - Die Welt vor Cancún
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Kopenhagen-Countdown - Vor dem Supergipfel
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznań Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook-Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Mit 4,24 Millionen Quadratkilometern hat die arktische Eisfläche eine noch geringere Ausdehnung als im bisherigen schlimmsten Jahr 2007. Damit geht das Eis fast doppelt so schnell zurück wie vom Weltklimarat IPCC prognostiziert. Das hat auch Auswirkungen auf unsere Winter, die immer kälter werden.
In wenigen Tagen ist Frühlingsanfang, aber Frost und Schneemassen haben Mitteleuropa derzeit fest im Griff. Wo bleibt da eigentlich der Klimawandel? Das fragt klimaretter.info aus gegebenem Anlass den Kieler Meteorologen und Klimaforscher Professor Mojib Latif.
Erstmals seit Februar stieg in der vergangenen Nacht die arktische Eisbedeckung wieder. Das könnte das Ende des arktischen Sommers einläuten. Mit einer minimalen Eisbedeckung von 3,59 Millionen Quadratkilometer war das Schmelzen am Nordpol nie dramatischer als 2012.
Minusgrade im März sprechen nicht gegen die Erderwärmung: Rückkopplung mit der Eisbedeckung von Barents- und Karasee
Forscher: Eisige Winter-Temperaturen in Europa und Nordasien sind kein Widerspruch zum Klimawandel, sondern eine Bestätigung
Zum ersten Mal wurde in der Atmosphäre eine Kohlendioxid-Konzentration von 400 Teilen pro Millionen gemessen. Das ist mehr als doppelt so viel wie während der letzten Eiszeit. Forscher warnen vor einem sich selbst beschleunigenden Klimawandel.
Höhere Sommertemperaturen und weniger Schnee: Die Schmelz-Saison dauerte in Grönland mancherorts 50 Tage länger als bisher. Der Eisschwund verstärkt die Erwärmung der Arktis.
Erstmals seit Beginn der Satellitenmessung sank die Eisbedeckung der Arktis unter eine Fläche von 4.000.000 Quadratkilometern. Als ob das nicht schon genug Besorgnis erregen würde: "Der Rekord ist schon rund drei Wochen vor Ende der arktischen Eisschmelze", erklärt Professor Stefan Rahmstorf im Gespräch mit klimaretter.info. Neuer Schmelzrekord auch auf Grönland.
Die Humboldt-Universität und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben die Auswirkungen der Erderwärmung auf Landwirtschaft, Waldwirtschaft und fossile Kraftwerke untersucht. Die Daten sollen bis auf Landkreisgröße heruntergebrochen werden und Entscheidern ab Dezember online zur Verfügung stehen.
2012 war das neuntwärmste Jahr seit 1850. Vor allem aber der Rückgang des arktischen Meereises zeige den Klimawandel, sagt die World Meteorological Organisation
Diesmal kommt der Alarmruf von der Weltbank: Selbst wenn die Staaten ihre bisher zugesagten Klimaschutz-Ziele einhalten, droht sich die Atmosphäre um mehr als drei Grad Celsius zu erwärmen. Vor allem warnt die jetzt veröffentlichte Weltbank-Studie davor, dass die "Kipp-Elemente" im Klimasystem anspringen könnten. Das hätte gravierende Auswirkungen.
PIK-Studie errechnet gesamtwirtschaftliche Vorteile von CO2-Abscheidung und -Speicherung, wenn sie mit Biomasse-Kraftwerken kombiniert wird
Heute vor 27 Jahren explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Riesige Mengen an Radioaktivität wurden freigesetzt, bis heute ist die Reaktorruine ein Sicherheitsrisiko. Doch vor den Küsten Europas und in der Arktischen See sieht es kaum besser aus als in der Ukraine: Zehntausende Fässer mit Atommüll rosten auf dem Meeresgrund vor sich hin. Und – am gefährlichsten – drei sowjetische Atom-U-Boote, in denen es jederzeit zur Kernschmelze kommen kann.
Das schädliche Treibhausgas Kohlendioxid ist auch für die Versauerung von Meeren verantwortlich. Dadurch wird unter anderem die Lebensgrundlage von Seesternen, Seeigeln, Muscheln und Schnecken bedroht. Klimaretter.info sprach mit Hans-Otto Pörtner, Biologe am Alfred-Wegener-Institut und einer der Autoren des 2014 erscheinenden fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC, über die Auswirkungen auf Mensch und Tier.

