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Erfahrungswissen reicht nicht mehr

"Wenn Landwirte an den Klimawandel denken, geraten sie leicht ins Schwitzen" - zu Recht, wie der neue "ForschungsReport" des Agrarministeriums zu den Auswirkungen der Erderwärmung auf die Landwirtschaft zeigt. Ein interaktives Entscheidungsmodell soll bei der Anpassung an Unwetter, Hochwasser und Hitzestress helfen.

Von Eva Mahnke

In die Zukunft der Landwirtschaft führt ein Ackerpfad aus trockener, rissiger Erde. So zumindest suggeriert es das Titelbild der jüngsten Ausgabe des "ForschungsReport", einem zweimal jährlich erscheinenden Wissenschaftsmagazin aus dem Landwirtschaftsministerium. Herausgeber ist der Senat der Bundesforschungsinstitute, unter dessen Dach zehn Forschungseinrichtungen unter anderem aus den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung sowie das Bundesinstitut für Risikobewertung vernetzt sind. Das Aufmacherbild in Verbindung mit dem Titel des Aufmacher-Artikels verheißt nichts Gutes. "Landwirtschaft im Zeichen des Klimawandels" - nichts als Dürre und kahler Boden?

"Wenn Landwirte an den Klimawandel denken, geraten sie leicht ins Schwitzen", sagt Gerhard Rechkemmer, Präsident des Senats der Bundesforschungsinstitute. "Nicht zu Unrecht, wie ein Blick in die vergangenen Jahre zeigt. Dürreperioden mit Hitzewellen wechselten sich mit Hochwasserereignissen ab. Trockenheit oder extreme Niederschläge ließen teils die Einsaat, teils die Ernte zu einem Problem  werden."

Die Landwirtschaft der Zukunft - und in Teilen auch bereits der Gegenwart - leidet aber nicht nur unter Hitzestress und Hochwasser. So einfach - und so simpel - wie es das Titelbild suggeriert, sind die Auswirkungen des Klimawandels nicht. Unwetter, wie extreme Stürme, Regenfälle oder Hagel, zerstören nicht nur ganze Ernten, sondern können auch die Bedingungen für den Anbau der Folgekultur erheblich erschweren, etwa weil die schweren Maschinen auf einem vollkommen durchweichten Boden nicht eingesetzt werden können. Hochwasser und starker Wind treiben die Bodenerosion voran. Zusätzlich haben die Bauern mit sich ausbreitenden Schädlingen und Pflanzenkrankheiten zu kämpfen.

Weil das jahrhundertealte Erfahrungswissen nicht mehr gilt, sind die Landwirte verstärkt auf wissenschaftliche Prognosen angewiesen, um sich auf die veränderten Bedingungen einstellen zu können. Wie sich Hitzestress, Schädlingszunahme und die Veränderung des Wasserhaushaltes auf den einzelnen Standort konkret auswirken, ist allerdings eine Frage, die nur schwer zu beantworten ist. Die Landwirte benötigen klare Informationen zu den Hektarerträgen der jeweiligen Kulturen, denn hierauf beruht ihre gesamte betriebswirtschaftliche Planung. Dem gegenüber stehen eine fast unüberschaubare Fülle von Daten, unvollständige Informationen und komplexe Wechselwirkungen.


Der Trend der Durchschnittstemperatur weist auch in Deutschland deutlich nach oben. (Quelle: DWD)

Um der großen, ständig wachsenden Datenmenge Herr zu werden, haben Wissenschaftler um Karl-Otto Henkel, Professor am Leibnitz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg, ein interaktives Modell entwickelt: das sogenannte "Land, Climate and Resources – Decision Support System", kurz LandCaRe-DSS. Es verbindet unterschiedliche regionale Klimamodelle mit ökonomischen und ökologischen Modellen und soll Landwirten, Fachbehörden und Landkreisen dabei helfen, die Auswirkungen der regionalen Klimaveränderungen abzuschätzen.

Das Besondere hieran: Das Modell funktioniert interaktiv und bezieht damit auch die Nutzer und deren Bedürfnisse mit ein. Das zentralste dieser Bedürfnisse: Daten, die sich in betriebswirtschaftliche Kennziffern umrechnen lassen. So ist LandCaRe-DSS zum Beispiel in der Lage, Aussagen darüber zu treffen, mit welchen Hektarerträgen ein Bauer aus der Uckermark im Jahr 2020 beim Anbau von Winterweizen, Silomais oder Zuckerrüben rechnen kann. Und es liefert ihm Daten darüber, mit welchem zusätzlichen Bewässerungsbedarf er für diese Kulturen rechnen muss und ob ihm die Region dieses Wasser auch in zehn Jahren noch zur Verfügung stellen kann. Anhand dieser Daten kann der Landwirt dann konkrete Anbauentscheidungen treffen und Anpassungsmaßnahmen langfristig planen.

Die bisherigen Modellanwendungen von LandCaRe-DSS in der von Trockenheit stark geplagten Uckermark sowie im Osterzgebirge fallen positiv aus, positiver vor allem als es das Aufmacherbild vermuten lässt. "Die deutsche Landwirtschaft hat nach heutigem Wissen genügend Möglichkeiten, sich an die Folgen des prognostizierten Klimawandels anzupassen", so das Fazit der ersten Auswertungen. "Bis etwa 2050 werden sich voraussichtlich keine dramatischen klimabedingten Ertragsänderungen ergeben, wenn sich die Landwirtschaft kontinuierlich an den Klimawandel anpasst", heißt es im Forschungsbericht.


Jede Tonne Ertrag mehr oder weniger ist für den Landwirt bares Geld. (Foto: Agentur für Erneuerbare Energien)

Die Unsicherheiten in den Prognosen verschwinden natürlich auch mit LandCaRe-DSS nicht. Die Wissenschaftler empfehlen deshalb in jedem Fall Anpassungsmaßnahmen, die verschiedene klimatische Entwicklungspfade abfedern können. Hierzu gehören beispielsweise die ganzjährige Bepflanzung des Bodens, um Feuchtigkeitsverlusten und Erosion vorzubeugen, oder eine hohe Artenvielfalt, um Verluste durch den Ausfall einzelner Kulturen gering zu halten.

Zurücklehnen kann sich dennoch keiner, denn die optimistische Prognose zur Anpassungsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft gilt nur, "wenn sich der Klimawandel nicht noch weiter verschärft", warnen die Wissenschaftler. Je nachdem welche Entwicklung für den Klimawandel unterstellt wird, variieren die Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Erträge. Aber auch für den Fall zurückgehender Erträge haben die Wissenschaftler vorsichtshalber schon einmal vorgedacht. In der Publikation findet sich auch ein Artikel, der sich mit dem "ungenutzten Potential" brachliegender landwirtschaftlicher Flächen in Russland beschäftigt.

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