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Politik getarnt als Wissenschaftskritik

Am vergangenen Wochenende traf sich die deutsche "Klimaskeptiker"-Szene zu ihrer diesjährigen Konferenz in München. Man versuchte, wissenschaftlicher zu werden - doch das misslang fast durchgängig.

Aus München Peter Hartmann

Alle Jahre wieder seit seiner Gründung 2007 veranstaltet EIKE, das hochtrabend benannte "Europäische Institut für Klima und Energie", in Wirklichkeit ein Verein mit Postfach und größtenteils von daheim arbeitenden Energiereform-Gegnern, eine Konferenz. Dieses Jahr fand sie nicht in EIKEs Stammregion Ostdeutschland statt, sondern in München. Damit sollte versucht werden, neue Interessierte zu gewinnen - nach Aussagen der Veranstalter kamen tatsächlich neunzig Prozent Erstbesucher.


Die diesjährige Konferenz der deutschen "Klimaskeptiker" wollte sich um wissenschaftliche Seriösität bemühen - und scheiterte.  (Foto: Peter Hartmann)

Weitere Unterstützer waren das marktliberale, mit EIKE personell verflochtene "Berlin Manhattan Institute" und das amerikanische CFACT, das von Teilen der Großindustrie gesponsort wird und unter anderem die regelmäßig zur Mail-Attacke gegen Klimaforscher aufrufende Website climatedepot.com betreibt.

EIKE selbst scheint keine reichen Gönner zu haben. Das Budget der Konferenz dürfte bei nur einem Zehntel dessen gelegen haben, was das weltweit größte Treffen der "Klimaskeptiker" kostet, die unregelmäßig stattfindende "International Climate Change Conference" des amerikanischen Heartland Institutes - und finanziert wurde die Tagung allem Anschein nach hauptsächlich durch Teilnehmergebühren.

Ernsthafte Wissenschaft sollte geboten werden - aber Einwände gegen genehme Theorien wurden ausgeblendet

In früheren Jahren waren Christopher Monckton ("Ich habe ein Mittel gegen AIDS und Krebs entwickelt. Und Grippe") und Fred Singer ("Passivrauchen ist kein Problem") prominente Redner. Dieses Jahr gab es offenbar einen Strategiewechsel - es sollte ernsthafte Wissenschaft geboten werden.

Wichtigster Referent war der durch seine Forschung an kosmischen Strahlen nicht nur bei "Klimaskeptikern" bekannt gewordene Däne Henrik Svensmark. Er gab erfrischend seriöse Wissenschaft zum Besten, wie auch - zumindest streckenweise - die in verwandten Feldern forschenden Nir Shaviv und Jan Veizer. Ein wichtiger Einwand gegen Svensmarks Theorie, kosmische Strahlung verursache die Erderwärmung, wurde allerdings nicht behandelt: Wie soll der "Svensmark-Effekt", der das gleiche Vorzeichen hat wie die Sonnenstrahlung (bei geringerer Sonnenintensität wird es kühler), bei einer in den letzten Jahrzehnten schwächelnden Sonne, zu einer globalen Temperaturerhöhung geführt haben?


Globale Temperatur vs. Sonnenintensität: die Korrelation bricht nach 1980 zusammen. (Grafik: klimafakten.de)

Svensmark war denn auch der Aufhänger für eine Reihe massenmedialer Erwähnungen. Ulli Kulke (Die Welt), der schon in der Vergangenheit eine ganze Reihe von "klimaskeptischen" Artikeln verfasste, titelte: "Die Sonne soll schuld sein". Vollkommen distanzlos und uninformiert berichtete Fabian Schmidt von der Deutschen Welle unter dem Titel "Kosmische Strahlung bestimmt das Klima". Dirk Maxeiner, der seit Jahrzehnten echte und vermeintliche Öko-Irrtümer zu entlarven sucht und heute unter anderem beim bemüht-provokanten Blog "Achse des Guten" publiziert, kam mit Kameramann und interviewte Svensmark und den wohl höchstrangigen Konferenzgast, den erderwärmungsleugnenden RWE-Manager Fritz Vahrenholt. Und Nina Rieger vom Bayerischen Rundfunk sendete von der Konferenz einen einminütigen wohlwollenden Beitrag.

Im Zuge der Bemühungen, sich wissenschaftlich zu präsentieren, gab es eine Premiere zu feiern: Ein führendes EIKE-Mitglied, der Pressesprecher und Physiker Horst-Joachim Lüdecke, hatte zwei wissenschaftliche Artikel in einem seriösen (wenn auch klima-fachfremden) Journal veröffentlicht. Es ist bemerkenswert, dass Lüdeckes Artikel, wie er selbst betonte, im Gegensatz zu sonst auf der Konferenz geäußerten Ansichten nicht die etablierte Wissenschaft über den Haufen werfen. Dieses Phänomen war auch schon in den USA zu beobachten, wo Anthony Watts, der Betreiber der bei weitem größten "Klimaskeptiker"-Website "Watts Up With That?", Co-Autor bei einem wissenschaftlichen Artikel war, der sich vor allem durch die Bestätigung etablierter Ergebnisse auszeichnete.

Der grundlegende Unterschied zwischen lokalen und globalen Temperaturentwicklungen? Unbekannt

Nicht viel zu spüren von einem Wandel hin zu mehr Kompetenz war allerdings in der Rede von EIKE-Mitglied Friedrich-Karl Ewert, der sich erst im Ruhestand ausgiebig der Klimathematik zuwandte. Auch der emeritierte Leipziger Geografieprofessor Werner Kirstein, der den Unterschied zwischen lokalen und globalen Temperaturentwicklungen nicht zu kennen scheint ("Der letzte Winter war kalt!"), präsentierte eine polemische Tour de force jenseits der Faktenlage.

Gleichzeitig wurde die neueste Veröffentlichung des Ex-Wettermanns Wolfgang Thüne am offiziellen Büchertisch verkauft. Thüne glänzt des öfteren mit Kausalperlenketten wie "Das Klima ist im Gegensatz zum Wetter kein Naturvorgang, es hat keine eigene Realität, und daher können von ihm niemals Gefahren ausgehen."

Auch das jedem Konferenzteilnehmer ausgehändigte "Handbuch der Klimalügen" ist eine wild zusammengewürfelte Sammlung von Halbwahrheiten und Widersprüchen. Darin heißt es etwa auf Seite 22: "Die Methankonzentration der Atmosphäre ist minimal [...], stagniert seit 1998 und fällt seit kurzem. Da die Temperatur steigt, kann Methan keine Treibhauswirkung haben." Auf Seite 42 hingegen liest man: "Tatsächlich kühlt sich die Erde seit 1998 ab."

Statt Für und Wider wissenschaftlicher Theorien zu erörtern, wurden die Ansichten der eigenen Klientel bedient

Die äußerst einseitigen Argumentationen wirkten bei der vorgeblich wissenschaftlichen Veranstaltung deplaziert. Anstatt Für und Wider des Stands der Wissenschaft zu erläutern, gesicherte und kontroverse Aspekte abzuwägen, wurden ausgiebig Zitate aus den gestohlenen E-Mails von Klimaforschern gewälzt, die Glaubwürdigkeit des IPCC von der sehr charmanten, aber (wie sie selbst anmerkte) fachfremden Donna Laframboise angezweifelt, und es wurden immer wieder unwidersprochen Behauptungen aufgestellt, die sich selbst bei nur oberflächlicher Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Literatur als wenig stichhaltig erweisen.

Bemerkungen aus dem Publikum wie "Die geforderte Dekarbonisierung bedeutet das Ende allen Lebens" führten selten zu Klarstellungen. Durch diese Einseitigkeit (welche umgekehrt die "Klimaskeptiker" der etablierten Wissenschaft vorwerfen, meist in Unkenntnis der oft Jahrzehnte währenden bitteren Gefechte, die zu einem Konsens in Teilen der Klimawissenschaft geführt haben) verspielte die EIKE-Konferenz die Chance, zu den noch unsicheren Bereichen der heutigen Wissenschaft konstruktiv beizutragen. Stattdessen bediente sie hauptsächlich die bereits bestehenden Ansichten ihrer Klientel, anstatt echte, unparteiische Aufklärungsarbeit nach beiden Seiten zu leisten.

Die vorgetragene Wissenschaft ist nur insofern relevant, wie sie das politische Argument untermauert

Die Besucher machten den Eindruck redlich besorgter Bürger, die beim Versuch, von ihnen empfundene gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu verstehen, das Kind mit dem Bade ausschütten. Des öfteren wurden, teilweise auch recht differenziert, Probleme der erneuerbaren Energien angesprochen, die tatsächlich in der öffentlichen Debatte kaum diskutiert werden. Die klima- und pseudowissenschaftlichen Argumente schienen den Tagungsteilnehmern dabei nur als Mittel zum Zweck zu dienen, um die als fehlgeleitet empfundene Energiereform diskreditieren zu können: Die vorgetragene Wissenschaft war nur insofern relevant, wie sie das politische Argument untermauerte.

Bezeichnend war, dass die DDR-Bürgerrechtlerin und ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld mit den lautesten Beifall erhielt: für eine Tischrede, die Klimapolitik in die Nähe der Eugenik rückte.

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