Bundesrepublik Fleischland
Nie zuvor ist so viel Fleisch in Deutschland produziert worden, wie im vergangenen Jahr: unvorstellbare 100 Kilogramm pro Kopf. Jeder Deutsche verspeist davon "nur" 88 Kilogramm im Jahr. Was uns nicht schmeckt wird zu Dumpingpreisen exportiert.
Aus Berlin Nick Reimer
Bundesrepublik Fleischland: Die gewerbliche Fleischproduktion erreichte im vergangenen Jahr einen neuen deutschen Rekordwert - acht Millionen Tonnen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, bedeutet dies gegenüber dem Jahr 2009 eine Steigerung um 302.000 Tonnen, also 3,9 Prozent mehr als 2009.

Das liebe Vieh? Fleischland Deutschland verbuchte 2010 Rekordwerte
Acht Millionen Tonnen Fleisch für 81,7 Millionen Deutsche - das sind fast 100 Kilogramm pro Bundesrepublikaner. 1980 konsumierte der durchschnittliche Deutsche 30 Kilogramm Fleisch und Wurst pro Jahr. 2009 waren es rund 88 Kilogramm. Nach Branchenangaben lag vor 14 Jahren der "Selbstversorgungsgrad" bei Schweinefleisch in Deutschland bei 72 Prozent. Heute sind es 110 Prozent. Zu gut deutsch: 10 Prozent des Schweinefleisches werden exportiert.
Nach Angaben der Statistiker wurden 2010 insgesamt 5,4 Millionen Tonnen Schweinefleisch produziert, 3,8 Prozent oder 200.300 Tonnen mehr als im Jahr zuvor. Dem lag ein Anstieg der Schlachtzahlen um 3,7 Prozent oder 2,1 Millionen Tiere gegenüber - ebenfalls Rekordwerte. 2010 wurden in der Bundesrepublik 58 Millionen Schweinen geschlachtet.
Allein bei Tönnies 15 Millionen Schweine über die Klinge
Einer der größten Schlachter ist Fleischunternehmer Tönnies, der am Mittwoch Geschäftszahlen vorgelegt hat. Das ostwestfälische Familienunternehmen hat seinen Umsatz - das ist jetzt ein bisschen erwartbar - 2010 auf einen Rekord-Wert von rund 4,3 Milliarden Euro gesteigert. 2009 waren es noch 4,0 Milliarden Euro.
Damit ist die Unternehmensgruppe von Clemens Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück Marktführer in Deutschland und die Nummer drei in Europa. Selbstredend erzielte Tönnies auch beim Abmurksen der Schweine einen neuen Rekord: Im vergangenen Jahr gingen 15 Millionen Schweine über die Klinge, 2009 waren es "nur" 13,2 Millionen.
Bei Tönnies gingen den Firmenangaben zu Folge 55 Prozent der Fleischmenge in den Export. Und Tönnies glaubt, dass der Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch in Deutschland mittelfristig auf rund 150 oder 160 Prozent hochgeschraubt werden könnte. Was natürlich Blödsinn ist: Selbstversorgung bedeutet 100 Prozent, alles was darüber ist, ist mehr als zur Selbstversorgung benötigt.

"Iss mich!": Ein Großteil des Schweinefleischexports geht nach Russland, das sich hier mit seinen Schweinen auf der Grünen Woche in Szene setzt. (Foto: Messina)
"Tönnies kann konkurrenzlos billig produzieren, weil er ausländischee Arbeitskräfte radikal ausbeutet", sagt der bündnisgrüne Agarexperte Friedrich Ostendorff. Rumänen oder Ukrainer würden für einen Stundenlohn von 3,50 Euro in den Schlachthöfen von Tönnjes sechs Tage die Woche 12 bis 14 Stunden am Tag schuften. "Da kommen Schlacht- und Zerlegungskosten von 8,60 Euro pro Schwein raus", sagt Ostendorff. Zum Vergleich: Der modernste Schlachthof Europas in Dänemark kam auf 13,50 Euro je Schwein. Mittlerweile ist er dicht - die dänischen Schweine werden zum billigeren Schlachten nach Deutschland gekarrt.
Die Geflügelfleischerzeugung stieg nach Angaben der Bundesstatistiker gegenüber dem Jahr 2009 um 7,0 Prozent oder 90.800 Tonnen - auf eine Jahresproduktion von knapp 1,4 Millionen Tonnen. Dabei belief sich die Erzeugung von Jungmasthühnerfleisch auf 803.000 Tonnen - 7,1 Prozent oder 53.300 Tonnen mehr als im Vorjahr.
Noch mehr Zahlen? Besonders kräftig stieg die "Produktionsmenge" (Statistikerdeutsch) von Truthuhnfleisch, die sich um 9,2 Prozent oder 40.500 Tonnen auf 478.000 Tonnen ausweitete. Enten wurden zu 61.300 Tonnen verfleischt - 1,8 Prozent oder 1.100 Tonnen weniger als im Vorjahr.
Die Erzeugung von Rindfleisch stieg im Vergleich mit dem Jahr 2009 leicht um 0,9 Prozent (11.000 Tonnen) auf knapp 1,2 Millionen Tonnen an. Ursache dafür war das höhere Schlachtgewicht der Tiere, denn die Zahl der geschlachteten Tiere verringerte sich leicht auf 3,7 Millionen Schlachtrinder, so die Statistiker. Ein Rind produziert in seinem Pansen, einem der vier Wiederkäuermägen, jeden Tag 140 bis 600 Liter Methan. Aller vierzig Sekunden entfährt dem Vieh ein Lüftchen oder ein Rülpser. Dadurch ist die Herde der globalen Rindviecher zur größten Methanquelle der Welt geworden, einem 22 mal aggressiveres Klimagift als Kohlendioxid.

Die Klimawirkung der Landwirtschaft schlägt neben Methanemissionen aus der Viehhaltung auch mit Lachgas-Emissionen durch den immensen Düngemitteleinsatz zu Buche. (Foto: Messina)
88 Kilo Fleisch pro Jahr - würden alle Menschen auf der Welt, demnächst sieben Milliarden, so leben wie wir, bräuchte es allein für die Ernährung mindestens zwei Planeten. Etwa ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen stammen aus der Landwirtschaft.
An der gewerblichen Fleischerzeugung insgesamt hatte im Jahr 2010 Schweinefleisch mit 67,8 Prozent den höchsten Anteil, danach folgen Geflügelfleisch (17,2 Prozent) und Rindfleisch (14,8 Prozent). Der Anteil an Schaf-, Ziegen- und Pferdefleisch beträgt zusammen 0,2 Prozent.
Deutschland schlachtet für den Export
Fragt sich, wohin das ganze Fleisch geht: Russland ist der größte Abnehmer von Schweinefleisch, 31 Prozent des Exportes gehen dort hin. China sei als Absatzmarkt ganz groß im Kommen sagen Experten. 2008 hatte Deutschland lediglich 0,1 Prozent seiner Fleischexporte ins Reich der Mitte abgesetzt. Hünchen gehen vor allem nach Afrika: Die Brust und Teile der Schenkel bleibt in der Bundesrepublik Fleischland, der billige Rest geht subventioniert auf den Nachbarkontinent.

"Dort zerstören wir dadurch jegliche Selbstentwicklungsstruktur binnen weniger Wochen", urteilt Ostendorff, der agrarpolitischer Sprecher der Grünen. Um ein Huhn auf dem afrikanischen Markt wirtschaftlich verkaufen zu können, müsse es dem Produzenten 6 Euro einbringen. Ostendorff: "Wir karren aber die Hühnerreste, die für unsere Ernährung zu schäbig sind, tiefgekühlt für zwei Euro das Kilo nach Afrika".
"Mit dieser Fleischpolitik werden wir unseren Klimahaushalt nicht in Ordnung bringen"
2008 gaben die Industrienationen 349 Milliarden Dollar zur Produktion- und Exportsubvention ihrer Landwirtschaft aus. Das ist fast eine Milliarde Dollar pro Tag. Obendrein hat die Europäische Union um ihre Außengrenzen ein enges Geflecht aus Zöllen und Handelsschranken geschlossen, um den eigenen Agrarmarkt gegen billige Konkurrenz zu schützen. Tomaten aus Europa gibt es genauso wie Hühnerfleisch auf den afrikanischen Märkten, nicht aber afrikanische Hühnchen oder Tomaten - einfach weil es sich nicht lohnt, gegen die europäische Subventionsmacht anzukämpfen.
Aber warum das ganze? "Die Bundesregierung hat sich in den Kopf gesetzt, einer der größten Fleischexporteure Europas zu werden", sagt Ostendorff. Es gebe mit dem Staatssekretär Gerd Müller im Ministerium von Ilse Aigner (CSU) sogar einen eigenen "Exportminister", der eine "nationale Exportstrategie umzusetzen habe. Ostendorff: "Mit dieser Fleischpolitik werden wir unseren Klimahaushalt natürlich nicht in Ordnung bringen. Aber das ist ja das Schöne an Agrarministerin Aigner: Sie sagt was sie denkt. Und zum Thema Klimaschutz sagte sie: Jetzt geht es erst einmal um Arbeitsplätze, der Klimaschutz muss warten".
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