Wenig Wachstum in der Bio-Branche
Erstmals beträgt die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland mehr als eine Million Hektar, an die Zahlen des Bio-Booms kommt die Bilanz des Jahres 2010 dennoch nicht heran. In Nürnberg beginnt mit der Bio-Fach die Leitmesse der Branche.
Von Sarah Messina
Am heutigen Dienstag öffnet die Bio-Fach in Nürnberg wieder ihre Pforten: Die Leitmesse für Bio-Produkte, Naturkosmetik und Öko-Textilien wartet mit 2.522 Ausstellern aus 85 Ländern auf und erwartet rund 43.000 Fachbesucher aus aller Welt. Schwerpunkt der Messe vom 16. bis 19. Februar liegt in diesem Jahr auf dem Thema Welternährung: "Die Frage, wie alle Menschen auf dieser Erde ihr Recht auf Nahrung verwirklichen können, fordert auch den Ökolandbau heraus", sagt der Vorstandsvorsitzende des Bunds Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) Felix Prinz zu Löwenstein.

Öko-Landbau und Bio-Produzenten präsentieren sich derzeit in Nürnberg auf der Bio-Fach. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
"Bio kann die Welt ernähren", formuliert es dagegen deutlich forscher Claus Rättich von der Nürnberger Messe. Der Weltagrarbericht bestätige, dass "nicht Expansion, Massenproduktion oder Gentechnik, sondern eine nachhaltige, ökologische Wirtschaftsweise" der richtige Weg sei. Der Kunde von Morgen richte sein Kaufverhalten zunehmend auch unter "sozialen, ökonomischen und ökologisch nachhaltigen" Kriterien aus. Der Handel müsse sich der Herausforderung stellen, diesen Mehrwert auch zu transportieren.
Zumindest der deutschen Bio-Branche gelingt das derzeit nur noch in Grenzen, wie aus den aktuellen Zahlen der Bio-Branche für 2011 hervorgeht, die der BÖLW zum Start der Nürnberger Messe veröffentlicht hatte. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche betrug demnach Ende des vergangenen Jahres erstmals mehr als eine Million Hektar. Die Zahl der Biobetriebe stieg 2010 um 5,4 Prozent von 21.047 auf 22.200 Betriebe. Dennoch verzeichnete der Bio-Markt ein Umsatzplus von lediglich zwei Prozent und erreichte ein Marktvolumen von 5,9 Milliarden Euro.
Über Jahre hatte die Branche zweistellige Wachstumszahlen verzeichnet, bereits 2010 hatte sich jedoch bereits das Ende des Bio-Booms gezeigt: Auf dem gesamten Lebensmittelmarkt waren die Umsatzzahlen unter anderem durch die Finanz- und Wirtschaftskrise um 2,4 Prozent zurückgegangen, auch die Bio-Branche bekam das zu spüren.
Dass der Markt im vergangenen Jahr bestenfalls "verhalten" gewachsen ist, begründet der BÖLW unter anderem mit dem "weitgehend abgeschlossenen" Aufbau von Bio-Sortimenten im konventionellen Handel, der große Wachstumsraten mit sich brachte. Der eigentliche Motor für die Ausdehnung des Bio-Anteils am Gesamtmarkt sei jedoch der Naturkostfachhandel: der habe 2010 mit acht Prozent Wachstum von Bio-Läden und -Supermärkten überproportional zugelegt.

22.000 Menschen demonstrierten im Januar für einen Systemwechsel in der Landwirtschaft. (Foto: Messina)
Die Bio-Fach jedenfalls sieht die Branche weiter auf Wachstumskurs: Rund 55 Milliarden US-Dollar seien etwa 2009 weltweit in Bio-Ware umgesetzt worden. In Deutschland, Europas größtem Fachhandel, landeten demnach Bio-Produkte im Wert von 5,9 Milliarden Euro in den Einkaufskörben. "Die Verbraucher verlangen immer mehr nach unverfälschten, umwelt- und tierfreundlichen Bio-Lebensmitteln", sagt auch BÖLW-Vorstand Götz Rehn: Vor allem für Bio-Vollsortimenter gebe es weiterhin große Wachstumschancen: "Für 2011 erwarten wir deshalb ein deutlich stärkeres Wachstum im Naturkostfachhandel."
Die Politik soll den Öko-Landbau stärker fördern
Schon zur Grünen Woche, der weltgrößten Messe für Ernährung und Landwirtschaft in Berlin hatte der BÖLW jedoch auch mehr Unterstützung von der Politik eingefordert. Die Ökologische Lebensmittelwirtschaft gebe "die weitreichendste Antwort auf die aktuell gestellten Fragen nach Nahrungsmittelqualität und nachhaltiger Landwirtschaft", so Felix Prinz zu Löwenstein, dennoch sei die Förderung des Öko-Landbaus etwa in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg eingestrichen worden.
Auch Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) lasse nicht klar erkennen, mit welcher Form der Landwirtschaft sie die Zukunftsherausforderungen bewältigen wolle, obwohl "Klimawandel, Stickstoffüberschüsse und der Verlust der Biodiversität dringend eine Ökologisierung er Landwirtschaft" erforderten, so Agrarwissenschaftler Jürgen Hess von der Uni Kassel. Die Landwirtschaft hat einen Anteil von etwa 14 Prozent an den weltweiten Kohlendioxid-Emissionen. EU-Agrarkommissar Cioloş hat für die anstehende Neuverteilung der milliardenschweren EU-Agrarsubentionen deshalb bereits eine stärkere Ausrichtung auf ökologische Kriterien angekündigt. Deutschland ist einer der Hauptprofiteure der EU-Mittel und hat viel zu verlieren: Ministerin Aigner hatte den Vorschlag aus Brüssel bereits mit der Bemerkung quittiert, Umweltauflagen könnten lediglich die Bürokratie "zum Blühen" bringen.
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