Volkszählung in der Landwirtschaft
16,8 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche und 301.000 landwirtschaftliche Betriebe - das Statistische Bundesamt hat die deutsche Agrarlandschaft unter die Lupe genommen und gefragt: "Wer produziert eigentlich unsere Nahrungsmittel?"
Aus Berlin Sarah Messina
16,8 Millionen Hektar landwirtschaftliche genutzte Fläche, 301.000 landwirtschaftliche Betriebe, 1,1 Millionen Beschäftigte, 112,6 Millionen Rinder, 27,3 Millionen Schweine, 131,2 Millionen Geflügel, 466.000 Pferde und Esel, 2,1 Millionen Schafe und 124.000 Ziegen: Das ist die deutsche Landwirtschaft in aktuellen Zahlen. Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat am Donnerstag auf der Grünen Woche in Berlin die Ergebnisse des "Agrarzensus" vorgestellt, der zum ersten Mal seit zehn Jahren durchgeführt wurde. Zur weltweiten Volkszählung im Agrarbereich hatte die UN-Ernährungsorganisation FAO aufgerufen.

Der Trend geht zum spezialisierten Großbetrieb - vor allem in der Viehhaltung. (Foto: Messina)
In der Europäischen Union kommt das nicht ungelegen: Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) wird derzeit überarbeitet, Subventionen in Milliardenhöhe sollen ab 2013 neu verteilt werden. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen hoffen dabei auf eine stärkere Gewichtung des klimafreundlicheren Öko-Landbaus. "Die Zahlen zur Landwirtschaft der Mitgliedstaaten werden für die EU-Diskussion eine wichtige Rolle spielen", sagt Destatis-Direktorin Hannelore Pöschl. Deutschland ist eines der ersten Länder, das seine Bilanz vorlegt, dazu wurden Daten von 300.000 Landwirten erfasst.
Systemwandel in der Landwirtschaft: Weniger, aber spezialisiertere Betriebe
Mein Hof, meine Familie, mein Feld, mein Trecker, meine Kuh: Der Querschnitt durch die deutsche Agrarlandschaft zeigt, dass der "klassische" Bauernhof eher ein Auslaufmodell ist. Der Trend geht zu immer größeren spezialierten landwirtschaftlichen Betrieben mit immer weniger Beschäftigten. 56 Hektar machen einen Betrieb im Schnitt heute aus – vor allem die Zahl der Betriebe in einer Größenklasse von mehr als 100 Hektar ist in den vergangenen Jahren gestiegen.
In mehr als 70 Prozent aller landwirtschatlichen Betriebe spielt die Viehhaltung eine wichtige Rolle: Die Zahl der Vieh-Betriebe ist zwar insgesamt zurückgegangen, der Tierbestand ist durch die landwirtschaftliche Spezialisierung dennoch gleich geblieben oder im Fall der Schweine- oder Geflügelhaltung sogar gestiegen.
Auf die Bundesländer ist die Tierhaltung recht unterschiedlich verteilt: Intensive Tierhaltung findet vor allem im Nordwesten Deutschlands statt: In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden relativ zur genutzten Fläche verhältnismäßig viele Schweine gehalten, die Geflügelhaltung ist vor allem auf Niedersachsen konzentriert, in Bayern schlägt vor allem die Rinderhaltung zu Buche. In den "neuen" Bundesländern werden zwar knapp ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Gesamtfläche bewirtschaftet, die Tierhaltung spielt jedoch eine untergeordnete Rolle.
"Sonderform" Ökolandbau weiter auf Wachstumskurs
Die größte Bedeutung hat in Deutschland auch insgesamt weiterhin der Getreideanbau: "Neben dem Winterweizen hat sich der Silomais als zweitwichtigste Ackerfrucht etabliert", sagt Bundesamts-Direktorin Hannelore Pöschl. Das sei vor allem auf die steigende Bedeutung von Energiemais für Biogasanlagen zurückzuführen.
Der Ökolandbau ist den Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge noch immer eine "Sonderform" der Landwirtschaft, "aber eine mit beachtlichem Wachstum", sagt Pöschl. Rund fünf Prozent der deutschen Agrarbetriebe werden heute bereits nach den Regeln des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. 16.000 Ökobetriebe bewirtschafteten 2010 rund 979.000 Hektar der gesamten landwirtschaftlichen Fläche – innerhalb von zehn Jahren hat sich die Fläche demnach verdoppelt und nimmt mittlerweile sechs Prozent der in Deutschland insgesamt genutzten Landwirtschafts-Fläche ein.

Die Grüne Woche in Berlin: Weltgrößte Messe für Landwirtschaft, Garten und Ernähung. (Foto: Messina)
In rund 12.000 Ökobetrieben wurden Nutztiere gehalten: Die Rinderhaltung ist dabei mit 10.000 Betrieben der wichtigste Zweig. Hühner wurden dagegen nur in 4.000 Ökobetrieben, Schweine und Schafe sogar nur in 2.000 Betrieben gehalten. Am gesamten Bestand hat das Öko-Rind einen Anteil von fünf Prozent, das Öko-Huhn drei Prozent und das Öko-Schwein nur ein Prozent.
Bauern mit Nebentätigkeiten und ohne Nachfolge
Ein Drittel der deutschen Agrar-Betriebe verdient sein Geld nicht nur durch landwirtschaftliche Erzeugung sondern auch durch zusätzliche Tätigkeiten: 42 Prozent der betreffenden Betriebe setzen auf die Erzeugung erneuerbarer Energien mit Windkraft- und Biogasanlagen oder der Verwertung nachwachsender Rohstoffe, die meisten dieser Betriebe sind in Bayern und Baden-Württemberg angesiedelt. Forstwirtschaftliche Arbeiten, Dienstleistungen für Kommunen oder Urlaub auf dem Bauernhof spielen ebenfalls eine Rolle als zusätzliche Einnahmequelle.
Dass der Strukturwandel der deutschen Landwirtschaft sich fortsetzt, zeigt auch der Blick in die oft ungewisse Zukunft der bäuerlichen Famlienbetriebe, so Pöschl. Jeder fünfte Inhaber solcher Betriebe ist 60 Jahre oder älter, 70 Prozent der Betriebsinhaber gibt an, noch keinen Nachfolger zu haben.
Erst am vergangene Wochenende hatten in Berlin rund 22.000 Menschen für eine Wende in der Agrarpolitik demonstriert und faire Preise, eine Abkehr von der Massentierhaltung und eine ökologischer Bewirtschaftung gefordert. Weltweit gingen 2005 nach Angaben von Wissenschaftlern des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung rund 14 Prozent der Treibhausgas-Emissionen auf das Konto der Landwirtschaft - dabei schlagen vor allem Viehhaltung und Düngemitteleinsatz zu Buche.
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