Ganz ohne schlechtes Gewissen
Auf einem Sommerfest wollen Fleischverzichter zeigen, dass vegane Ernährung auch Spaß machen kann. Bei einer Kochshow werden Pfannkuchen ohne Eier und mit Sojamilch gebacken. Es gibt eine Lesung zu Jonathan Safran Foers neuem Buch "Tiere essen". Und bei einer Tombola kann man vegane Aufstriche und Co. gewinnen.
Aus Berlin Felix Werdermann
"Erstens bin ich ein Fresssack und zweitens brauch ich alles ganz schnell." Attila Hildmann erklärt, warum er den Teig nicht gehen lässt. Er backt Pfannkuchen, direkt neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Berliner Kurfürstendamm. Und er ist nicht alleine: Mehrere Dutzend Menschen schauen seine Kochshow an.

Nicht nur Gemüse: Als Veganer kann man auch Döner essen. (Foto: Reimer)
Hildmann ist jung, die Worte sprudeln nur so aus ihm raus. Ein Kochtipp, eine kleine Geschichte aus seinem Leben, eine lustige Bemerkung. Man kann darin die Sorge sehen, das Laufpublikum zu verlieren. Man kann darin aber auch seine Leidenschaft für das Kochen entdecken.
Eigentlich ist der 29-Jährige Physik-Student, der gerade an seiner Diplom-Arbeit schreibt. Nebenbei ist er leidenschaftlicher Koch. Stolz erzählt er von seinen Videos im Internet, der "größten deutschen Youtube-Kochshow", wie er sagt. Seine Kochstunden sind auch aus einem anderen Grund außergewöhnlich: Er verzichtet auf tierische Produkte, seine Gerichte sind stets vegan. "Wir nehmen Soja-Milch, die gibt es wirklich in jedem Supermarkt", erklärt er seinem Publikum. Eier und Milch? Überflüssig.
Attila Hildmann hat bereits zwei Kochbücher geschrieben, darin findet sich alles von Frikadellen über Döner bis hin zu Straciatella-Eis – und immer ohne tierische Produkte. Seine erste Rezeptesammlung zählt unter den vegetarischen Kochbüchern zu den Bestsellern. Man könnte sagen: Hildmann ist ein Starkoch der veganen Szene.
Doch viele seiner Zuschauer wissen das gar nicht zu würdigen. Über den Berliner Breitscheidplatz schlendern vor allem Touristen. Auf den ersten Blick ist gar nicht ersichtlich, dass hier an diesem Samstag das "vegan-vegetarische Sommerfest" gefeiert wird. Das Transparent hinter der Bühne fällt kaum auf, nur an wenigen Stände hängen Plakate.
In der Mitte sind Tische und Bänke aufgebaut – eine Bierzeltgarnitur. Es soll ein Volksfest sein, kein Sektentreffen der eingeschworenen Veganer. Mit Essen kann man sich reichlich versorgen, auf der Bühne wird zwischendurch Live-Musik gespielt, für Kinder gibt es eine Hüpfburg in Form einer überdimensionierten Kuh, die ein Schild um ihren Hals trägt: "Go Vegan!" Ob Kuh oder Knaxburg – für die Kinder macht das keinen Unterschied. Menschen in Kuhkostümen laufen über das Fest und verkaufen Lose für einen Euro. Bei der Tombola gibt es Einiges zu gewinnen – natürlich streng vegan: Brotaufstrich, Bücher, CDs oder ein T-Shirt.

Burg oder Kuh? Hauptsache hüpfen auf dem Sommerfest der Fleischverzichter! (Foto: Werdermann)
Von grausamen Bildern bluttriefender Tiere fehlt jede Spur – nur in den Broschüren an den Ständen der Tierschutzorganisationen sind sie zu finden. Anscheinend haben auch die Tierschützer in Sachen Werbe-Psychologie dazugelernt: Positive Gefühle verstärken, der vegane Lebensstil muss Spaß machen. Nur Wenige lassen sich gerne ihre Essensgewohnheiten vom schlechten Gewissen beschneiden.
"Wir wollen einfach mal zeigen, was es alles gibt, was die vegane Küche so zu bieten hat", sagt Stephanie Johanna Goldbach, eine der Organisatorinnen des Festes. Sie ist 30 Jahre alt, seit acht Jahren lebt sie vegan – von außen bloß an der Kette erkennbar, die sie um ihren Hals trägt und auf der "vegan" steht. Zumindest auf dem Fest scheint es einfach und unkompliziert, sich ohne Tierprodukte zu ernähren. Selbst auf das vegane Eisschlecken muss niemand verzichten.
Missionare im Auftrag der Tiere sind auf dem Sommerfest nicht anzutreffen. Veganer, die aus voller Überzeugung andere Menschen verachten oder gar als Tiermörder beschimpfen – und am Ende bloß verbittert sind, weil sich die Fleischesser in ihrer Einstellung eher noch bestätigt fühlen. Wo sind diese Hardcore-Veganer? "Die gab's vielleicht ganz, ganz früher", wiegelt Goldbach ab. "Hier auf unserem Fest sind sie jedenfalls nicht vertreten."
Ein bisschen Überzeugung ist aber offensichtlich dabei – das zeigt schon der Aufwand, mit dem das Straßenfest organisiert ist. Auch aus dem neuen Buch "Tiere essen" von US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer wird vorgelesen – bekannt durch seine Bücher "Alles ist erleuchtet" und Extrem laut und unglaublich nah. "Tiere essen" befindet sich momentan auch in Deutschland auf bestem Wege zur Bibel der Vegetarier. Die Feuilletons der Zeitungen sind voller Rezensionen – von der taz bis zur FAZ, von Brigitte bis zum Stern. Die Sommerpause hat den Vegetarismus entdeckt.
Auf dem Sommerfest darf man der ersten öffentlichen Lesung in Deutschland beiwohnen. Dafür habe man vom Verlag die "exklusiven Rechte" erhalten, erzählt der Moderator stolz auf der Bühne. Doch die Lesung selbst bleibt unspektakulär: Ein Mann sitzt einsam auf der Bühne, liest einige Seiten, am Ende applaudieren die Zuhörer brav. Der Ansturm am Bücherstand, an dem "Tiere essen" auch als Hörbuch verkauft werden, bleibt aus.
Viele Menschen haben sie auf das Buch angesprochen, sagt Organisatorin Goldbach. Leute, die deswegen zu Vegetariern konvertiert sind, kennt sie aber nicht. Einen "Trend" zur fleischlosen Ernährung erkennt sie aber auch ohne Zutun des Erfolgsautors. "Die Zahl steigt unaufhaltsam" – auch wegen der Sorge um die Erderwärmung. Der Fleischkonsum schadet nämlich nicht nur den Tieren, sondern auch dem Klima. Laut Welternährungsorganisation gehen mittlerweile 18 Prozent aller Treibhausgase auf das Konto der Tierhaltung – das ist mehr als der gesamte Verkehr verursacht.
Immer mehr Vegetarier und auf der anderen Seite ein steigender Fleischkonsum – wie passt das zusammen? Schließlich wird in Wietze, einer Gemeinde in Niedersachsen, gerade Europas größter Schlachthof neu gebaut. 432.000 Hähnchen sollen da täglich geschlachtet werden, das sind 27.000 Tiere pro Stunde, oder sieben pro Sekunde. Für die Tierschützer ist klar: Die Anlage ist völlig überflüssig, der Markt längst übersättigt. Das Fleisch werde zur Not ins Ausland exportiert.
Die Vegetariernation Deutschland ist noch in weiter Ferne. Nur 20 Meter entfernt vom Sommerfest der Tierfreunde wird an einem Stand Berliner Currywurst verkauft. Es ist eine friedliche Koexistenz. "Ich sehe kein Problem", sagt der Verkäufer in der Wurstbude. Manchmal esse auch er vegetarisch. Die Gefahr, dass die Tierschützer sein Geschäft ruinieren, sieht er aber nicht. "Die Menschen haben schon immer Fleisch gegessen und sie werden es immer tun."
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