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Europas gefährdete Nachbarn

Der Klimawandel als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Experten warnen, der Welt drohe ein "perfekter Sturm" aus Krieger, Hunger, Durst und Krankheit. Doch noch ist Zeit für präventive Maßnahmen

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Die gute Nachricht zuerst: Seit 1992 hat die Zahl der bewaffneten Konflikte deutlich abgenommen. Damals wurde in 30 Prozent der Länder gekämpft, heute sind noch 15 Prozent der Länder weltweit von Krieg und Bürgerkrieg betroffen. Ob das so bleibt ist allerdings fraglich. "Ein 'perfekter Sturm' aus Nahrungsmangel, Wasserknappheit und unzureichenden Energieressourcen droht Aufstände, Kriege und massenhafte Migration auszulösen", sagt der Chef-Wissenschaftler der englischen Regierung John Beddington. Für arme Länder kann der Klimawandel "der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt", warnt auch Thomas Fingar, der Top-Analyst der US-Geheimdienste. Beide rechnen schon bald mit dem Eintreten ihrer apokalyptischen Prognosen: Fingar im Jahr 2025 und Beddington im Jahr 2030.

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Der Klimawandel dürfte dabei nur in den seltensten Fällen der einzige Grund für einen Konflikt sein: "Der Klimawandel wird am besten als 'Gefahren-Verstärker' gesehen. Die wesentliche Herausforderung ist, dass der Klimawandel Länder zu überlasten droht, die sowieso schon verlätzlich und anfällig für Konflikte sind", schreibt die EU in einer Studie über Klimawandel und internationale Sicherheit.

Aus europäischer Sicht sind insbesondere die Auswirkungen des Klimawandels auf Nordafrika und den Nahen Osten Anlass zu Besorgnis. In Nordafrika und der Sahelzone könnten Wasserknappheit und eine Übernutzung der Böden zu einem Verlust von drei Vierteln des mit Regen bewässerten Landwirtschaftlands führen. Und im ägyptischen Nildelta droht der steigende Meeresspiegel und die Versalzung der Böden, gut zehn Prozent des Ackerlands unbrauchbar zu machen. Davon wären fünf Millionen Menschen betroffen. Signifikante Abnahmen der verfügbaren Menge an Wasser droht zudem in der Türkei, dem Irak, Syrien, Israel und in Saudi Arabien.

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Die Folgen dieser Entwicklung sind zweierlei: Europa muss sich auf höheren Migrationsdruck und mehr humanitäre Militäreinsätze im Rahmen der EU, UNO und Nato einstellen. "Der Klimawandel wird voraussichtlich die sowieso schon substantielle Wanderungsbewegung von Nordafrikanern nach Europa erhöhen. Nordafrika wird zudem als Route für Afrikaner aus Ländern südlich der Sahara dienen, die vor klimabedingten Belastungen fliehen", erwartet das Gefahren-Assessment 2010 der US-Geheimdienste für den US-Senat.

Noch ist davon allerdings nichts zu spüren: Im Jahr 2009 ist die Zahl der illegalen Immigranten in der EU deutlich gesunken. Anders verhält es sich bei den humanitären Einsätzen. Die UNO geht davon aus, dass von allen Einsätzen im Jahr 2007 nur einer nichts mit dem Klimawandel zu tun hatte. Dies passt zu den Befürchtungen im US-Bericht: "Wenn Veränderungen des Klimas mehr humanitäre Einsätze erfordern, könnte dies die US Streitkräfte signifikant belasten." Einen Teil dieser Belastung dürften die Amerikaner dann an ihre europäischen Verbündeten und deren Steuerzahler weiterreichen. Da trifft es sich gut, dass "diese Herausforderung Europas Stärken entspricht, dem umfassenden Ansatz von Konfliktprävention, Krisenmanagement und Post-Konflikt-Wiederaufbau", wie der bereits erwähnte EU-Bericht schreibt.

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Während sich die Auswirkungen des Klimawandels auf die internationale Sicherheit bislang noch in Grenzen halten, wäre es leichtfertig, die Warnungen vor einem "perfekten Sturm" in den Jahren 2025 bis 2030 in den Wind zu schlagen. Noch ist genug Zeit, insbesondere für präventive Maßnahmen. Dazu gehört offensichtlich die Reduktion der Treibhausgasemissionen. Wichtiger sind aber wohl Investitionen in die Anpassungsfähigkeit von Europa sowie der am meisten gefährdeten Länder. Denn selbst wenn die Menschheit ihre Emissionen sofort auf Null reduzieren würde, würde sich das Klima noch weiter erwärmen.

Besonders interessant ist hier das Projekt Desertec. Das von dem Rückversicherer Munich Re initiierte Industriekonsortium plant den Bau eines Netzes von Wind- und solarthermischen Kraftwerken in der Sahara. Mit dem nicht unumstrittenen Projekt könnte sowohl die Versorgungssicherheit nordafrikanischer Staaten als auch Europas verbessert werden. Außerdem ist der Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen geplant, wodurch die Wasserproblematik gemildert wird.

Weniger zukunftsweisend ist hingegen, dass die Bundesregierung die für 2010 bis 2012 versprochenen Klimahilfen für Entwicklungsländer aus dem Budget gestrichen hat. Denn auf die eine oder andere Weise werden wir, der Westen, dafür bezahlen, wie der ehemalige Chef des US-Central Command, General Anthony Zinni, festgestellt hat. "Wir zahlen heute, um die Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren, oder wir zahlen den Preis später, im militärischen Sinne. Und das wird auch Menschenleben betreffen". So oder so wird sich der Westen kaum aus seiner Verantwortung für den Klimawandel stehlen können. Wie man vom Zähneputzen weiß, ist Prävention aber die günstigere und vor allem schmerzlosere Strategie.

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