Mastputen-Besitzerin wird Agrarministerin
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat sein Kabinett erneuert. Mastputen-Besitzerin Astrid Grotelüschen wird neue Agrarministerin. Damit dürfte der Umbau der industriellen Landwirtschaft hin zu mehr Klimafreundlichkeit in Deutschlands führendem Agrar-Bundesland nicht unbedingt neue Impulse erfahren.
Von NICK REIMER
Christian Wulff (CDU) bildet sein Kabinett um und besetzt gleich vier Ministerien neu. Hans-Heinrich Ehlen (Agrar), Mechthild Ross-Luttmann (Soziales), Elisabeth Heister-Neumann (Kultus) und Wissenschaftsminister Lutz Stratmann müssen die Regierung verlassen, wie am Montag aus Regierungskreisen bekannt wurde. Neben der Hamburger CDU- Abgeordneten Aygül Özkan (Soziales), der Brandenburger CDU-Chefin Johanna Wanka (Wissenschaft) und dem bisherigen Staatssekretär Bernd Althusmann (Kultus) soll die 45 Jahre alte CDU- Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen neue Agrarministerin werden. Ihrer Familie gehört die zweitgrößte Mastputen-Brüterei in der Bundesrepublik.

Die Tierschutzorganisation PETA hatte mit versteckter Kamera bei Wiesenhof gefilmt - hier die Wiesenhof-Farm in Twistringen, Kreis Diepholz. O-Ton PETA: Die Tiere leben dort in einer doppelstöckigen Hühnerfarm. Es gibt acht Stallbereiche. Die Farm ist für etwa 26.800 Tiere ausgelegt. (Foto: PETA)
Tierschützer kritisieren die Produktionsbedingungen in Großbrütereien. So berichtet die Organisation "Vier Pfoten" darüber, dass Jung-Enten im Alter von etwa neun Wochen für zwei Wochen Zwangsmast in enge Käfigbatterien gesperrt werden. Die Tierrechtsorganisation PETA Deutschland hatte im Januar bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg Strafanzeige gegen den Geflügelproduzenten Wiesenhof gestellt. Die Organisation stützt sich auf Filmaufnahmen aus einem Stall im niedersächsischen Twistringen, die mit versteckten Kameras gedreht wurden. Die Aufnahmen zeigten, wie Mitarbeiter kranken Tieren das Genick brechen, sie beim Verladen in viel zu enge Boxen schleudern und pressen.
Auf der Internetseite der Grotelüschener Mastputen-Brüterei heißt es: Die Schlachtung und Zerlegung der Puten erfolgt in EZG-/ ESG-Betrieben der Geestland Putenspezialitäten, Niedersachsen und der Fitkost Geflügelverarbeitungs- und vertriebsgesellschaft m.b.H., Mecklenburg- Vorpommern, deren Mitgesellschafter die Mastputen-Brüterei Ahlhorn ist. Unter der Geflügelmarke Wiesenhof werde das Putenfleisch und zahlreiche Spezialitäten erfolgreich vermarktet.
Astrid Grotelüschen studierte von 1984-1990 in Bonn Ökotrophologie. Praktika führten sie in die lebensmittelverarbeitende Industrie, ins Bäcker- und Fleischerhandwerk, Großküchen, Seniorenwohnheime und in die Landwirtschaft. Im Sommer 1990 stieg die CDU-Politikerin in den Familienbetrieb ihrer Schwiegereltern ein, mit Sitz in Ahlhorn im Oldenburger Land. "Mit der Wende erschlossen wir mit dem Kauf eines Putenschlacht- und Zerlegebetrieb in Mecklenburg- Vorpommern ein neues Geschäftsfeld", erklärt Grotelüschen dazu auf ihrer Homepage. 1995 wurde sie dort zur Prokuristin ernannt. Ab 2001 übernahm das Ehepaar die Geschäftsführung im Stammunternehmen. Derzeit sind dort 50 Mitarbeiter beschäftigt. Zudem bilden sie Lehrlinge aus. Grotelüschen war erst 2009 in den Bundestag eingezogen, nun wird sie Ministerin.
Das Ministerium biete viele Themengebiete, erklärte Grotelüschen am Montag: "Agrarland Nummer 1 - das sind wir hier in Niedersachsen, das wollen wir bleiben". Die taz hatte im Januar berichtet, dass der Platz für Mastbetriebe in Süd-Oldenburg und im Emsland knapp geworden sei, weshalb sich der Osten Niedersachsens "zu einer Art Schlachtfeld im Kampf um Landwirte" entwickelt habe - mit Unterstützung von Grotelüschens Vorgänger, dem gesundheitlich angeschlagenen Minister Hans-Heinrich Ehlen. Im Emsland etwa sei die Belastung durch Mastbetriebe bereits so hoch, dass sich mittlerweile zwei Dutzend Gemeinden gegen weitere Betriebe wehren.
Die industrielle Landwirtschaft, insbesondere die industrielle Viehhaltung, gilt als einer der zentralen Bereiche, die umgebaut werden müssen, wenn die Welt ihr Klimaziel - minus 80 bis 90 Prozent Kohlendioxid bis 2050 - erreichen will. Nach Erhebung der Welternährungsorganisation FAO hat sich der Fleischkonsum seit 1980 jedoch weltweit um ein Drittel erhöht. In den Industriestaaten steigerte er sich von jährlichen 76 Kilogramm auf 82 Kilogramm, in den Entwicklungsländern von 14 auf 30 Kilogramm pro Kopf. In Deutschland entstehen elf Prozent der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft.

Mastpute in einer deutschen Geflügelfarm (Foto: PETA)
Wulffs Schritt, das Kabinett jetzt drei Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen umzubilden, gilt als Versuch, neue Dynamik in die schwarz-gelbe Koalition in Hannover zu bringen. Die war zuletzt allerdings in der Umfragegunst beim Wahlvolk nicht ganz so stark gesunken, wie die schwarz-gelbe Koalition in Nordrhein-Westfalen.
"Wulff ändert mit seiner Besetzung überhaupt nichts an seiner Politik", sagt Edmund Haferbeck von PETA Deutschland gegenüber wir-klimaretter.de. Geflügelmassen-Tierhaltung sei die unerträglichste Massentierhaltung überhaupt. Doch nicht nur der Aspekt der Tierquälerei sorge für dieses Urteil: "Mindestens ein Fünftel der weltweit durch Tierhaltung erzeugten Treibhausgase gehen auf Geflügel-Massenhaltung zurück", so der Experte. Vor allem die Tiernahrung trage einen großen Anteil an dieser Bilanz. Haferbeck weist allerdings ausdrücklich daraufhin, dass der Tierschutzorganisation bislang keinerlei Auffälligkeiten der Grotelüschener Mastputen-Brüterei bekannt sind.
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