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"Bio ist im Mainstream angekommen"

graefe_friedrich_original.jpgTrotz Umsatzeinbußen feiert sich die Ökolandwirtschaft derzeit auf der Messe Biofach in Nürnberg. Über "Krisen" der Biobranche, Agrarministerin Ilse Aigner und den deutschen Bauernverband, der regelmäßig erklärt, "bio" sei gar nicht so klimafreundlich, sprach  wir-klimaretter.de mit dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) Friedrich-Willhelm Graefe zu Baringdorf.

Der 67-jährige ist selbst Öko-Landwirt und saß 20 Jahre lang für die Grünen im Europaparlament. Mit der ABL setzt er sich für eine soziale, nachhaltige und klimafreundliche Landwirtschaft ein

klimaretter.info: Herr Graefe zu Baringdorf, Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sagte kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, der Ökolandbau sei nicht klimafreundlicher als der konventionelle Landbau - zudem binde Landwirtschaft "grundsätzlich" Kohlendioxid aus der Atmomphäre. Stimmt das?

Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf: Nun ja. Eine Pflanze ist wie ein kleines Solarkraftwerk, durch die Photsynthese wird Kohlendioxid gebunden und Energie frei. Das stimmt sowohl beim konventionellen als auch beim Ökolandbau.

Wo ist dann der Unterschied?

Ein erheblicher Unterschied findet sich etwa bei den indirekten Emissionen. Der konventionelle Landbau ist ölbasiert, die Herstellung einer Tonne Stickstoff - der in Kunstdünger enthalten ist - benötigt zwei Tonnen Öl. Der Einsatz der fossilen Energie in der agrarindustriellen Produktion  ist so hoch, dass sie zum Teil mehr Energie verzehrt als produziert - mindestens ist die Kohlendioxid-Bilanz negativ. Insofern ist Sonnleitners Aussage verschleiernd.

Kann man diesen Unterschied beziffern?

Wenn die gesamte Welt ihre Lebensmittel erzeugen würde wie die sehr industriell produzierende USA, wären alle fossilen Energieträger binnen 20 Jahren verbraucht. Man kann sich vorstellen, dass das nicht klimafreundlich ist. Da liegt der Ökolandbau um Längen vorn.

Agrarministerin Ilse Aigner hat jüngst 3,3 Millionen Euro der Mittel für den Ökolandbau in die Exportförderung umgelenkt. Waren die Ökolandwirte etwa übersubventioniert?

Nein. Frau Aigner wie Herr Sonnleitner vertreten die Interessen der Agrarindustrie. Mit der Exportförderung unterstützt sie nicht den bäuerlichen, ökologischen Landbau, sondern die großen Konzerne - und damit wiederum einen tödlichen Kreislauf. Denn die Industriestaaten importieren billiges Futtermittel wie Soja aus den armen Ländern des Südens um die eigene Massentierhaltung aufrechtzuerhalten. Sie können dann ihre Produkte günstig exportieren - und zerstören durch Preisdumping auch Märkte in den Entwicklungs-Ländern. Mit der Unterstützung der Exportförderung wird das noch angeheizt!

BiofachIV

Aber sollte Herr Sonnleitner als Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) nicht die Interessen aller Landwirte vertreten?

Es ist zwar anmaßend, aber genau das behauptet er von sich. Der Bauernverband hat sich mit der Zeit immer mehr an den Interessen der großen Agrarkonzerne orientiert. Und die möchten billige Agrar-Rohstoffe haben. Deswegen bin ich selbst vor 35 Jahren aus dem DBV ausgeschert und habe die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) mitgegründet. Auch bei der Milchwirtschaft ein ähnliches Bild - hier gründete sich der Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BMD) als Reaktion auf die Politik des DBV.

Sie meinen, der Bauernverband unterstütze das Preisdumping bei den Milchpreisen?

Ja, denn er stützt die Mechanismen, die für die niedrigen Preise verantwortlich sind. Gleichzeitig schiebt er das Problem auf Discounter wie Lidl oder Aldi. Die sind zwar auch keine Chorknaben, agieren aber nur rein marktwirtschaftlich und nutzen - zusammen mit den Molkereien - die schwache Position der Bauern aus.

Ab 2013 schichtet die EU die Subventionen in der Landwirtschaft um. Werden die deutschen Bauern zu den Verlierern gehören?

Es gibt nicht DIE deutschen Bauern! Es gibt den Unterschied zwischen der bäuerlich-ökologischen, klimafreundlichen Produktion und der ölgesteuertem, agrar-industriellen Produktion, die wiederum klimaschädlich ist. Erstere wird momentan benachteiligt. Wie nach 2013 Gelder vergeben werden, ist im Zentrum des Konflikts zwischen diesen beiden Richtungen. Insofern stimmt es - es wird Verlierer geben. Dass es die  agrar-industrielle Produktion sein wird, dafür kämpfen wir, und dafür setzen wir uns auch in Brüssel ein.

Biofachinterview_III

Die FAO hat gestern den Welternährungsbericht vorgelegt. Ein Ergebnis war, dass die industrielle Landwirtschaftsproduktion wichtige Funktionen erfüllen kann bei der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung.

Die Agrarindustrie ist mächtig und hat auch bei der FAO Einflussmöglichkeiten. Die Industrie soll die wachsende Weltbevölkerung ernähren? Noch heute leben zwei Drittel aller Menschen von bäuerlich-ökologischer Landwirtschaft. So wie bei uns vor 50 Jahren. Die Agarindustrie ist es, die in den armen Ländern der Welt die Märkte zerstört.

Bis zum 20 Februar läuft in Nürnberg noch die Biofach-Messe. Die Branche feiert sich, hat aber de facto schlechte Zahlen vorzuweisen.

Prozente zeigen nicht alle Entwicklungen. Ökologische Landwirte haben in den vergangenen Jahrzehnten in diesem Land einen "Bio-Mainstream" geschaffen. Das sind Menschen, denen nicht nur wichtig ist, dass ein Produkt billig ist, sondern auch dass es klimafreundlich und durch artgerechte Tierhaltung erzeugt worden ist. Das ist ein viel tiefgreifenderer Prozess als ein paar Prozentpunkte es andeuten könnten. Ähnlich wie bei der Anti-Atombewegung. Ohne die hätte es nie den Beschluss zum Atomausstieg gegeben. Wir werden diesen Prozess weiter beeinflussen - und ich bin auch optimistisch, dass es uns gelingt.  

INTERVIEW: LARS DITTMER

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