"Wenn uns das Wasser in den Schuhen steht"
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 Aus Brüssel Susanne GötzeÂ
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Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf ist Landwirt und seit 1989 Europaabgeordneter für die Fraktion der Grünen/Freie Allianz
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wir-klimaretter.de: Ihre Veranstaltung im Parlament hat das bis jetzt wenig populäre Thema Landwirtschaft und Klimawandel problematisiert. Glauben Sie, dass eine Landwirtschaft ohne Treibhausgase möglich ist?Â
Graefe-Baringsdorf: Die Landwirtschaft beruhte jahrtausendelang ausschließlich auf der Nutzung von Sonnenergie. Beim Pflanzenwachstum wird bekanntlich durch die Photosynthese Kohlendioxid gebunden, in Kohlenstoff festgelegt und dabei Sauerstoff freigesetzt. Da Pflanzenwachstum grundsätzlich immer Kohlendioxid-bindend ist, leistet Landwirtschaft auch heute einen Beitrag zur Kohlendioxid-Verminderung. Am Ende sind es die Bäuerinnen und Bauern, die am umgekehrten Prozess beteiligt sind - wie alle Menschen: Wir atmen Sauerstoff ein und pusten Kohlendioxid aus.
Bei der Frage nach den Treibhausgasen geht es deshalb weniger um die traditionelle Form der Landwirtschaft, als vielmehr um die Anbaumethoden bei der Kultivierung von Pflanzen.Â
Wo liegt das Problem der konventionellen Agrarwirtschaft und wie sollte sie umstellen?
Ein gutes Beispiel ist der Einsatz von synthetischem Stickstoffdünger, der unter hohem Energieaufwand hergestellt wird und auf dem Feld Treibhausgase wie Lachgas freisetzt. Man hat eben eine zeitlang gedacht, dass mit der Verwendung von fossilen Rohstoffen das Pflanzenwachstum gesteigert werden kann - um mehr Tierfutter und auch Nahrung zu erzeugen.
Das ist doch auch richtig!
Natürlich. Nur kommt ein großer Teil dieser fossilen Energie aus Millionen Jahre alten Öl-, Kohle- oder Erdgasspeichern. Die erste Problematik, die dabei auftaucht, ist: Wie lange können wir denn diese Ressourcen noch nutzen? Solange man sagen konnte, dass wir unendlich viel davon haben, war der exzessive Einsatz zu vertreten.
Aber heute weiß jeder: Diese Energiespeicher sind endlich. Und wenn damit Schluss ist, dann sind die Generationen danach darauf angewiesen, dass allein das Sonnenlicht sie ernährt.
Jetzt taucht aber neben dieser Frage noch die Problematik der Erderwärmung auf. Diese Dramatik ist noch mal eine ganz andere. Bei der Endlichkeit der Ressourcen konnten wir noch sagen, dass dies eine Angelegenheit zukünftiger Generationen sein wird. Aber bei der Klimaveränderung sind wir viel schneller und direkter betroffen.
Graefe-Baringdorf (2. von links) auf der Veranstaltung "Nourishing people without biting the climate" im EU-Parlament
Ist die ökologische Landwirtschaft denn besser aufgestellt?
Wenn man vergleicht, was an fossiler Energie in die ökologische Landwirtschaft reingesteckt wird, ist die Energiebilanz sehr viel besser - vor allem weil sie keinen synthetischen Stickstoffdünger verwendet. Denn diese Produktion ist - bis auf einige Tankfüllungen für den Trecker - rein auf die Bindung des Sonnenlichts angewiesen.
Der in der Veranstaltung angesprochene Weltagrarbericht des IAASTD und der "Ecofair-Dialog"-Bericht von Misereor und der Heinrich Böll-Stiftung haben sich auch dieser Problematik gestellt. Was empfehlen diese Experten in der Klimafrage?
Diese beiden Berichte stellen sich der Problematik, welche Techniken und entsprechende Forschungen wir brauchen, um Menschen unter der Beachtung der Endlichkeit der Ressourcen und des Klimaschutzes zu ernähren. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen zeigen deutlich, dass eine weitere technische Intensivierung der Landwirtschaft bei diesen Fragen wenig hilft. Eine zunehmend ölgesteuerte Landwirtschaft weltweit, aber auch die Grüne Gentechnik führen in die Sackgasse.
Dagegen erklären beide Berichte: Besinnt euch auf das, was wir beim Pflanzenwachstum ohne Zutun der fossilen Brennstoffe nutzen können - die Sonne also. Deshalb wird nun eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft vorgeschlagen, also eine Erzeugung, die voll auf die Bindung der Sonnenenergie ausgerichtet ist und es sollen gleichzeitig Techniken entwickelt werden, mit denen man auch fossilfrei heizen und Strom machen kann. Das widerspricht natürlich den Kräften und Interessen, die weiterhin auf fossile Energiegewinnung setzen.
Das größte Gegenargument ist dabei immer die Ernährungssicherheit: Glauben Sie, man kann mit Bio die Welt ernähren?
Erstmal stellt sich vom Grundsatz her diese Frage nicht: Wenn die fossilen Rohstoffe alle sind, sind sie alle. Wenn uns das Wasser in die Schuhe gelaufen ist, brauchen wir nicht mehr fragen, ob wir satt werden, weil wir nichts mehr anbauen können. Also, wenn  Kohle, Öl und Gas einmal erschöpft sind, müssen die Menschen sowieso irgendwie ohne auskommen. Die Schäden und die Endlichkeit müssen deshalb zusammengerechnet werden. Also sollten wir mit einer vernünftigen Weichenstellung anfangen: Und zwar jetzt.

Graefe-Baringdorf: Weniger Fleischprodukte und Umstellung auf eine sonnen- statt auf eine ölgesteuerte Landwirtschaft
Ist es denn allein mit der Umstellung der Landwirtschaft getan oder muss sich nicht auch im Konsum was ändern?
Ja, man müsste anfangen, die Zahl der Tiere zu reduzieren, die für den Fleischverzehr gehalten werden. Wir haben gerade in der Tierhaltung einen sehr hohen Verbrauch von pflanzlicher und fossiler Energie. Ganz unsinnig ist es zudem, wenn nun auch noch Pflanzen dazu anbaut werden, um aus ihnen Kraftstoffe zum machen. Wenn man aus "Scheiße" - also aus Abfällen - Gold macht, dann ist das etwas anderes, zum Beispiel Biogas. Wenn wir aber die Flächen, die wir zur menschlichen Ernährung brauchen auch noch für den Tank nutzen, dann brauchen wir uns über fehlende Effizienz von biologischer Landwirtschaft nicht mehr unterhalten.
Tank und Teller werden sich schwer vereinbaren lassen. Es muss auch in dieser Richtung umgedacht werden und die Energieherstellung anders laufen als über die Nutzung von Pflanzen.
Glauben Sie auch an einen möglichen Green New Deal in der Landwirtschaft?Â
Ich halte nicht viel von solchen pauschalen Schlagwörtern. Um die Energie- und Ernährungsfrage zu lösen, müssen wir mit der kapitalistischen Logik der Güterherstellung brechen: Denn diese richtet sich nicht danach aus, was in Zukunft notwendig ist, sondern ausschließlich nach dem momentanen Gewinn.
Nachhaltigkeit bedeutet deshalb auch eine Überwindung der Logik, dass der höchste Profit immer das Beste für die Menschen ist. Nach dem Motto: Wenn jeder nach seinem Vorteil strebt, dann kommt für die Allgemeinheit was Gutes raus. Wir brauchen einen Ausstieg aus dem Kapitalismus und eine neue Idee des Zusammenlebens auf unserem Globus. Doch tatsächlich reichen weder unsere menschlichen individuellen, noch kollektiven Erfahrungen und geistigen Potenzen aus, uns einen realistischen Ablaufplan zu erstellen. Wir sind in diese Lebens- und Produktionsweise historisch reingerutscht und nun steigt uns das Wasser in die Schuhe. Wir können das Problem aber nicht mit unserem jetzigen Bewusstsein lösen. Auch nicht eben mal schnell mit einem "New Deal". Es wird lange dauern, bis wir beginnen, wirksam umzudenken und vernünftig zu handeln.

Graefe-Baringdorf: "Wenn Kalkutta absäuft, können wir hier noch in Ruhe unser Segelboot antäuen"
Dann werden wir erst aufwachen, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht?
Das Problem ist: Wenn uns das Wasser in den Schuhen steht, steht es den Menschen in Asien schon bis zum Hals. Wenn Kalkutta absäuft, können wir hier noch in Ruhe unser Segelboot antäuen. Wir haben es mit regional verschiedenen Geschwindigkeiten der Auswirkungen des Klimawandels zu tun. Doch wenn uns die Füße nass werden, kommen hoffentlich mehr und mehr Leute ins Grübeln. Aber es gibt eben nicht den Hebel, den man bloß umlegen müsste.
Was hat das Europäische Parlament bis jetzt zu dem Thema Landwirtschaft und Klimakrise gemacht?Â
Oft wird eine Sau durchs Dorf getrieben und alle wollen daran teilhaben und sagen: Ich hab sie auch gesehen. Dagegen habe ich nichts. Hier im Parlament ist es nicht das sehr große Thema. Aber immer wenn man Landwirtschaft und Klima in Verbindung bringt und die Abgeordneten merken, dass ihre Wahlinteressen betroffen sind weil das Thema die Menschen interessiert, werden sie aufmerksam. Doch es ist ein Kampf gegen die alten Überzeugungen, hinter denen sich ja auch viel Macht und Geld verbirgt. Da muss das Wasser leider noch ein bisschen steigen. Â
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