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Reisbauern gegen Methan-Emissionen

Die globalen Methanemissionen steigen rasant. Schuld daran ist vor allem die Landwirtschaft. Dabei gibt es Lösungen, um die Emissionen aus Rindermägen und Reisfeldern zu senken.

Aus Chiang Mai (Thailand) Christian Mihatsch

Auf den ersten Blick wirkt das Problem fast niedlich: Geht es nur nach Gewicht, entsprechen die weltweit vom Menschen verursachten Methan-Emissionen von 293 Millionen Tonnen weniger als einem Prozent der CO2-Emissionen. Doch Methan (CH4) hat über hundert Jahre gerechnet eine 28-mal stärkere Treibhauswirkung als CO2. Außerdem stammt Methan aus viel mehr verschiedenen Quellen.

BildUnterschätzte Treibhausgas-Quelle: Reisanbau, hier die Ernte in Myanmar. (Foto: Richard Dicky/​Wikimedia Commons)

"Im Gegensatz zu CO2, wo wir eindeutige Emissionsquellen wie Kraftwerke haben, ist fast alles im globalen Methanbudget diffus", sagt Robert Jackson von der US-Universität Stanford. "Von Kühen über Sumpfgebiete und Reisfelder – der Methanzyklus ist schwieriger zurückzuverfolgen."

Das Resultat dieses Kreislaufs lässt sich aber wieder einfach messen und zeigt ein klares Ergebnis: "Das Abflachen, das wir in den letzten Jahren bei den CO2-Emissionen gesehen haben, ist ein auffälliger Unterschied zu der schnellen Zunahme bei Methan", so Jackson. Dies sei "besorgniserregend", biete aber auch "eine Chance zur Emissionssenkung, die die Anstrengungen bei CO2 ergänzt".

Leinöl ins Futter

Von den durch Menschen verursachten Methanemissionen entfällt ein Drittel auf die Nutzung von fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas. Die anderen zwei Drittel stammen aus der Landwirtschaft. Diese ist laut neueren Studien auch für den Anstieg der Emissionen in den vergangenen Jahren verantwortlich. Das Hauptproblem sind hier Rinder und Reis. Die nächstliegende Lösung, um die Emissionen aus Rindermägen zu reduzieren, ist statt Rindfleisch Schweine- oder Geflügelfleisch zu essen – sofern man nicht ganz auf Fleisch verzichten möchte.

Durch die Beigabe von Leinöl und Kalziumnitrat zum Futter von Wiederkäuern lässt sich zudem die Methanproduktion in deren Mägen um knapp ein Drittel reduzieren, wie eine Studie im Wissenschaftsmagazin Journal of Animal Science zeigte. Aufgrund der hohen Konzentration in der Futtermittelindustrie besteht so die Möglichkeit, mit relativ einfachen Maßnahmen die Methanemissionen der Rindfleisch- und Milchwirtschaft merklich zu mindern.

Fracking soll klimafreundlicher werden

Relativ "einfach" ist es auch, die Methanemissionen beim Fördern von Kohle, Öl und Gas zu senken. Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas und Schiefergas, findet sich aber auch in Kohleflözen im sogenannten Grubengas.

David Allen von der Universität Texas hat die Emissionen bei der Gasförderung mittels Fracking in den USA untersucht und kommt zum Schluss: "Ein kleiner Teil der Bohrlöcher ist für einen Großteil der Emissionen verantwortlich." Genauer: Ein Fünftel der Bohrlöcher verursacht drei Viertel der Emissionen. Diese Emissionen zu stoppen sei daher "einer der schnellsten und kostengünstigsten Wege, um Treibhausgase zu reduzieren", sagt Allen.

Dass das voraussichtlich auch geschehen wird, ist drei Republikanern im US-Senat zu verdanken: John McCain, Lindsey Graham und Susan Collins haben den Versuch der Regierung von US-Präsident Donald Trump abgewehrt, eine Regel zur Reduktion von Methanemissionen abzuschaffen.

"Nachhaltiger Reis" mit Bayer und Nestlé

Die größte Herausforderung sind die Emissionen aus Reisfeldern: Hier kann man sich nicht auf einige wenige Futtermittel- oder Energieproduzenten konzentrieren, sondern muss Millionen von Kleinbauern in Asien davon überzeugen, ihre traditionelle Anbaumethode zu ändern. In gefluteten Reisfeldern wird Methan von Mikroorganismen produziert, die Pflanzenreste zersetzen. Lässt man die Felder zeitweise trockenfallen, sterben diese Mikroben ab. Traditionell stehen Reisfelder aber vom Pflanzen der Setzlinge bis kurz vor der Ernte unter Wasser.

Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2011 die "Plattform für nachhaltigen Reis", kurz SRP, ins Leben gerufen. Diese umfasst große Umwelt- und Entwicklungsorganisationen wie die Rainforest Alliance und die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), Agromultis wie Bayer und Syngenta sowie Lebensmittelkonzerne wie Nestlé und Mars.

Die SRP hat dann einen "Standard für nachhaltigen Reis" entwickelt. Dieser regelt vom Saatgut über Dünger und Pestizide bis zu Schutzhandschuhen und dem Schulbesuch der Kinder von Reisbauern alle Aspekte der Reisproduktion. Nun wird der Standard in vier Ländern eingeführt: in Kambodscha, Pakistan, Thailand und Vietnam.

"Thailand ist systemrelevant"

Das Projekt in Thailand wird von der GIZ, dem Großhandelskonzern Olam aus Singapur und der Regierung realisiert. Letztes Jahr wurde dort in der Provinz Ubon Ratchathani der weltweit erste "nachhaltig produzierte Reis" nach SRP-Standard geerntet – mit vielversprechenden Resultaten: "Die Bauern haben einen 20 bis 25 Prozent höheren Gewinn erzielt", sagt Matthias Bickel, der Projektleiter der GIZ. "Die Reisqualität war besser und die Bauern haben weniger Saatgut, weniger Dünger und weniger Pflanzenschutzmittel benutzt." Außerdem seien 26 Prozent weniger Treibhausgase emittiert und der Wasserverbrauch gesenkt worden.

Das Pilotprojekt in Ubon Ratchathani war mit 70 teilnehmenden Bauern noch sehr klein, schließlich gibt es in Thailand vier Millionen Familien, die Reis anbauen. Bis 2020 soll das Projekt auf 100.000 Bauern ausgedehnt werden. Diese sind in Gruppen organisiert, die wiederum regionalen Reiszentren angehören. "Wir haben einen Lehrgang mit zwölf Modulen entwickelt, der kaskadenartig weitergegeben wird", erklärt Bickel das Vorgehen.

Denn jetzt soll es schnell gehen: Die beiden US-Lebensmittelkonzerne Kellogg und Mars haben angekündigt, ab 2020 nur noch den "nachhaltigen" SRP-Reis zu kaufen. Dafür sind Zehntausende Tonnen erforderlich. Um diese Nachfrage zu decken, ist Thailand der Schlüssel: "Nur sechs Prozent des weltweit benötigten Reises werden international gehandelt, aber davon kommt ein Viertel aus Thailand", sagt Bickel. "Thailand ist daher systemrelevant."

Bild Rinderzucht ist klimaschädlich, jedenfalls wenn keine nachhaltige Weidehaltung betrieben wird. (Foto: EU)

Bleibt die Frage, warum es erst jetzt gelungen ist, so etwas wie den SRP-Standard zu entwickeln und einzuführen, schließlich profitieren davon sowohl die Bauern als auch das Klima. "Bis vor fünf Jahren war es unmöglich, eine große Initiative im Reissektor zu starten. Reis ist in vielen Ländern ein sehr politisches Produkt", sagt Bickel. "In Thailand hat erst die Abschaffung der Subventionen für Reis die Tür dazu geöffnet." Außerdem fehle bislang der Druck der Öffentlichkeit: "Anders als etwa bei Palmöl, wird das Nachhaltigkeitsthema bei Reis weder von Produzenten noch von Konsumenten wahrgenommen."

Damit geht es Reis letztlich wie Methan: Nur wenige kennen das Problem und noch weniger die Lösungen. Dabei gibt es welche.

[Erklärung]  
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